Vendée Globe: Herrmann auf der Bremse – Nächster Sturm nähert sich mit 7,5 Meter Wellen

(Kurzer) schöner Moment

Bei der Vendée-Globe nähern sich die nächsten Brutalo-Bedingungen. Boris Herrmann konnte kurz das Potenzial seines Schiffes zeigen, wenn er Gas geben kann. Er zieht nun aber wieder die Zügel an.

Boris Herrmann war nicht gut drauf in den vergangenen Tagen. Müde Augen, schleppende Stimme, langsame Bewegungen, Weihnachtspulli – über den ex Mitsegler Ryan Breymaier witzelt (“wäre mir zu schwer”). Man mag ihn manchmal in den Arm nehmen wollen da draußen im Southern Ocean.

Das ständige Gehacke in konfuser See – dort wo diese IMOCAs eigentlich auf langer Dünungswelle dahingleiten sollen -, der mühsame Mast-Aufstieg, der Schock nach dem Unglück von Kevin Escoffier, das alles zehrt an Herrmanns Körper und Nerven. Die untypischen Bedingungen haben der Flotte schon fünf Tage im Vergleich zur Zeit von vier Jahren gekostet.

Besonders der Rhythmus auf dem Boot nervt ihn. Der Hamburger steht ständig auf dem Bremsedal, hat die Tragflächen teilweise eingefahren und versucht seiner Fangemeinde an Land zu erklären, warum er Meilen verliert. Es tue weh, als Regattasegler so einen Modus zu segeln, aber er wolle unbedingt ankommen. Zu viel Gas im Glitsch auf dem Rücken einer Welle bedeutet brachiales Abstoppen im nächsten Tal, wenn der 60 Fußer nicht gut zwischen die zu kurzen Wellen passt. Mensch und Material leiden.

Boris Herrmann erlebt auch mal wieder schöne Momente. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Dazu kommt aktuelle strategische Situation im Feld dieser Vendée Globe. Der Kopf sagt Herrmann, dass er eigentlich kein Gas geben muss. Das Wort “Geduld” bahnt sich immer häufiger den Weg in seinen Wortschatz. Denn nach den vielen Ausfällen von Favoriten ist es nicht nur sicher, sondern auch schlau, vorsichtig zu segeln. Er hat immer noch gute Chancen auf einen Podiumsplatz. Auch auf Rang acht mit nun schon fast 500 Meilen Rückstand auf Charlie Dalin.

Schlau und abwartend

Aber es steht ja noch eine Zeitgutschrift für die Rettungsaktion aus, die vielleicht 200 Meilen wert sein könnte. Dann würden nur noch knapp 200 Meilen zum Zweiten Ruyant fehlen – das ist immer noch Schlagdistanz nach bisher nur 38 Prozent bewältigter Rennstrecke. So ist auch im Hinblick auf einen möglichen Spitzenplatz zielführend abwartend zu agieren.

Sonnenuntergang im Southern Ocean. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Denn seine mit der neuesten Foil-Generation modifizierte “Seaexplorer – Yacht Club de Monaco” gehört auf dem Papier zu den schnellsten Schiffen der aktuellen Spitzengruppe – wenn denn die Bedingungen passen. Wenn sie so sind wie sie sein sollten. Wenn auf langer Welle oder Flachwasser über 30 Knoten schnell gefoilt werden kann. Dann wären nur die beiden neuen Spitzenboote im Vorteil – Ruyant kommt trotz gestutztem Flügel nach dem Sägen-Stunt noch erstaunlich schnell voran.

Wie sich dieses scheinbar mühelose Dahingleiten und -Fliegen anfühlt, zeigt Herrmann in seinem jüngsten Video:

Herrmann war plötzlich schnellstes Boot der Flotte und erreichte dauerhaft über 20 Knoten. Der Spaß währte aber nur kurz. Die nächste Front näherte sich, er musste halsen, und zeigt dabei was das für eine Arbeit mit sich bringt:

Inzwischen segelt er mit Wind von Steuerbord und hat den Speed wieder rausgenommen.

Herrmann (grau) hat gezeigt, wie schnell er sein kann und am Wochendende den Abstand zum Führenden um fast 100 Meilen verkürzt inzwischen aber wieder verloren.

Dafür ist Jean Le Cam plötzlich Schnellster im Feld. Nachdem der 61-jährige Skipper seinen Passagier losgeworden ist, hat er erst einmal wieder richtig Gas gegeben. Le Cam segelt einen von drei Nicht-Foilern unter den Top Ten. Er kommt dabei unter anderem in den Genuss der Umbauten, die Jörg Riechers vorgenommen hat in Vorbereitung auf den dann doch verpassten Vendée-Globe-Start 2016. “Yes we Cam” ist die ex “Mare”.

Herrmanns Speed ist im Vergleich zu Jean Le Cams abgesackt.

An der Spitze hat Charie Dalin wieder Fahrt aufgenommen vor der Front. Er segelt nach wie vor ein beeindruckendes Rennen. Das wird in der aktuell spannenden Situation wieder deutlich. Er kann mächtig Gas geben, um vielleicht im Vergleich zur Konkurrenz ein Wettersystem zu überspringen und eine Vorentscheidung bei dieser Vendée Globe zu erzwingen.

Herrmanns Satellitebild zeigt die von Südwesten heranrauschende Front. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Stattdessen kann er es aber auch ruhig angehen lassen, um die Front südlich von ihm gen Osten passieren zu lassen. Schließlich kontrolliert er das Feld auch so mit einem soliden Vorsprung von rund 200 Meilen auf Thomas Ruyant (LinkedOut), der ihm mit der gleichen Strategie folgt. Zurzeit sieht es so aus, als würden beide versuchen, im Highspeed-Modus möglichst lange vor der Front zu bleiben.

Vendée Globe-Situation am Morgen des 7.12.

Ruyant zeigt aber gerade mal wieder mit einem Durchschnitt von 18 bis 21 Knoten, wie schnell er mit Wind von Backbord auf seinem intakten Foil bei relativem Flachwasser vor der Front segeln kann. Er bewegt sich ebenfalls gen Norden, um möglichst weit vom Zentrum des nächsten Tiefs wegzukommen. Am Dienstag werden 45-50 Knoten Wind und 7,5 Meter hohe Wellen erwartet.

Louis Burton als Dritter (Bureau Vallée 2) dagegen hat wieder genau in die härtesten Bedingungen des 40 Knoten Sturms hinein gehalst. Er will es wirklich wissen. Dabei stand er am Wochenende kurz davor, das Rennen aufzugeben, wie er inzwischen zugegeben hat. Ihm ist es aber nach 24 Stunden harter Arbeit gelungen, die schwerwiegenden Probleme mit dem Autopiloten zu lösen. Das Schiff sei wieder zu 100 Prozent einsatzfähig.

Ärgerlich ist die Situation für Armel Tripon auf seinem spannenden Plattbug-Foiler L’Occitane. Der hat in der vergangenen Woche nach seinen frühen Problemen stetig aufgeholt von Platz 32 auf 14 und schien im Begriff, nochmal in die Spitze segeln zu können. Er war Tage lang Schnellster im Feld, holte sogar im Vergleich zu Apivia 250 Meilen auf. Aber nun versperrt ein Hoch den weiteren Weg. Durch die Eisgrenze kann er nicht weiter nach Süden abtauchen. Die Aufholjagd ist erstmal wieder vorbei und stagniert bei 1900 Meilen Rückstand.

Tripons Aufholjagd (schwarz, link) stagniert, weil ein Hoch den Weg versperrt.

Race-Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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