Vendée Globe: Die tragische Geschichte des Alex Thomson – nun jagt ihn die Meute

Sonniges Gemüt

Alex ist der Beste. Beeindruckend, wie er mit seiner schwierigen Situation umgeht. Dabei muss er wirklich harte Schläge einstecken und fällt immer weiter zurück. Portrait und Rückblick.

Alex Thomson könnte sich in seiner schwarzen Höhle verkriechen, mit den Fäusten auf den Rumpf hämmern und über das böse Schicksal jammern. Er war so nahe dran am Vendée Globe-Sieg. Vielleicht näher, als er es selbst für möglich gehalten hätte. Und nun liegt er 511 Meilen zurück, das Kap Hoorn dürfte er zwei Tage hinter Armel Le Clea’ch passieren.

Alex Thomson hat den Anschluss zu Le Cleac'h verloren. Ein Dreier-Pack kommt von hinten.

Alex Thomson hat den Anschluss zu Le Cleac’h verloren. Ein Dreier-Pack kommt von hinten.

Der Brite könnte schreien, weinen, fluchen. Er hat niemanden an seiner Seite, der ihn aufrichtet. Warum nur musste diese verdammte Tragfläche abknicken? Warum kann der Wind nicht von der anderen Seite wehen? Warum hat sich die Welt gegen ihn verschworen?

Seit einer Woche segelt Le Cleac'h deutlich schneller als Thomson

Seit einer Woche segelt Le Cleac’h deutlich schneller als Thomson

Aber Thomson ist eben Thomson. Der Mann, der im schwarzen Anzug von Kiel, Mast oder sonstwo ins Wasser springt. Dem man diesen Klamauk nicht als gekünstelte Marketing-Maßnahme auslegt sondern irgendwie als ehrliches, spielerisches Bedürfnis abnimmt.

Es mag mit seiner sonnigen Art zu tun haben. Selbst in seinem letzten Video von Bord sieht er immer noch so vergnügt aus, wie zu der Zeit, als er seinem hartnäckigsten Verfolger Armel Le Cleac’h auf seinen Flügeln davon flog. 133 Meilen lag er schon voraus an der Spitze.

Risikoreiche Strategie

Alles schien perfekt zusammen zu passen, die risikoreiche Strategie der Projekt-Planung zahlte sich aus. Das Hugo-Boss-Team war bei seiner Foil-Konstruktion einen anderen Weg als die französischen Gegner gegangen. Länger, schmaler und in flacherem Winkel stecken die Anhängsel im Rumpf. Außerdem ist der schwarze Rumpf schmaler als bei der Konkurrenz. Der Lee-Flügel sollte die nötige Stabilität generieren.

Es war lange Zeit nicht klar, dass das extreme Design so gut funktionieren würde, wie inzwischen bekannt. Der Brite vermied zuvor den direkten Vergleich, trainierte alleine und legte seine Karten nicht offen. Das ist aus seiner Sicht die logische Strategie, wenn man es mit einer Box Rule zu tun hat.

Die Konstrukteure versuchen, die Grenzen den Regeln auszureizen, um einen Speed-Vorteil zu generieren. Dabei gehen die seglerischen Favoriten jeweils einen konservativen Weg, die Underdogs suchen ihr Heil im Extremen und hoffen dann auf ihre speziellen Windbedingungen. Durch die beschlossene Regeländerungen der IMOCA-Klasse in Bezug auf die Foils ist das Spielfeld deutlich weiter geöffnet als zuvor.

Alex Thomson, ein Sonnenschein, auch wenn es Probleme gibt. © Hugo Boss

Alex Thomson, ein Sonnenschein, auch wenn es Probleme gibt. © Hugo Boss

Thomson konnte nicht hoffen, einfach nur mit einem gleich schnellen Boot gegen die besten französischen Skipper bestehen zu können. Die besitzen seglerisch-taktisch einen Vorsprung, den sie besonders im Figaro-Rennzirkus ausgebildet haben, der hochwertigsten Einhand-Rennserie der Welt. Diesen Rückstand würde er niemals aufholen können, auch wenn er schon sechs Um-die-Welt-Regatten hinter sich hat.

Schwere Zeit für den kleinen Alex

Denn der 42-Jährige hat zwar auch in jüngeren Jahren durchaus viele Einhand-Meilen gesammelt, aber weniger im harten Renneinsatz als auf selber flott gemachten Kielyachten.

Thomsons Vater war ein RAF-Helikopter-Pilot im Search and Rescue-Einsatz, und die Familie reiste ihm in immer neue Einsatzgebiete hinterher. Der kleine Alex wechselte oft die Schule und gewöhnte sich an ein Leben als Klassenneuling und Außenseiter. Als er 16 war, starb seine Mutter an Krebs. Eine schwere Zeit für den Teen. Er entdeckte das Segeln als Therapie, um den Schock zu verarbeiten.

Regattatechnisch erschien Thomson erst auf der Bildfläche, als er im Alter von 25 Jahren das Clipper Round the World Race als Skipper gewann. Eine außergewöhnliche Referenz und eigentlich kein echter Gradmesser für den Start einer Profi-Karriere. Denn das Clipper-Race ist eher ein Abenteuer als eine ernst zu nehmende Regatta. Die zusammengewürfelten Crews setzen sich aus Amateur-Seglern zusammen, die viel Geld für das Mitmachen bezahlen.

Alex Thomson, Hugo Boss, Keith Mills

Sir Keith Mills zusammen mit seinem Schützling Alex Thomson nach dem Einfädeln des Hugo-Boss-Deals 2003. © Dan Towers

Doch Thomson hatte das Glück,  Sir Keith Mills an Bord zu haben, der später die Olympischen Spiele nach London holte und zu einem der wichtigsten Förderer des britischen Segelsports wurde. Der Milliardär half auch der britischen America’s Cup Kampagne “Origin” mit Ben Ainslie auf die Beine. Er war begeistert von Thomson, wurde sein persönlicher Förderer und vermittelte ihm schließlich den Sponsor-Vertrag mit Hugo Boss, der seit 13 Jahren besteht.

Marketing-Gags für Hugo Boss

Der Segler ist besonders mit seinen Stunts zu einem wichtigen Markenbotschafter geworden und muss seinen Wert nicht mit herausragenden sportlichen Erfolgen rechtfertigen. Vielleicht hat er sich deshalb das sonnige Gemüt bewahrt, das ihn bei der sympathischen und professionellen Außendarstellung so angenehm von dem typischen verschlossenen, französischen Salzbuckel unterscheidet. Thomson hat sich durch seine extrem erfolgreichen Marketing-Gags das Budget verdient, um ein echtes Siegerboot gebaut zu bekommen.

Aber Geld ist nicht alles. Schon einmal hat das Hugo-Boss-Team 2011 die Chance für einen Neubau bekommen und lag dann mit einem extremen, zwei Tonnen schwereren Design-Ansatz vollkommen daneben. Der Brite segelte schließlich die Vendée Globe 2012 mit einem alten Design und holte dann aber mit Rang drei seinen größten sportlichen Erfolg. Es war deutlich mehr, als ihm zugetraut worden war.

Hugo Boss, Thomson

Alex Thomson rast im Atlantik vorneweg. Das Design funktioniert bestens. © Hugo Boss

Dieser Erfolg war die Basis für den neuen Anlauf bei der aktuellen Vendée Globe, der ihm echte Siegchancen bescheren sollte. Das Projekt wurde generalstabsmäßig geplant, mit einem der größten Budgets von geschätzten vier Millionen Euro.  Und die neue “Hugo Boss” schien diesmal alle Anforderungen erfüllen zu können.

Aber auch diesmal geriet das Sieger-Projekt ernsthaft in Gefahr, als die neue “Hugo Boss” bei der Transat Jaques Vabre vor einem Jahr fast versank. Das Schiff konnte zwar gerettet werden, aber durch die notwendigen Reparaturen ging so viel Test- und Trainingszeit verloren, dass die Konkurrenz kaum noch mit dem Briten rechnete.

Außerdem brach beim Training in der unmittelbaren Vorbereitung für die Vendée Globe ein Foil und das Team streute die Meldung, dass sein Skipper nun auf ein Profil der alten Generation zurückgreifen müsste.

Es wollte Thomson den Favoriten-Status nehmen und von der Konkurrenz unterschätzt werden. Denn tatsächlich war die Mär vom potenziellen Leistungsverlust eine Ente – “Hugo Boss” ist das schnellste Schiff im Feld. Thomson erzählt, dass er im Training sogar 35 Knoten Speed erreichte.

Nicht alle Karten auf dem Tisch

Aber er legte auch zu Beginn des Rennens noch nicht alle Karten auf den Tisch, während Armel Le Cleac’h ihn belauerte, tagelang neben ihm herfuhr und versuchte, Informationen über das Potenzial der “Hugo Boss” zu sammeln.

vendée Globe, Alex thomson

Medial und seglerisch ganz vorne dabei – Alex Thomson im Hugo Boss-Outfit bei der Arbeit © boss

Als der Brite dann seinen ersten großen strategischen Fehler machte und zum unnötigen Extremschlag nach Portugal ansetzte, schien er schon früh aus dem Rennen. Die Franzosen fühlten sich in ihrer Einschätzung dieses Mannes, der in ihrer Liga spielen wollte, bestätigt.

Aber dann überraschte er alle, kämpfte sich wieder heran, brillierte bei der Kapverden- Passage und hatte schließlich das Glück des Tüchtigen, als  er genau die Bedingungen bekam, die sein Schiff wirklich liebt.

“Le Cleac’h ist der Stärkste”

Vincent Riou, der nach seinem Ausfall durch Kollision Richtung Kapstadt abdrehen musste und das Schiff inzwischen wieder nach Frankreich segelt, betont im Interview mit der Zeitschrift Voile et Voiliers, wie ungewöhnlich das Wetterfenster besonders nach der Doldrum-Passage war:

“Die Foils funktionieren ab einer gewissen Geschwindigkeit. Alex hat im Atlantik einen unglaublichen Durchschnitt-Speed von 17,7 Knoten erreicht. Das zeigt, wie gut das Wetter passte. Beim starken Wind im tiefen Süden ist der Unterschied zu den Nicht-Foilern nicht groß, aber im Atlantik war es perfekt für sie.”

Rio ist dabei besonders begeistert von Le Cleac’h. “Armel segelt wirklich beeindruckend. Er ist klar der Stärkste. Er puscht das Boot nicht unnötig vorwärts und sieht jede Entwicklung voraus. Alex ist auch mit dabei aber durch das gebrochene Foil nun klar gehandicapt. Aber er hat eine bemerkenswerte Leistung abgeliefert.”

Dreier-Pack kommt von hinten

Der Zug nach vorne ist nun abgefahren. So lange Le Cleac’h nichts Entscheidendes passiert, kann “Hugo Boss” nicht mehr angreifen. Thomson segelt seit einer Woche deutlich langsamer und ist in ein anderes Wettersystem gerutscht. Er muss jetzt sogar aufpassen, dass die Dreier-Gruppe von hinten nicht aufschließt. Sie rauschen mit besserem Wind heran und könnten bis zum Kap Hoorn der Rückstand von 800 Meilen auf die Hälfte verringert haben.

Thomson rechnet erst ab Rio damit, wieder auf seinem schnelleren Bug mit dem intakten Foil segeln zu dürfen. Dann könnte er vielleicht noch verhindern, dass er Rang zwei verliert. Vielleicht schafft er noch einen perfekten Endspurt.

Es ist wirklich schade, den tapfer kämpfenden Briten so straucheln zu sehen. Er hat diesem Rennen mit seinem Zweikampf an der Spitze die Würze gegeben. Bis zum Foiler-Bruch und auch noch danach hat er fast alles richtig gemacht. “Hugo Boss” ist ein siegfähiges Boot, mit dem der Brite die Franzosen wirklich ärgern könnte. Wer weiß, ob er so eine Chance noch einmal bekommen wird.

Vendée Globe Tracker

 

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Die tragische Geschichte des Alex Thomson – nun jagt ihn die Meute“

  1. avatar pl_windspieler sagt:

    Ein sehr guter und ausführlicher Bericht,Danke
    Ich wünsche mir ja sehr das Alex noch aufholen kann.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 25 Daumen runter 0

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