Vendée Globe: Das unglaubliche Comeback von Alex Thomson – Mit Strategie-Trick in Führung

"Einfach weggeballert"

Alex Thomson hat in kürzester Zeit ein die Konkurrenz in die Schranken gewiesen. Er zeigte plötzlichen Speed und einen genialen taktischen Schlag. Warum der sich so gut auszahlte.

Nach dem Fauxpas an der portugiesischen Küste und dem zuvor verlorenen Speed-Duell mit Armel Le Cleac’h mochte man keinen Pfifferling mehr auf Alex Thomson setzen. Aber über das Wochenende hat der Brite in beiden Belangen gepunktet. Plötzlich zeigte er einen schier unglaublichem Speed und pirschte sich wieder an die Führungsgruppe heran. Dann zeigte er, dass er durchaus auch taktisch glänzen kann.

Die Passage der Kapverden-Inseln erwischte er perfekt. “Ich war erstaunt, dass mir niemand gefolgt ist”, sagt Thomson. Aber die Konkurrenz hatte wohl den Glauben an seine strategischen Fähigkeiten verloren nach dem groben Schnitzer vor wenigen Tagen.

Alex Thomson

Alex Thomson hat die Stärken seiner Konstruktion ausgespielt. © Hugo Boss

So hätte zumindest Morgan Lagravière mit seiner “Safran” die Möglichkeit gehabt, dem Beispiel von “Hugo Boss” zu folgen. Der Foiler lag knapp im Kielwasser und konnte dem Speed des Briten folgen. Aber so ganz traute er Thomsons Urteilsvermögen der Vorhersage-Daten  offenbar nicht. Kurz vor der Passage halste er, um in Lee der Insel zu passieren. Danach reihte er sich fast 60 Meilen dahinter wieder nahezu im Kielwasser wieder ein.

Dem Windschatten ausweichen

Thomson dagegen nutzte die Düse zwischen Santo Antao und Sao Vicente aus, zirkelt in Sichtweite der Küsten zwei kurz aufeinander folgende Halsen ins Wasser, um wieder auf Südkurs zu kommen und übernahm die Führung. Die Konkurrenz nahm dagegen weite Umwege in Kauf, um den Windschatten der Hindernisse zu umfahren.

Die Situation bei der Ansteuerung der Kap Verden. Safran liegt knapp im Kielwasser von Hugo Boss.

Die Situation bei der Ansteuerung der Kapverden. Safran liegt knapp im Kielwasser von Hugo Boss.

Lagravière entscheidet sich aber für eine Halse. Auch Le Cleac'h (blau) versucht mit einer Halse dem Windschatten in Lee von Santo Antão zu entgehen. Thomson steuert direkt auf die Inseln zu.

Lagravière entscheidet sich aber für eine Halse. Auch Le Cleac’h (blau) versucht mit einer Halse dem Windschatten in Lee von Santo Antão zu entgehen. Thomson steuert direkt auf die Inseln zu.

Aber erst nach der Passage sackt Thomson den großen Gewinn ein, als eir eine Zeitlang tiefer als seine direkten Gegner segeln kann und sich fast vor sie schiebt.

Aber erst nach der Passage sackt Thomson den großen Gewinn ein, als er eine Zeitlang tiefer als seine direkten Gegner segeln kann, damit die kostspielige Halse gen Osten spart und sich dennoch fast direkt vor sie schiebt.

Inzwischen konnten auch die drei direkten Konkurrenten wieder tiefer zum Wind segeln und Thomson mit vergrößertem Querabstand unter Druck setzen.

Inzwischen konnten auch die drei direkten Konkurrenten wieder tiefer zum Wind segeln und Thomson mit vergrößertem Querabstand unter Druck setzen.

Den eigentlichen Big Point macht “Hugo Boss” erst einige Meilen nach den Inseln, als er eine Zeitlang sehr tief steuern konnte und le Cleac’h und Riou bei offensichtlich anderen Windbedingungen anspitzen mussten. So schaffte es der Brite fast, sich direkt vor den Gegnern zu platzieren und damit die Führung zu konsolidieren.

Aber die steuerten dann ebenfalls weiter westlich und machten die Schere zu dem schwarzen Boot mit gut 40 Meilen Querabstand wieder auf. Bei sich abschwächendem Wind vor den Doldrums holen sie wieder auf. Die nächste Entscheidung steht an. Wer kommt wo am besten durch die schwächeren Winde?

Die Konkurrenz grübelt

Aber was auch immer in den nächsten Tagen passiert, Thomson hat nun wieder das Momentum auf seiner Seite. Die Konkurrenz grübelt, wie er so schnell unterwegs sein kann.

Die starke Route von Alex Thomson, der alleine inmitten der Kapverden passiert.

Die starke Route von Alex Thomson, der alleine inmitten der Kapverden passiert.

Morgan Lagravière bezeichnet die Geschwindigkeit von “Hugo Boss” als “interessant”. Er sei entweder sehr schnell oder ein wenig langsam. Dazwischen gebe es nichts. “Ich war gestern eine kurze Zeit direkt hinter ihm, dann ist er einfach weggeballert mit zunehmendem Wind. Wir segeln gerade Winkel, die eigentlich zu tief sind, um die Foils richtig einzusetzen. Alex aber hat perfekte Bedingungen für seine tiefer ansetzenden Flügel, und das hat sich in diesem Moment ausgezahlt. Wir werden aber sehen, wie es weiter geht. PRB zum Beispiel ist deutlich vielseitiger. Bei Alex sieht es so aus, als habe er nur ein sehr schmales Windfenster, bei dem das Schiff seine Leistung bringt.”

Es kann nur gut sein für den Briten, dass die Konkurrenz grübelt. Er hat sich im Gegensatz zu den Franzosen alleine vorbereitet und so wissen sie nicht, wozu sein Schiff in der Lage ist. Dazu mag sich die alte Geschichte über den Leistungsverlust durch das im Training abgebrochene Foil als gut getimte Finte entpuppen. Thomson sagte vor Monaten, dass er wieder auf die alten Foils der ersten Generation zurückgreifen müsse. Das implizierte eine signifikante Schwächung. Aber davon kann im Moment keine Rede sein.

Kommt jetzt die Schwächeperiode von “Hugo Boss”?

Wenn Lagravière allerdings Recht hat, dürfte jetzt wieder bei weniger Wind eine Schwächeperiode von “Hugo Boss” zu erwarten sein. Wie schwer wird er es haben, durch die Doldrums zu kommen? Eine schnelle Passage wäre aber nicht unwichtig, weil dahinter mit dem zunehmenden Wind die Post abgeht. Wer diese Zone zuerst erreicht, kann sich einen signifikanten Vorteil erarbeiten.

Ob jetzt Le Cleac’h wieder Gas gibt? Er hat ein wenig nachgelassen in den vergangenen Tagen. Aber bei dem Zweiten der vergangenen Vendée wird man das Gefühl nicht los, als hätte er im entscheidenden Moment immer noch etwas zuzulegen. Zumindest hat er Thomson jetzt gezwungen, aus der Deckung zu kommen.

Die Profis sind immer noch in der Lernphase. Sie sehen sich genau an, welche Informationen zu den Leistungen der Gegner zu erfahren sind. Welche Winkel, welchen Speed sind sie in der Lage bei welchem Sind zu steuern? Wer diese Hausaufgaben am besten macht, hat in der entscheidenden Phase des REnnens die besten Chancen, einen erfolgreichen Ausbruchversuch zu starten.

Auf jeden Fall spielt Sébastien Josse wieder bestens mit. Man musste sich schon ein wenig Sorgen machen um den hoch gehandelten Foiler aus dem Gitana-Team. Er lag ja schon 64 Meilen hinter “Banque Populaire” zurück. Aber zuletzt hat er dem Top-Favoriten mächtig Dampf gemacht und seinen Status als einer der gefährlichsten Herausforderer bestätigt.

In den nächsten Tagen kann es wieder große Verschiebungen im Feld passieren, da die Boote auf verschiedenen Kursen den Leichtwind-Bereich durchstechen. Es muss sich zeigen, wer die richtige Nase hat. Die gute Glitsch-Performance wird Thomson hier nicht helfen.

Tracker Vendée Globe

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „Vendée Globe: Das unglaubliche Comeback von Alex Thomson – Mit Strategie-Trick in Führung“

  1. avatar Friedrich sagt:

    Heute Morgen sieht es so aus, als sei Alex auch am besten durch die Dolldrums gekommen. Mal sehen, wie er upwind klar kommt.

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  2. avatar Müller sagt:

    Hmmm… die Windprognose sieht aber eher so aus, als würde er noch eine ganze Weile mitten drin stecken.

    Mal eine Frage: warum geht Vincent Riou so auffällig auf Tuchfühlung? Testen und sticheln oder sammelt er schon mal Infos fürs nächste Boot?

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Ich denke, in den Doldrums kann man nicht viel taktieren. Man muss das nehmen, was kommt und einigermaßen Fahrt im Schiff behalten. Riou muss einfach darauf hoffen, dass er im Bord-an-Bord-Kampf Bedingungen bekommt, die seinem Non-Foiler gut schmecken. Er kennt die Polaren seiner Kiste am besten im Vergleich zur Konkurrenz mit den Neubauten. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

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      • avatar Müller sagt:

        Hallo Carsten, danke für die Antwort!
        Seine Kiste hat er allerdings beeindruckend gut im Griff…
        Den Stil fährt er doch eigentlich schon seit den Kanaren und und, so offensichtlich, als einziger. Habe den Eindruck, er heftet sich grundsätzlich ans Heck seiner direkten Konkurrenz, überholt und springt dann zum nächsten. Nicht verkehrt, stelle es mir aber sehr aufreibend vor, immer noch auf ein Boot in unmittelbarer Nähe achten zu müssen. Auf jeden Fall das komplette Gegenteil von Alex Thomson.

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  3. avatar dubblebubble sagt:

    Wahnsinn wie Thomson wegzieht. Pedal to the Metal!

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  4. avatar Matthias sagt:

    “Aber die steuerten dann ebenfalls weiter östlich” — westlich

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