Vendée Globe: Empfang in Les Sables d’Olonne – einige Freunde sind trotz Corona da

Daumendrücken von Felix

Nur wenige Stunden bis zur Zielankunft der Vendée Globe. Üblicherweise würde Les Sables d’Olonne jetzt aus allen Nähten platzen. Doch im Corona-Zeitalter herrscht weitgehend Ruhe in dem Atlantik-Städtchen. Auf einen Empfang von Freunden wird Deutschlands erster VG-Held Boris Herrmann indes nicht verzichten müssen. Felix Oehme, Kumpel und Co-Skipper beim siegreichen Portimao Global Ocean Race von 2009, ist nach Frankreich gereist, hofft noch darauf, am Abend mit einem Teamboot aufs Wasser zu kommen und Boris Herrmann beim Zielsprint zujubeln zu können.

Kumpels seit dem gemeinsamen Weltrennen 2008/09: Boris Herrmann und Felix Oehme. Foto: Oehme/Herrmann

„Ich bin gestern mit meinem Vater angereist. Jetzt warten wir gespannt. Aktuell erwarten wir die Zielankunft nach Mitternacht. Wenn es klappen sollte, dass wir auf ein Boot kommen, wäre das natürlich eine irre Geschichte. Aber das hängt davon ab, wie viel Kapazitäten auf dem Teamboot noch sind. Auf jeden Fall freue ich mich unglaublich mit Boris“, plaudert der 39-Jährige drauflos.

Die Situation in Les Sables beschreibt Oehme als etwas unwirklich: „Normalerweise wäre es hier richtig voll. Aktuell ist wenig los, und auch heute Abend wird es vergleichsweise ruhig sein. Das Problem ist die abendliche Ausgangssperre. Die Hotels haben zwar geöffnet, aber ab 18 Uhr wird hier alles geschlossen. Mit einem negativen Corona-Test genießen wir Wohlwollen, so etwas wie eine Ausnahmegenehmigung, und dürfen raus.“ Raus zum Hafen – auf jeden Fall! Raus auf See – mit etwas Glück!

Gemeinsam umrundeten Boris Herrmann und Felix Oehme beim Portimao Global Ocean Race die Welt und das berüchtigte Kap Hoorn. Foto: Herrmann/Oehme

Mit der Zielankunft gehen auch für Oehme 80 spannungsgeladene Tage zu Ende. Von Beginn an hat er mit Boris Herrmann mitgefiebert, hat die taktischen Entscheidungen mitverfolgt, bei der Rettungsaktion im Southern Ocean für Kevin Escoffier mitgezittert. Oehme hat mitgefeiert, als im Südatlantik der Vorsprung der Spitze plötzlich dahingeschmolzen ist, und gelitten, als es dann in Doldrums nicht lief. Und Felix Oehme hat auch die Chance genutzt, seinem Kumpel mal Zuspruch zukommen zu lassen. Per WhatsApp ist er mit Boris Herrmann verbunden. „Das ist das erste Rennen, bei dem das in dieser Weise möglich war. Es war fast so, als wäre Boris hier in Hamburg gewesen. Er hat viel mitgeteilt, man war sehr nah dran. Meine eigenen Mitteilungen habe ich sehr gefiltert. Ich wollte ihn ja nicht ablenken von seinem Rennen. Ich finde er ist ein tolles Rennen gefahren. Es war ganz wichtig, immer mal wieder vom Gas zu gehen, um das Boot heil zu lassen. Das zahlt sich jetzt aus.“ Tipps oder Ratschläge haben die Daheimgebliebenen aber unterlassen, um keinerlei Grund für einen Protest zu geben. Denn Wetterberatung von außerhalb ist beispielsweise bei dem Rennen nicht erlaubt.

Nie war man näher dran am Rennen. Mit dem Dashboard Tracker kann man genau verfolgen, wie Boris Herrmann segelt. Foto: Screenshot

Momente, um die Luft anzuhalten, hat die Vendée Globe auch für einen Weltumsegler wie Felix Oehme reichlich geboten. „Ich war erstaunt, wie viele Boote im Southern Ocean Probleme bekommen haben. Ich dachte eher, dass nach der Atlantik-Passage die Gefahr von Kollisionen abnehmen würde. Der Untergang der ‚PRB‘ war für alle ein Schock. Der saß bei allen tief. Man hat sofort gesehen, wie sie nur noch 80 Prozent gesegelt sind. Plötzlich war das Risiko voll präsent.“

Das Abschneiden von Boris Herrmann und der „Seaexplorer“ sieht Oehme leicht über den Erwartungen. „Die Potenziale der Boote waren vorher sehr klar zu definieren. Danach war ein Abschneiden zwischen Rang fünf bis acht realistisch. Nach den Ausfällen und einer ‚DMG Mori‘ deutlich unter ihren Möglichkeiten war es dann eine Top-Fünf-Platzierung. Glück und Pech haben sich während des Rennens ausgeglichen. Boris ist zudem sehr geschickt gefahren. Dass er die ‚Apivia‘ und die ‚LinkedOut‘, die eigentlich schneller sein sollten, in Schach halten kann, zeigt seine Klasse. Gut möglich, dass er nun als Dritter ins Ziel kommt und diese Platzierungen nach dem Einberechnen der Zeitgutschriften behält. Das wäre dann ein tolles Ergebnis.“ Dass die Zeitgutschriften am Ende der Vendée eine Rolle spielen würden, ist einmalig in der Geschichte des Rennens und sorgt – so die Hoffnung von Oehme – nicht noch für nachträglich Diskussionen: Ich hoffe, dass sich alle fair behandelt fühlen, den anderen den Erfolg gönnen und das Ergebnis nicht durch Proteste oder Interviews anzweifeln.“

Ruhe im Race Village, wo sonst Tausende Fans die Skipper erwarten. Foto: Olivier Blanchet

Der wachsende Stellenwert des Segelsports in den Medien macht dem Maschinenbau-Ingenieur Oehme sichtlich Spaß: „Es ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität gestiegen. Es geht nicht mehr allein darum, was essen die an Bord oder was macht die Frau allein mit Kind und Hund zu Hause. Es geht schon in Richtung Fachberichterstattung. Die Zuschauer konnten sich fast wie bei der Formel 1 in das Thema hinein nerden. Das ist auch ein Verdienst von Boris. Er hat immer daran geglaubt, er könnte so etwas wie der Boris Becker des Segelsports werden, hat das beständig aufgebaut. Dann kam die Greta-Thunberg-Aktion dazu, und auch Corona war hilfreich, da nicht viel anderes lief. Aber Boris hat immer mit den Medien gearbeitet, und jetzt liefert er auch sportlich ab!“

Ein Kommentar „Vendée Globe: Empfang in Les Sables d’Olonne – einige Freunde sind trotz Corona da“

  1. avatar PL_mwiederhold70 sagt:

    Hoffentlich wird der Boris kein Becker. Ich traue es ihm zu und wünsche ihm, dass er im Gegenteil immer seine “Bodenhaftung” behält. Auch auf See! Boris: toll gemacht. Aber nicht nur du, auch deine Kolleginnen und Kollegen. Es waren extrem unterhaltsame Wochen, euer Rennen zu verfolgen.

    Da tun einem Formel1-Fans fast leid, dass sie die schönen Sonntagnachmittage vergeuden müssen, während wir euch wochenlang rund um die Uhr, rund um die Welt gefolgt sind und mitgezittert haben.

    Für den Endspurt drücke ich dir die Daumen.

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