Vendée Globe: Die Favoriten – Franzosen listen Boris Herrmann auf Rang zehn

Wer gewinnt?

33 Skipper starten am Sonntag zur Nonstop-Einhand-Regatta um die Welt, Vendée Globe. So viele wie nie. Aber selten waren auch so viele in der Lage, um den Sieg mitzusegeln. Wer gewinnen kann.

“Charal” mit den neuen Flügeln. Weniger Flughöhe, aber mehr Stabilität. © Charal

Selten war eine Vendée-Globe-Vorhersage so spannend. Acht IMOCA-Neubauten sind am Start, und einige ältere Konstruktionen, wie die von Boris Herrmann, sind so gut mit einer neuen Tragflächen-Generation gepimpt worden, dass sie mithalten können.

Noch schwieriger wird die Sieg-Prognose, weil es bisher kaum Regatten gab, aus denen man eine valide Hackordnung ableiten könnte. Im sogenannten Championship-Ranking der IMOCA-Klasse liegt sogar Boris Herrmann ganz vorne. Ein schiefes Bild, das insbesondere auch dadurch entsteht, weil er mit seinem alten Boot an mehr Rennen teilnehmen konnte als die Neubauten.

Die IMOCA-Flotte darf wieder starten. © Zedda/Defi Azimut

Einige der neuen Designs sind dagegen durchaus planmäßig erst spät zu Wasser gelassen wurden. Sie hätten in dieser Saison zumindest an den beiden geplanten Transatlantik-Regatten nach New York und wieder zurück teilnehmen wollen. Aber Corona hat nur das knapp zehntägige VALSO-Rennen im Nordatlantik von Frankreich bis hoch nach Island erlaubt, das noch kein echter Maßstab war.

Auch die Einordnung der acht Neubauten ist schwieriger als sonst. Bei der vergangenen Vendée Globe 2016 wurde die Mehrzahl der neuen IMOCAs vom VPLP-Designteam in Kooperation mit Verdier gezeichnet. Deshalb ähnelten sie einander sehr. Diesmal spielen dagegen vier verschiedene Konstruktionsbüros mit. Entsprechend unterschiedlich sind die Ideen zur vermeintlich perfekten Kombination aus Rumpf- und Foil-Form. Und sie haben so viel geplante Vorbereitungszeit verloren, dass Insider der Szene schon eine Ausfallquote von mehr als 60 Prozent erwarten.

Die Liste der Besten

Dennoch wagen die Experten der führenden Segelzeitschrift Voiles et Voiliers eine Prognose zum Rennausgang. Dafür schufen sie ein Punktesystem, mit dem sie die Leistung des Bootes bewerten, die Qualität des Projekts bezüglich Budget, Zeitplan und Zuverlässigkeit der Yacht, die Erfahrung des Skippers bei Hochseeregatten, oder seine Erfolgsbilanz.

Neue Foils für Jeremie Beyou und seine Charal © Zedda, Charal

Demnach landet Jérémie Beyou mit seiner “Charal” (78 Punkte) auf Platz eins. Sein Schiff lief vor drei Jahren als erstes der neuesten Generation vom Stapel, optimiert entsprechend der IMOCA-Regeländerungen. Es hat die meisten Meilen im Kielwasser und wurde nach den ersten Regatten regelmäßig weiterentwickelt. Der dreifache Gewinner der Solitaire du Figaro wird auch als Skipper am hoch gerankt. Schließlich hat der 44-Jährige schon an drei Vendée Globes teilgenommen. Zweimal musste er aufgeben, 2017 wurde er Dritter.

Platz zwei bekleidet Alex Thomson mit seiner “Hugo Boss” (73 P). Er hat ebenfalls die nötige Erfahrung und sicher auch ein großes Budget. Aber niemand weiß, wie der Brite (46) tatsächlich in Form ist. Sein Schiff zeigte bei der Transat Jacques Vabre vor einem Jahr, dass es schnell sein kann, aber dann brach der Kiel. Seitdem hat sich Thomson nicht mehr der Konkurrenz gestellt.

“Hugo Boss” im Flugmodus. © Snook Graham

Charlie Dalin wird von den V&V-Spezialisten auf Platz drei gesetzt (70 P) . Er hat mit seiner “Apivia” schon die Transat Jacques Vabre gewonnen und segelte bei anderen Vergleichen immer auf Augenhöhe mit “Charal”. Der 36-Jährige startet aber bei seiner ersten Vendée Globe.

Wenn Charlie Dalin mal an Deck muss wird es nass. © François Van Malleghem / IMOCA

Knapp dahinter auf Platz vier mit 69 Punkten landet Thomas Ruyant mit “Linked-Out”. Er war im Vergleich zur Konkurrenz etwas später dran mit seinem Neubau, zeigte sich aber schon auf Augenhöhe mit den Besten. Allerdings konnte er erst spät die neueste Version seiner Foils montieren.

Thomas Ruyant mit Vollgas © liot/defi azimut

Noch später dran ist Nicolas Troussel, dessen „Corum-L’Epargne” (64 P) als letzte der acht Neubauten erst im Mai 2020 zu Wasser gelassen wurde. Deshalb ist der stramme Zeitplan die Achillesferse des Projekts. Dennoch steht er auf Platz fünf der V&V-Liste weil dem 46-jährigen erfahrenen Skipper zugetraut wird, schnell auf Speed zu kommen. Zweimal hat er schon die Solitaire du Figaro gewonnen.

61 Punkte erreicht Kevin Escoffier (40) mit seiner “PRB” auf Platz sechs. Er segelt die wohl schnellste der optimierten IMOCAs, die zwar schon elf Jahre auf dem Buckel hat, aber von den geschickt angepassten Foil-Regeln profitiert, die auch ältere Designs konkurrenzfähig machen. Escoffier segelte das Schiff vielbeachtet bei der Transat Jacques Vabre auf Rang zwei. Aber besonders sein Volvo-Ocean-Race-Sieg mit Dongfeng macht ihn bereit für höhere Aufgaben.

Für Kevin Escoffier wurde PRB mit Foils nachgerüstet. Sie ist zurzeit der schnellste “alte” IMOCA. © CHRISTOPHE FAVREAU-DÉFI AZIMUT

Eine große Wundertüte ist die potenzielle Leistungsfähigkeit von Armel Tripon auf Platz sieben (60 P). Dabei geht es insbesondere um das Design seiner Dabei geht es insbesondere um das Design seiner “L’Occitane”, die extreme Manuard-Konstruktion mit Scow-Bug und hoch angesetzten Tragflächen. Er hat teilweise schon überraschende Geschwindigkeit-Boosts gezeigt und großes Speed-Potenzial. Aber wenige glauben, dass er es nach einer extrem kurzen Vorbereitungszeit ins Ziel schafft.

Occitane – nicht mehr ganz im “zen”-Modus © occitane/bouras

Die Britin Sam Davies wird von den Franzosen auf Platz acht geführt (57 P). Ihre “Initiatives Coeur” ist schon zehn Jahre alt. Armel Le Cléac’h segelte sie 2013 auf Rang zwei bei der Vendée, vier Jahre später wurde sie unter Jérémy Beyou dritte und danach so optimiert, dass sie ausgerüstet mit der neuesten Foil-Generation immer noch zu den schnellsten IMOCAs gehört. Davies (46) hat schon an zwei Vendée Globes teilgenommen.

Sam Davies mit ihrem schnellen IMOCA nach der Foil-Aufrüstung. © Yvan Zedda / Azimut Challenge

Deutlich mehr Potenzial hat eigentlich Sébastien Simon mit seiner neuen “Arkea-Paprec”. Aber er wird nur auf Platz neun geführt (56 Punkte). Er verlor viel Vorbereitungszeit, weil seine neuen Flügel früh brachen. Der erste bei einem Überführungstörn zum Start der Transat Jacques Vabre, der zweite dann bei der Regatta selbst. Es ist unklar, ob er die neuen Tragflächen ausreichend testen konnte.

Auch Arkea-Paprec hat neue Foils bekommen. © arkea paprec

Boris Herrmann wird von V&V mit deutlichem Abstand (37 P) auf Platz zehn gelistet, dort wo er sich auch selber sieht. Er startete mit viel Potenzial in die aktuelle Vendée-Globe-Kampagne, nachdem er überraschend die ex “Gitana” von Sébastien Josse erwerben konnte, eines der drei schnellsten Boote der vergangenen Vendée Globe.

Boris Herrmann mit seinen neuen Flügeln © Team malizia /liot

Aber lange fehlte ihm das Budget für die Aufrüstung mit der neuesten Foil-Generation. Schließlich verbesserte auch der Greta-Trip über den Atlantik sein Standing bei den Geldgebern. Und nun verfügt Herrmann auch über neue Segel und Tragflächen. Seine Seaexplorer-Yacht Club de Monaco zeigt längst ein Speedpotenzial, das ihn auch weiter nach oben in der Rangliste schielen lassen sollte. Bei den vergangenen Regatten konnte er gute Ansätze aber noch nicht in entsprechende Resultate ummünzen. Vielleicht klappt es bei dieser Vendée Globe.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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