Vendée Globe: Die erstaunliche Reise der Pip Hare – “Unglaublich, dass mich jemand bemerkt”

Kleine Frau ganz groß

Die Britin Pip Hare (47) ist nur eine von sechs Frauen bei dieser Vendée Globe und nun “nur” auf Platz 19 ins Ziel gekommen. Aber sie hat Großes vollbracht. Warum sie für viele Fans ein Sieger der Herzen ist.


Pip Hare kann es nicht fassen, dass sie die Vendée Globe geschafft hat. © Yvan Zedda / Alea

Dieses Strahlen, diese Freude, Pip Hare gelang eine mitreißende Vendée Globe. Sie ist eine der großen Entdeckungen dieser Regatta und wohl der beste Beweis dafür, dass es nicht nur um Siege gehen muss. Die Britin hat die Bühne genutzt, authentisch über ihr Abenteuer zu berichten.

Mit dem 21 Jahre alten ältesten Boot der Flotte, das schon fünfmal um die Welt gesegelt ist, lieferte sie sehr lange aber auch sportlich eine starke Leistung ab. Lange hielt sie sich im Kreise der älteren Foiler auf Rang 15. Bis der Ruderschaft brach. Das Rennen schien gelaufen, aber ihr gelang der Wechsel zum Ersatzruder schneller als erwartet. Umso größer war die Freude über die Rundung von Kap Hoorn.

Der Spaß, der mit einem Luftsprung beim Kreuzen der Startlinie begann, hielt an bis zum Morgen des 12. Februars an. Um 00:57 Uhr überquerte sie die Ziellinie der Vendée Globe nach 95 Tagen und 11 Stunden. Sie verpasste damit um einen Tag ihr selbst gestecktes Ziel, Ellen MacArthurs Rekord zu schlagen. Aber ohne die jüngsten Schäden segelte sie weit über dem Potenzial ihres Bootes.

Der Schweizer Alan Roura hatte für die Strecke vor vier Jahren auf demselben Boot 105 Tage und 20 Stunden benötigt. Und diesmal kam er nur einen Tag vor ihr ins Ziel. “Es war unglaublich” sagt Hare im Ziel. “Ich hätte nie gedacht, dass es so sein würde. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Foiling-Booten spielen würde”. Am Tag zuvor waren mit Arnaud Boissières, Kojiro Shiraish (JPN), Roura und Stéphane Le Diraison gleich vier mit Tragflächen ausgerüstete IMOCAs ins Ziel gekommen.

Pip Hare nach dem Zieleinlauf bei der Vendée Globe 2020/21. © Olivier Blanchet / Alea

Pip Hare erfüllte sich schon mit dem Start bei der Vendée Globe einen Lebenstraum. Dass sich die mit einem Mini-Budget gestartete Segelsportjournalistin dann durch hartes Segeln und kluge strategische Entscheidungen so lange im Mittelfeld halten konnte, war nicht zu erwarten.

Kippkiel mit Flaschenzug statt Hydraulik

Ihre Rennyacht, mit dem der Schweizer Bernhard Stamm zweimal den Transatlantik-Rekord gebrochen und das Around Alone 2002-2003 gewonnen hatte, gilt als eines der am schwierigsten zu segelnden Boote der Flotte. Unter anderem wird der Kiel nicht per Hydraulik-Ramme gekippt, sondern mit einem Flaschenzug. Das Cockpit ist weitgehend ungeschützt. Dazu kamen technische Probleme. So verlor “Medallia” einen ihrer Hydrogeneratoren und Hare bekam Probleme bei ihrer Energieversorgung. Sie musste ihre Dieselreserven gut einteilen und im Südmeer etwa ohne Heizung auskommen.

Problematischer noch war der Ausfall der Windanlage Anfang Januar. Seitdem konnte der Autopilot nur noch im Kompassmodus arbeiten. Hare schlief nur noch mit einer Hand an der Fernbedienung, um auf plötzliche Windänderungen reagieren zu können.

Sie berichtet: “Ich habe Medallia noch nie so gesegelt. Es fühlt sich so falsch an, es ist überhaupt nicht entspannend und ich bin unglücklich bei dem Gedanken an all die Meilen, die ich gegen die anderen auf dem Kurs verliere. Es schmerzt wie die Hölle.”

Klobig aber einfach

Ihr Märchen schien beendet, als der Ruderschaden passierte. Aber sie löste auch dieses Problem. “Ich kann wohl sagen, dass ich nicht immer nett zu meinem Boot war. Ich habe es stark beansprucht, aber es ist das richtige Boot für mich. Wohl ist es ein bisschen klobig und mit viel Aufwand zu segeln, aber dafür einfach. Ich musste mich nicht so sehr um das Schiff kümmern und konnte mich mehr auf die wichtigen Dinge konzentrieren wie die Navigation oder die passenden Segel.

Aber ich kann durchaus sagen, dass ich ungern wieder solch ein Boot segeln möchte, bei man viermal zum Mast hin und zurück laufen muss, um zu reffen. Und ich will ein Dach. Und ich will einen kleinen Knopf, den man drückt, um den Kiel zu bewegen.”

Die Probleme setzten sich fort: Hare konnte ihren kleinen Gennaker nicht mehr setzen und es traten Probleme mit dem Kiel auf. Kurz vor Schluss musste sie auch noch ihr Code Zero Vorsegel aus dem Wasser retten. Nichtsdestotrotz holte  sie auf den letzten Meilen bis zum Ziel mehr als 100 Meilen zu Le Diraison und Roura auf.

Von Le Cam umarmt

Überglücklich zeigte sie sich im Ziel über die Umarmung von Jean Le Cam, der sie schon während der Regatta gelobt hatte. “Ich kann es nicht glauben. Ich kann es wirklich nicht glauben. Es ist das erste Mal, dass mich überhaupt jemand bei einem Rennen bemerkt hat. Ich bin immer noch überrascht, dass sie überhaupt wussten, dass ich dabei bin. Es ist ein unglaubliches Kompliment, wenn ein Segler, der weiter oben in der Rangliste steht als ich, sagt, dass ich mich gut geschlagen habe. Es ist wirklich eine unglaubliche Bestätigung.”

Jean Le Cam war einer der ersten Gratulanten von Pip Hare. © Jean-Louis Carli / Alea

Hare mag für ihre navigatorischen und strategischen Entscheidungen gelobt worden sein, aber insbesondere ist ihr Erfolg und die Aufmerksamkeit durch ihre Berichterstattung zu erklären. Sicher hat dabei ihr journalistischer Hintergrund geholfen – seit vielen Jahren schreibt sie etwa für das Magazin Yachting World. Aber insbesondere durch die Arbeit mit dem Selfie-Stick erreichte sie per Video mit ihrer ehrlichen, humorvollen, teilweise fast kindlich begeisterten Art viele neue Fans.

Zu ihrem 47. Geburtstag auf See schaffte es ihr lokaler Radiosender BBC Solent sogar, dass Film-Megastar Russell Crowe eine Geburtstagsnachricht schickte. Zuvor hatte Hare erklärt ein großer Fan des Film Blockbusters Master & Commander zu sein. Auch Ben Ainslie und Ellen MacArthur schickten ihr Glückwünsche.


Old School Racing mit ungeschütztem Cockpit auf der 21 Jahre alten Medallia © PipHareRacing

Schon jetzt ist für sie klar, dass sie es in vier Jahren noch einmal bei der Vendée Globe versuchen wird. “Das war nicht meine letzte Vendée Globe. Auf keinen Fall. Ganz und gar nicht. 2024 komme ich zurück. Jetzt habe ich es gesehen, jetzt weiß ich, was mich erwartet, jetzt weiß ich, wo ich mich verbessern kann, und außerdem ist es einfach ein unglaubliches Rennen. Es fordert dich als Person so sehr, warum sollte man nicht wiederkommen wollen?”

Sponsor Medallia, ein amerikanisches Softwareunternehmen, das Pip in der Endphase der Vorbereitung unterstützt hat, hat sich schon sehr zufrieden über die Investition geäußert. Schon zur Mitte des Rennens hatte CEO Leslie Stretch die Skipperin in der Live-Video-Show gefragt: “Was kommt als Nächstes, Pip? Lass uns ins Ziel kommen und dann ein neues Boot kaufen gehen, ja? Lasst uns das tun! Was hältst du von der nächsten Runde?”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Die erstaunliche Reise der Pip Hare – “Unglaublich, dass mich jemand bemerkt”“

  1. avatar MB sagt:

    Ja, Pip war neben Boris und Alex diejenige, die esxgeschafft hatte die die ganze Dimension des Rennens mit emotionalen Auf und Abs, mit Taktik und Technik, mit Glück und Pech und vor Allem mit dem Willen zum ankommen in ihre Berichte zu packen. Thank you!
    An die Redaktion: Auch wenn sich “Hydraulik-Ramme” cool anhört, die korrete deutsche Bezeichnung ist schlicht “Hydraulikzylinder” oder -stempel.
    Aber sonst wie immer prima Bericht im SR, Danke auch dafür.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

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