Vendée Globe: Herrmann holt weiter auf – Bestaven parkt an der Spitze

"Job done"

Pip Hare hat ihren Ausfall bei der Vendée Globe vermieden und schneller als erwartet, die Reparatur geschafft. Der Spitzenreiter hängt in der Flaute und Boris Herrmann ist wieder Schnellster.

Pip Hare freut sich über den gelungenen Ruderwechsel. © Pip Hare / Medallia

“Ich bin es ein bisschen leid, eine Ohrfeige nach der anderen einzustecken”, sagt Charal-Skipper Jérémie Beyou über seine bisherigen Bedingungen im Southern Ocean, die sich auch für den ehemaligen Rennfavoriten nicht von denen für die Spitzenboote unterschieden haben. Dabei macht er sich insbesondere Sorgen um Pip Hare mit ihrem Ruderschaden nur wenige Meilen vor ihm: “Ich weiß nicht, wie sie bei diesen See- und Windverhältnissen die Reparatur schaffen soll”.

Tatsächlich hatte sich auch die Britin darauf eingestellt womöglich erst in zwei Tagen die ruhige See zu bekommen, die für den komplizierten Wechsel zum Ersatzruder nötig ist. Schließlich muss auf ihrem 20 Jahre alten Boot das neue Blatt samt Schaft von unten in die Rumpf-Aufnahme bugsiert werden.

Chaos im Cockpit auf Medallia nach getaner Arbeit. © Pip Hare / Medallia

Umso überraschender kommt ihre Nachricht am Morgen im Hauptquartier der Wettfahrtleitung an: “Ich habe es geschafft!” Das kurze Öffnen eines Wetterfensters habe ihr erlaubt die Prozedur durchzuführen. Zuvor habe sie sich noch von Alan Roura Tipps geholt, der vor vier Jahren auf dem selben Schiff an ähnlicher Stelle einen solchen Wechsel ausgeführt hat.

“Ich war wirklich ängstlich und beunruhigt. Das Boot musste bei 16 bis 18 Knoten Wind ausreichend abgebremst werden, um nichts zu beschädigen. Ohne Segel und mit einem Treibanker hat es geklappt. Der ganze Vorgang dauerte etwa anderthalb Stunden verbunden mit vielen Stunden Vorbereitung und Aufräumen danach.

Mein Herz schlug mir die ganze Zeit bis zum Hals. Es gab ein paar schwierige Momente, und ich musste mein Boot und den Ozean ein paar Mal anflehen. Aber als der neue Ruderschaft endlich durch das Deckslager nach oben rutschte, hätte man mein lautes Geschrei, wohl meilenweit hören können… Jetzt bin ich zurück im Spiel, der Wind hat aufgefrischt und Medallia brummt mit 15 Knoten dahin. Ich kann noch nicht so recht glauben, dass ich das geschafft habe.”

Spitzenreiter in der Flaute

Derweil intensiviert sich der Kampf an der Spitze der Flotte. Nach großen Gewinnen in den vergangenen Tagen hat sich der Vorsprung von Yannick Bestaven auf über 400 Meilen eingependelt. Er stellt sich aber darauf ein, in den nächsten Stunden viel Distanz auf die Verfolger zu verlieren.

Die Situation am 8.1. Bestaven an der Spitze wird eingebremst, er hat aber immer noch mehr als 400 Meilen Vorsprung.

Die Aufholjagd von Charlie Dalin und Thomas Ruyant intensiviert sich im Laufe des Tages. Dabei hat Dalin eine klassische Kontrollposition zu seinem Widersacher auf dem Schwesterschiff vom selben Konstrukteur Verdier eingenommen, 18 Meilen voraus. Beide Skipper befinden sich auf ihrem guten Bug mit Wind von Backbord und hoffen auf die vorhergesagten schnellen Foiler-Bedingungen aus Nordwest.

Yannick Bestaven sagt: “Ich habe keinen Wind. Maximal fünf Knoten. Ich trimme so viel ich kann, damit das Boot überhaupt vorwärts fährt. Ich schleiche weiter nach Norden und hoffe, dass ich bald den Südwestwind erreiche. Ich weiß nicht, wie lange die Flaute dauern wird. Normalerweise nicht allzu lange! Inzwischen müssen es 25 Grad im Boot sein, die Wassertemperatur beträgt auch 25 Grad. Es ist heiß und schweißtreibend. Es wird ein komplizierter Aufstieg sehr nahe der brasilianischen Küste. Ich hoffe, das Radar funktioniert gut, denn dort gibt es viele Fischerboote. Ich werde sehr wachsam sein müssen.”

“Seltsame Art zu leben”

Das gilt auch für Boris Herrmann, der 700 Meilen achteraus auf Rang neun segelt. Aber mit 323,5 Meilen in 24 Stunden bewegt er aktuell immer noch das schnellste Boot der Flotte. Es ist ihm anzumerken, dass er jetzt mächtig Gas gibt und endlich den Vorteil seiner Foils nutzen will. Die Video-Updates von Bord kommen nur noch zögerlich. Und tatsächlich liegt der sechsplatzierte Jean Le Cam mit nur noch 86 Meilen Vorsprung immer noch in Reichweite.

Dabei ist sein Windwinkel zum Foilen längst nicht perfekt. Die nächsten Meilen bescheren ihm noch einige Meilen hoch am Wind bevor er die Flügel richtig ausbreiten kann. Aber Lebensgeister, Kampfgeist und Hoffnung auf eine bessere Platzierung sind offenbar zurückgekehrt.

Vergessen ist die schwierige Zeit im Southern Ocean, über die gerade Jérémie Beyou philosophiert. Es ein gefühlt ei endlos langer Tunnel. “Wir leben in unserer Welt, die nur aus Wasser besteht, weit weg von allem. Manchmal sind wir verängstigt und der kleinste Sonnenstrahl bringt unermessliches Glück. Es ist eine seltsame Art zu leben. ”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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