Vendée Globe: Die Leiden des Schweizers Alan Roura – Mit Wackelkiel um die Welt

Öl spritzte aus der Hydraulik

Der Schweizer Alan Roura (27) wollte bei seiner zweiten Vendée Globe richtig angreifen mit neuem Boot und nachgerüsteten Foils. Aber schließlich wurde es ein extremer Test für die Psyche.

Alan Rora jubelt für die Schweiz nach einer für ihn besonders harten Vendée Globe.© Jean-Louis Carli / Alea

Der Zieleinlauf passte zu Alan Rouras Extremerlebnis bei dieser Vendée Globe. Nach dem Finish bei extremer Kälte durfte er nicht etwa an Land. Zu den 95 Tagen auf See kam noch eine weitere Nacht, weil die ungünstige Tide vor Les Sables d’Olonne das Einlaufen in den Hafen erst am nächsten Morgen ermöglichte. Erst danach durfte er sich das gewünschte Schnitzel mit Pommes und einem Glas Rotwein gönnen.

Roura freut sich über SchniPo und Rotwein nach 96 Tagen auf See. © Olivier Blanchet / Alea

Zuvor hatte er immerhin das interne Match Race mit dem Franzosen Stéphane Le Diraison um 2:20 Stunden gewonnen. So segelte er schließlich auf Platz 17 ins Ziel. Roura hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mehr wollte. Für  die 45000 Kilometer  um die Welt hatte er sich weniger als 80 Tage vorgenommen. Er konnte nicht ahnen, dass er damit die aktuelle Vendée Globe gewonnen hätte. Aber auch vor vier Jahren wäre er mit einer solchen Zeit auf Platz vier gelandet.

Alan Roura mit seinem Nachwuchs. © Roura LA Fabrique

Die großen Ziele im Vergleich zum zum letzten Mal – als er das älteste Schiff segelte (jetzt von Pip Hare bewegt) – gingen einher mit der Aufrüstung des Materials. Das von der Bäckerei-Kette La Fabrique gesponserte Schiff segelte schließlich schon auf Rang zwei bei der Vendée Globe. Allerdings ist das schon zwölf Jahre her. Damals umrundete Armel Le Cleac’h mit “Brit Air” die Welt in 89 Tagen und war damit etwas mehr als fünf Tage langsamer als der Sieger Michel Desjoyeaux.

Riechers mit Rouras IMOCA um die Welt

Danach bekam Jörg Riechers das Schiff 2015 für das Barcelona World Race zur Verfügung gestellt. Er segelte es unter dem Namen “Renault Capture” zusammen mit Sebastien Audigane in 121 Tagen auf Rang 6 um die Welt. Und Riechers bekannte, dass das Potenzial des Bootes nicht ausreichte, um die Konkurrenz zu gefährden. Und das war noch bevor Tragflächen auf IMOCAs montiert wurden.

Roura allerdings machte sich nach dem Erwerb der Yacht 2017 große Hoffnung konkurrenzfähig zu sein, weil er sie mit Foils nachrüsten konnte. Zwar gab das Budget nur ein Paar Tragflächen der ersten Generation her, aber der massive Umbau im Winter 2018 schien das Schiff tatsächlich auf ein sehr hohes Niveau zu heben. Im Sommer 2019 schaffte es der Schweizer mit “La Fabrique”, den Einhand Transatlantik-Rekord zu brechen.

Roura ließ bei der VG-Zweiten von 2008 Tragflächen der ersten Generation nachrüsten. © Christophe Breschi / La Fabrique

Aber danach konnte er bei den Vorregatten kaum noch in die agestrebten Regionen vorstoßen. Mit den Plätzen 15. / 21. / 14. platzierte er sich jeweils nicht im IMOCA-Vorderfeld. Dagegen zeigte insbesondere Isabelle Joschke, dass man mit einem Schiff von 2007 ganz weit vorne segeln kann. Allerdings hat sie ihre MACSF mit den längeren Foils der zweiten Generation ausgerüstet.

Roura hat mit 27 Jahren schon seine zweite Vendée Globe hinter sich. © Olivier Blanchet / Alea

Dennoch bereitete sich Roura gut zwei Jahre lang solide auf die große Runde vor. Er lernte sein Schiff immer besser kennen und schätzen. Und schließlich sollte die Vendée Globe ja auch erstaunlicherweise zeigen, dass man mit First-Generation-Foils bestens durch den Southern Ocean kommt kann. Mit ihnen wurde Platz 1 und 3 erreicht – wenn auch von jüngeren Booten.

Hadern mit den Flauten

Aber für Roura war diese Vendée Globe eine schwere Prüfung. Er kämpfte fast die gesamte Zeit mit einer lang andauernden Pechsträhne. Früh verlor er den Anschluss und konnte sich nicht wie erhofft in der erweiterten Führungsgruppe halten.  Er haderte damit, einige taktische Fehler begangen und viele Flautenzonen durchlitten zu haben.

La Fabrique, das Schiff, mit dem auch Jörg Riechers um die Welt segelte. © Christophe Breschi / La Fabrique

Etwa zur Hälfte der Regatta verhinderte ein Schaden am Neigekiel schließlich endgültig die mögliche Aufholjagd im Süden. Die Mechanik funktionierte nicht mehr. Öl spritzte aus dem Hydraulik-Zylinder, der den Kiel bewegt. Er musste ihn in der Mitte fixieren. Aber auch danach wackelte er immer mehr. Seitdem konnte er das Potenzial des Schiffes nicht mehr ausschöpfen. Es ging nur noch darum, heil nachhause zu kommen. Ein Abbruch stand kurz bevor.

Als ihm der Atlantik auch bei der Rückkehr mit Flauten und oft hartem Wetter nicht wohlgesonnen war, sagte er: “Meine Konkurrenten hier draußen haben wahrscheinlich auch ihre Sorgen, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass meine Situation die schlimmstmögliche ist. Für mich ist diese Vendée Globe wirklich ein großer mentaler und physischer Test.”

Duell gewonnen

Nach über 80 Renntagen wurde er schließlich doch noch mit einem sportlichen Höhepunkt belohnt. In den letzten 48 Stunden vor dem Ziel segelte er Seite an Seite ein Match Race mit Stéphane Le Diraison. So wie bei der Route du Rhum über den Atlantik, als er nur knapp fünf Minuten vor der Franzosen lag. Auch diesmal gewann er das Match zwischen den nahezu identischen Finot Conq-Designs mit knapp zwei Stunden Vorsprung.

Alan Roura mit Tochter Billie. © Roura LA Fabrique

“Man muss ein solches Erlebnis bestehen, um gestärkt daraus heraus zu kommen”, sagt Roura gegenüber der NZZ. Er habe einiges über sich gelernt in den drei Monaten. “Ich denke, ich bin bereit, noch einen Schritt weiter zu gehen.” Roura glaubt auch ein guter Wettkämpfer zu sein. Aber leider habe er nicht die Chance gehabt, das zu zeigen. Im Moment habe er keine Antwort auf die Frage, was noch fehle zu einem Spitzenplatz. Aber er setzt alles daran, in vier Jahren wieder am Start der Vendée Globe zu sein.

Ein schwieriger Weg. Denn der Vertrag mit dem Sponsor La Fabrique läuft im Sommer aus. Aber vor diesem Problem stehen gerade viele Kollegen. Sie hoffen, dass der jüngste Hype um das Rennen zu einem größeren Interesse bei potenziellen Geldgebern führt. 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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