Vendée Globe: Herrmann hält auch Platz 7 für möglich – Welche Segel Erfolg versprechen

Die Qual der Wahl

Boris Herrmann erklärt bei SR, wie die Entscheidung beim Vendée Globe-Finale fallen wird. Es kommt auf die richtigen Segel und -wechsel an. „Das Rennen geht noch einmal komplett neu los.“

Boris Herrmann ist guter Dinge bei der jüngsten Pressekonferenz von Bord. Er wirkt ausgeruht und konzentriert. Auch wenn die Spannung immer weiter steigt – dokumentiert durch 28 deutsche Journalisten verschiedener Medien im Zoom-Meeting. Das Interesse an dem historisch guten Abschneiden eines deutschen Teilnehmers bei der Vendée Globe kennt keine Grenzen. Team Managerin Holly Cova erklärt, dass der NDR einen Livestream einrichten wird. Sie hat ausgehandelt, dass Herrmann im Ziel sicher die für eine Podium-Platzierung vorgesehene maximale Coverage bekommt – auch wenn er es nicht aufs Treppchen schafft. Vier Kamera-Teams auf Motorbooten und ein Helikopter!
Der deutsche Skipper wird mit solchen Vorbereitungen nicht belastet. Er kann sich zwar denken, was für ein Medienrummel anstehen wird, macht aber den Eindruck, dass er den Gedanken nicht an sich heranlässt. Er hat ein Rennen zu segeln – und kann es sogar gewinnen.

Sonnenuntergang im Einfluss des Azoren-Hochs an Bord von Seaexplorer – YCM. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YCM

Die Chancen stehen nach wie vor nicht schlecht. Herrmann zeigt sich “positiv überrascht vom Verlauf der vergangenen 24 Stunden”, in denen er bis zwölf Uhr 21 Meilen auf Charlie Dalin aufholte und ebenso weit Yannick Bestaven davongesegelt ist. Thomas Ruyant hat er sogar 37 Meilen abgenommen.

Die relativ stabilen Bedingungen mit 13 bis 18 Knoten Wind hätten ihn in der vergangenen Nacht gute Schlafphasen finden lassen. Das seien beste Voraussetzungen, um einen klaren Kopf zu bewahren. Denn der wird auf den letzten Meilen bis zu einem vermuteten Finish am Morgen des 28. Januars ganz besonders nötig.

Neues Spiel

Es stehen wichtige Entscheidungen an. Dabei geht es insbesondere darum, wie er ab Sonntag mit dem von Westen heran rauschenden Tiefdruckgebiet umgeht. Aktuell segelt er noch mit dem Code Zero und einem 120 Grad Wind-Winkel (TWA) möglichst schnell auf die Rechtsdrehung zu. Nach der anstehenden Halse beginnt dann ein ganz neues Spiel.

Weil die beiden Neubauten in der Spitzengruppe Apivia und LinkedOut nicht mehr von ihren kaputten Backbord-Foils gebremst werden. Aber noch mehr weil ihnen die Downwind-Bedingungen schmecken, wie Herrmann erklärt. “Ab Morgen früh läuft der Rest des Rennens VMG-Downwind ab.” Also mit Wind von hinten, bei denen der richtige Kompromiss zwischen maximaler Tiefe und Geschwindigkeit gefunden werden muss.

Hauptsache den Bug anheben. Quantum Gennaker auf Seaexplorer – YCM. Kann er die Entscheidung bringen? © Brian Carlin / The Ocean Race

“Im Südmeer waren die beiden bei diesen Bedingungen richtig schnell unterwegs. Das war dagegen nicht gerade meine Stärke im Süden bei hohem Seegang. Wie weit ich in Fahrt komme hängt stark vom Winkel zu den Wellen und der Wellenperiode ab. Charlie und Thomas aber auch Yannick und Louis sind dabei sehr schnell. Auch Jean Le Cam und Damien.

Auch deshalb wiederhole ich immer. Fixiert euch nicht aufs Podium oder darauf, was jetzt gerade Phase ist. Das Rennen geht noch einmal komplett neu los. Da kann auch noch ein siebter Platz bei rauskommen.”

Beim Segelwechsel zehn Meilen verlieren?

Bis dahin ist besonders die Segelwahl entscheidend. Am liebsten sehe er es, wenn der kleine Gennaker oben bleiben könnte bis zum Ziel. “Dafür gibt es eine kleine Chance. Aber in der Front werden wir schon heftige Böen haben. Man könnte dann einfach den Gennaker einrollen und die J2 ausrollen. Das wäre noch relativ easy.”

Viele Meilen würde es dagegen kosten, den Gennaker einzurollen, ganz zu bergen und dafür das kleinere Jib Top Vorsegel – auch J1.5 genannt – zu setzen und auszurollen. “Dann bin ich auf dem Vorschiff mit zwei Segelsäcken beschäftigt die ich auf dem Vordeck ein- und auspacken muss. Das schaffe ich kaum in unter einer halben Stunde. Wenn die anderen dann mit 20 Knoten weiter fahren kann man zehn Meilen verlieren.

Deshalb ist es eine Überlegung, den kleinen Quantum Gennaker statt am ‘Fractional Fall’ mit einem Verlängerungsfall am Masttopp zu setzen. Dann kann ich einfach alle Segel vorne setzen und je nach Bedarf ein- und ausrollen. Aber ich fühle mich nicht ganz so wohl mit der dann großen Last am Masttopp. Dann kann ich nicht so gut pushen. Deshalb ist es ein schwieriges Abwägen. Nehme ich die Zeit für einen länger dauernden Segelwechsel in Kauf oder entscheide ich mich für den Kompromiss mit dem Gennaker am Top-Fall. Das habe ich noch nicht ganz entschieden.”

Whatsapp von Bord

Um diese beiden Segel geht es. Die Bilder ploppen nach der PK im Whatsapp-Account von SegelReporter auf. Boris Herrmann schickt sie von Bord:

Die Qual der Wahl. Jib Topp )l.) oder Gennaker? © Boris Herrmann Racing

Der Unterschied zwischen Jib Top (l. 130 qm) und Gennaker (220 qm beträgt 90 Quadratmeter. “Das ist die Segelwahl im Range”, schreibt Herrmann. “Der kleine Gennaker geht bis Böen zwischen 30 und 35 Knoten, wenn die Welle nicht zu kurz ist. Das ist dann aber echtes Pushen. Das Boot liegt aber besser, wenn der Gennaker am fractional Fall gesetzt ist und nicht am Topp.”

Es sei bei diesen Bedingungen wichtig, den Bug möglichst hoch aus dem Wasser zu bekommen. Dann hält man ihn über dem Seegang und knallt nicht so hart gegen die Wellenrücken. “Der Vorteil vom kleinen Gennaker ist, dass man damit zwar langsamer aber dafür tiefer fährt.” Dieser Modus mit einem gesteuerten wahren Windwinkel (TWA) von 145 Grad kann besser zum Wellenbild passen.

“Die Jib Top ist ein extrem schnelles Segel, das mit einem TWA-Winkel von 135 Grad gesegelt wird. Damit kann das Boot wieder in diesen Rodeo-Modus kommen mit Speeds jenseits der 30 Knoten.” Dann könne es schon mal leicht anluven und „ mit einem Mega Crash” auf die nächste Welle treffen. “Dann wird es richtig gefährlich.”

Dalin hat ein anderes Vorsegel

Laut IMOCA-Regeln dürfen die Skipper sechs verschiedene Vorsegel benutzen. Dabei ist die Auswahl vor dem Rennen eine der wichtigsten Entscheidungen bei der Vorbereitung. Herrmann hat als einziger der Spitzengruppe das Jib Top-Segel gewählt. Im Vergleich benutzt Charlie Dalin einen Fractional Code Zero – also ein großes flaches Segel, das am Bugspriet gesetzt wird aber nicht bis ganz zum Masttopp reicht.

“Es ist mit 150 qm etwa 10 qm größer als mein 1.5 Jib Top”, schreibt Herrmann. “Aber am Ende wird es daran nicht liegen. Am Ende kann man mit all den Segeln das Gleiche erreichen.” Entscheidender falle die Bugform ins Gewicht. Der vollere Scow artige-Bug des neuen Verdier-Design könne bei starkem Wellengang helfen.

“Besonders das Timing der Halsen und die Kurswahl sind das größere Ding. Es kommt auf die Positionierung an. Charlie ist dabei in diesen Bedingungen downwind sehr, sehr stark. Die Foils spielen dabei keine so große Rolle.”

Zeitgutschrift für 100 Meilen gut?

Schon am Nachmittag scheint sich Herrmanns Prognose zu bewahrheiten. Erstmals seit Tagen hat Dalin zwischen zwei Positionsmeldungen Boden gut gemacht auf den Deutschen und den Vorsprung um sechs Meilen auf 65 Meilen vergrößert.

Dafür verlor Yannick Bestaven Meilen, den er mit Argusaugen beobachtet, weil er eine größere Zeitgutschrift in petto hat und zuletzt als einziger der Höllen-Speed von Herrmann halten konnte. Ihn und Louis Burton hält er für “harte Draufgänger, die ohne Rücksicht auf Verluste segeln – im Gegensatz zu mir”.

Auch der nächste Verfolger Thomas Ruyant konnte minimal aufholen. Er liegt jetzt 35 Meilen zurück. Aber der LinkedOut-Skipper müsste etwa 100 Meilen vor Herrmann ins Ziel gehen, wenn er die Zeitgutschrift wettmachen will. Das jedenfalls glaubt Will Harris angesichts der prognostizierten Windbedingungen vor der Zielline. Sie erlauben hohe Geschwindigkeiten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Herrmann hält auch Platz 7 für möglich – Welche Segel Erfolg versprechen“

  1. avatar PL_koch.sven sagt:

    Wenn ich diese technischen Details lese, wird mir als Laie fast schwindelig (trotzdem toll das SR sowas bringt). Da wird mir erstmal klar, wie komplex Segeln auf diesem Niveau ist.
    Ich muss nur schmunzeln das Boris vor einigen Tagen noch erklärte, der Skipper macht nur 5% der Performance aus. Das war ja wohl stark untertrieben 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Lieber Segelreporter,
    vielen Dank für diese detaillierte Einsicht. Für die vielen detaillierten Berichte.
    Danke Boris, dass Du der Presse so genau erklärst welche Segel Du hast und worauf es ankommt.
    Die Berichterstattung ist klasse! Der Segellaie wird genauso wie der versionierte Regattasegler am Bildschirm gefesselt.
    Das Rennen ist so spannend. Nichts ist entschieden. Es konnte sich nicht die Dreierführungsgruppe absetzen.
    Was gibt es besseres im deutschen Corona Winter !?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 0

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