Vendée Globe: Pläne des Zweitplatzierten Charlie Dalin – Was an Apivia noch zu verbessern ist

Der Dominator

Charlie Dalin ist bei der Vendée Globe als einziger Skipper seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Wie er sich nun auf den nächsten Höhepunkt vorbereitet und seine Spitzenposition in der IMOCA-Flotte festigen will.

Charlie Dalin im Flugmodus. © Jean-Marie Liot/Alea/Disobey/Apivia

Der Franzose Charlie Dalin (36) war als Mitfavorit in die Vendée Globe gestartet. Und er dominierte mit seinem Verdier-Neubau Apivia große Teile des Rennens so wie vorhergesagt. Zwei Faktoren kosteten ihn den Sieg:

Erstens, die ungewöhnliche Positionierung des St-Helena Hochs im Süd-Atlantik. Dalin und Thomas Ruyant auf dem Schwesterschiff Linkedout hatten nach der ersten Äquator-Passage gezeigt, dass ihre neuen Foiler bestens funktionieren. Sie waren sogar schneller als Alex Thomson mit Hugo Boss – ob sich seine runderen Foils im Southern Ocean bei mehr Wellengang bewährt hätten, konnte er nicht zeigen.

In der Vergangenheit war für den Vendé- Globe-Ausgangdie Positionierung vor dem Eintritt in den Southern Ocean entscheidend. Die Neubauten sind darauf ausgelegt, im Atlantik bei relativ wenig Wellengang ihre beste Leistung abzurufen, um dann von Tiefdruckgebieten im Süden gen Osten gepustet zu werden.

Charlie Dalin © Vincent Curutchet/Alea/Disobey/Apivia

Die Foils arbeiteten wie vorgesehen, aber die Flaute am Ausgang des Atlantiks schob das Feld wieder zusammen. Der Vorsprung, den die neuen Konstruktionen liefern sollten, war dahin. In den großen Southern Ocean Wellen konnten sie dann zwar mithalten, hatten aber keinen Vorteil mehr.

Zweitens, der Schaden am Backbord-Foil. Dalin verlor bei der Reparatur viele Meilen und seine Spitzenposition und konnte danach mit Wind von Steuerbord nicht mehr Vollgas geben. Dummerweise musste er auch bei der Rücktour über den Atlantik ungewöhnlich lange auf diesem Bug segeln. Apivia war zwar als erstes Boot über der Ziellinie und konnte knapp nicht die Zeitgutschrift von Yannick Bestaven heraussegeln.

Ochsentour der Sponsorensuche

Insofern ist es Charlie Dalin besser ergangen als vielen der Favoriten-Kollegen. Er ist der aktuelle Dominator der IMOCA-Flotte, denn selbst Jeremie Beyou, der Dauerkonkurrent auf Augenhöhe, konnte mit seiner Charal nach dem verspäteten Start nicht zeigen, dass er eigentlich viel schneller gewesen wäre.

Allein die Tatsache, dass Dalin anders als viele Konkurrenten während der Regatta um die Welt kein Problem mit Gewichtsverlust hatte, zeigt wie professionell die Vorbereitung durch sein Team ist.

Entsprechend solide hört sich seine weitere Saisonplanung an. Während die Kollegen schon wieder auf die Ochsentour der Sponsor- oder Boot-Suche begeben haben, läuft sein Vertrag erst einmal stabil weiter.

Sein Team vermeldet, dass der Skipper erst einmal eine längere Phase der körperlichen Erholung durchlaufen soll. “Langsam, aber sicher finde ich wieder zu einem normalen Schlafrhythmus zurück”, sagt Dalin. “Ich wache nicht mehr nachts auf, oder träume, dass ich auf dem Boot bin. ”

Die ersten Tage an Land seien noch relativ gut verlaufen. Er habe sich gar nicht so müde gefühlt. “Das Adrenalin beim Zieleinlauf hatte wohl seine Wirkung. Aber eine Woche danach traf es mich dann doch ziemlich plötzlich. Die Erschöpfung kam ohne Vorwarnung.”

Jeden Tag eine heiße Dusche

Apivia steht seit etwa zwei Wochen wieder an Land. “Ich gehe jetzt wieder fast jeden Tag dorthin und habe auch wieder ein wenig trainiert. Aber ich lasse es ruhig angehen und versuche, mich nicht zu sehr anzustrengen.”

Mit dem Team haben schon Nachbesprechung der verschiedenen Aspekte des Rennens begonnen. Dabei lag der Fokus insbesondere auf der Technik aber auch beim Schlaf. Die Daten der ersten drei Wochen des Rennens sind von einem Schlaflabor in Paris analysiert worden. Dazu kommen noch die mentalen Aspekte sowie die der Ernährung.

Charlie Dalin bei Sägearbeiten auf dem Vorschiff nach dem Foil-Schaden. © Charlie Dalin / Apivia

“Aber ich genieße auch wieder das Leben an Land und die vielen kleinen Freuden, wie etwa jeden Tag eine heiße Dusche. Aber auch abwechslungsreicheres Essen mit Obst und Gemüse. Vor allem verbringe ich Zeit mit meiner Familie, um meine dreimonatige Abwesenheit auszugleichen. Ich muss zugeben, dass ich sie selbst in diesem ersten Monat nach der Ankunft an Land zu wenig gesehen habe. Und da ich noch keinen Urlaub gemacht habe, werde ich mir bald eine kleine Woche nehmen… Aber die Pause wird kurz sein, denn die Saison geht bald weiter.”

Saison im Zweihandmodus

2021 steht ganz  im Zeichen des Zweihandsegelns, der Modus, in dem die Transat Jacques Vabre im Herbst gesegelt wird. Bei diesem Rennen ging vor zwei Jahren der Stern von Charlie Dalin auf. Er konnte die Regatta über den Atlantik mit der neuen Apivia gewinnen und strebt nun das Double an.

Das Boot bekommt nun auch erst einmal die wohlverdiente Pause in der Werft. Das Team arbeitet daran, kleinere Schäden zu beheben und mögliche Verbesserungen vorzunehmen. Insbesondere der Schaden am Rumpfausgang des Foils sei genauestens überprüft worden. “Wir werden das Lager nun anders einbauen und es deutlich verstärken.”

Der gesamte Rumpf ist per Ultraschall auf versteckte Schäden übergeprüft worden, man habe aber keine größeren Probleme gefunden. Fünf Techniker arbeiten derzeit an der kompletten Demontage der Apivia. Beschläge, Winschen, Kiel, Motor alles wird ausgebaut und den Herstellern zur Überholung und zum Checken geschickt.

“Die Jobliste ist lang. Aber darüber hinaus wollen wir das Schiff weiter verbessern, zuverlässiger machen und optimieren, um die Leistung zu steigern. Wir werden auf allen Ebenen Updates durchführen auch in Bezug auf die Zweihand-Bedienung. Das ist schon ein anders als bei einer Solo-Weltumsegelung.” Im Mai soll Apivia wieder ins Wasser kommen. Der Juni ist dann für ein Segelprogramm mit Sponsoren reserviert.

Drei Klassiker 2021

Bei der Transat Jacques Vabre mit Start in seinem Heimatort Le Havre erwartet der Skipper eine große Konkurrenz. “Bei dem etwa zweiwöchigen Atlantiksprint werden die Boote an ihre Grenzen gebracht werden müssen. Das werden wir zuvor bei noch zwei Klassiker testen – dem Fastnet Race im August und der Azimut Challenge im September in Lorient.”

Ob ihn das Rennen verändert habe? “Das habe ich im Ziel gesagt, aber ich weiß immer noch nicht, wie. Man muss das wohl wirklich abwarten. In den vergangenen Jahren habe ich mich etwa beim Segeln immer sehr auf meinen Instinkt verlassen. So denke ich, nun vielleicht eine bessere Balance gefunden zu haben. Nach einer so langen Zeit auf See, nach dem Erleben so vieler neuer Situationen habe ich nun vielleicht unbewusst einen ausgeprägteren Instinkt entwickelt habe.

Vor 2020 bin ich noch nie einhand mit einem IMOCA gesegelt. Auf diesem Gebiet habe ich also während dieser Vendée Globe sehr viel gelernt. Jetzt bin ich aber wirklich froh, dass wir in dieser Saison zu zweit segeln. Das ist auch ein ideales Format, um das Boot mit einem höheren Tempo zu segeln. Man kann die Segel öfter wechseln und mehr Manöver zu fahren. Dazu kommt die zweite Meinung eines Co-Skippers. Ich war nach dem Vendée Globe Ziel noch nicht wieder auf dem Wasser, aber nun kann ich es kaum erwarten! “

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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