Vendée Globe: Herrmann holt weiter auf – Das gefährliche Spiel von Louis Burton

Voll auf Angriff mit Bleifuß-Stil

Bei der Vendée Globe sieht das Bild des Trackers nach einer Anpassung realistischer aus. Boris Herrmann segelt auf Platz vier wieder im Bereich der Führungsposition. Louis Burton spielt ein gefährliches Spiel.

Das Feld bewegt sich auf die Schwachwindzone des plattgedrückten Azoren-Hoch zu

Die Entscheidung bei der Vendée Globe rückt etwa eine Woche vor dem Ziel immer näher. Sechs Boote segeln im Abstand von 183 Meilen und fünf haben noch gute Chancen auf den Sieg. Dabei sind die Positionsangaben aktuell wieder aussagekräftiger, weil die Organisatoren nach vielfacher Kritik nun die Meilen auf dem Tracker in Relation zu einem neu eingefügten Wegepunkt bei den Azoren berechnen.

Es hilft beim Meilenzählen auch dass Dalin, Herrmann, Ruyant und Bestaven auch ihren Querabstand deutlich verringert haben und nur noch der Deutsche eine etwa 40 Meilen westlichere Position einnimmt. Er konnte zuletzt gut fliegen bei einem wahren Windwinkel (TWA) von 80 Grad und trotzdem einen direkteren Kurs zum Ziel steuern. Denn der Wind drehte in den vergangenen 24 Stunden um 30 bis 40 Grad nach rechts. Deshalb weist Herrmann nach wie vor die besten VMG-Werte (Weg zum Ziel) der Spitzengruppe auf und macht im Nordost-Passat weitere Meilen gut.

Herrmann (grau) steuert wieder einen spitzeren Kurs und ist an Ruyant (blau) schon so gut wie vorbei. Burton beharrt auf seinem West-Split und geht volles Risiko.

Besonders in Relation zu dem querab mit abgesägtem Foil segelnden Thomas Ruyant legte er in 24 Stunden 50 Meilen mehr zurück. Aber auf dem gleichen Niveau befindet sich auch der Langzeit-Führende Yannick Bestaven, der immer noch von hinten mächtig Druck macht.

Die zu erwartenden Kurse der beiden führenden Boote. Burton links, Dalin rechts.

In der kommenden Woche könnte sie die Qualität dieser beiden Gegner aber deutlich verändern. Bestaven soll wegen Problemen am Bugkorb einige Segel nicht mehr setzen können, die bei Flaute und vor dem Wind wichtig werden. Ruyant dagegen sollte nach der bald anstehenden Halse auf seinem unbeschädigten Bug die Qualitäten des Neubau-Foilers ausspielen können und klar schneller sein als Herrmann.

Boris Herrmann hält das hohe-Speed Niveau nahe von 20 Knoten.

Das gilt auch für den Führenden Charlie Dalin, der in der aktuellen Konstellation und dann mit Wind von Backbord die besten Siegchancen hat. Mit seiner Apivia segelte er bereit die Zeitgutschrift zu Herrmann bereits heraus.

Ist west wieder best?

Spannend wird die Entwicklung der Positionierung von Louis Burton, dessen West-Umweg noch nicht angemessen in die Berechnung einfließt. Er segelt nach wie vor tiefer und schneller, um eher in den starken Westwind zu kommen.

Speed der Top-Fünf. Schnellster ist Burton (gelb) – Nicht-Foiler Seguin (rot) – weil er tiefer steuert.

Dalin hat ihn genau im Auge und sagt, er selbst habe die Innenkurve gewählt und man muss abwarten, wie sich die Situation dann im Vergleich zu Burtons Außenkurve entwickelt. “Aber ich denke, wir werden gemeinsam bei den Azoren ankommen. Die Routings werden immer präziser und theoretisch werde ich zwischen dem 27. und 28. Januar in Les Sables d’Olonne ankommen. Aber davor liegen noch eine Reihe von Halsen und Segelwechseln. Bis zum Ziel gibt es noch einiges zu tun.”

Jetzt komme eine Phase, in der die Manöver und kurzfristigen strategischen Entscheidungen wieder wichtiger werden. “Die Halsen müssen richtig getimt, die Konkurrenten kontrolliert und der Seeverkehr überwacht werden. Man so ausgeruht wie möglich sein um einen klaren Kopf zu behalten. ”

Viel wird über die Entscheidung von Burton diskutiert, der sich als Führender für einen so extremen Westkurs entschieden hat. Wetterspezialist Christian Dumard findet die Entscheidung “sehr interessant”. Aber wenn das Tief nicht genau so zieht wie vorhergesagt, habe Burton keinen Spielraum mehr, sich anders zu positionieren.

Burton macht die Tür auf für Dalin

Eher kritisch sieht auch Yoann Richomme, zweifacher Figaro-Sieger und Ocean-Race-Favorit, Burtons Strategie. Die Route im Westen sei für ihn zwar optimal aber auch sehr risikoreich. Weil er kaum eine Chance habe, den Kurs zu korrigieren. Dalin oder Bestaven dagegen könnten umso mehr abkürzen, je später sie den Hochdruck erreichen. “Es sieht zwar so aus, als wenn das Wettermuster immer noch beständig ist, aber ich glaube, er lässt die Tür für Charlie im Osten ein bisschen zu weit offen.”

Burton gibt im Sturm immer mächtig Gas © Stephane MAILLARD

Dalin habe allerdings keine andere Wahl gehabt, weil er mit Wind von Steuerbord langsamer ist. “Wenn für Louis das Szenario nicht so läuft wie erwartet, wenn er die Front verpasst, die ihn nach Frankreich bringen soll, kann es wirklich schlecht für ihn laufen. “Ein solches Risiko ist für jemanden, der in Führung liegt und ein höheres Geschwindigkeitspotenzial hat, eigentlich nicht notwendig.”

Dazu kommt der Umstand, dass Burton auf den Bereich der Sargassosee zusteuert, die für ihre hohe Algen-Konzentration bekannt ist. Sie können die IMOCA-Foiler empfindlich Bremsen, wenn sie sich an den Anhängen verfangen.

Glaube an den guten Stern?

Burton mag das Risiko eingehen, weil er sich vor Dalins Speed auf dem anderen Bug fürchtet und glaubt, im Speed-Zweikampf nicht bestehen zu können. Aber es wartet noch sehr viel Wind vor dem Ziel und dabei sahen die Neubau-Foiler zuletzt im Vergleich zu den Fliegern der ersten Generation (Burton und Bestaven) nicht besonders gut aus. Wenn Burtons Plan nicht aufgeht, könnte also auch Boris Herrmann noch viele Meilen auf den Gegner gutmachen.

Louis Burton vertraut bei seiner Bureau Vallée (ex Bnque Popularie) auf die alte Flügel-Generation. © Stephane MAILLARD

Der erfahrene IMOCA-Skipper Paul Meilhat erkennt bei Burton “den gewohnten Stil”. Er greift immer an. Allerdings verschlechtern sich dessen Routings laut Meilhat. Erst habe er sechs Stunden vor Dalin gelegen nun weisen die Modelle keinen Vorsprung mehr aus.

Vielleicht Burton er an seinen guten Stern. Schließlich ist seine Geschichte bei dieser Vendée Globe nach wie vor unglaublich. Erst machte er sich mit einem Frühstart lächerlich und kassierte eine fünfstündige Stopp-Strafe, die er nach drei Tagen abgesaß und ihn den Anschluss zur Spitze kostete. Dazu kamen weitere zwei Stunden, weil sein Team ein Foto von der Motor-Versiegelung nicht wie vorgeschrieben geschickt hatte.

Burtons unglaubliche Vendée-Globe-Story

Er meldete auch noch einen Beinahe-Zusammenstoß mit einem unmarkierten Fischerboot, aber es lief für ihn, wie nie zuvor. Dabei hat er für einen 35-Jährigen schon relativ viel IMOCA-Erfahrung. Burton segelt seine dritte Vendée Globe. 2012 fiel er nach einer Kollision mit einem Fischtrawler aus, 2017 belegte er Rang sieben und avancierte dann nach dem Kauf seines neuen IMOCA zumindest vor den Stapelläufen der acht Neubauten zum Rennfavoriten für die großen Atlantik-Regatten.

Die unglaubliche Vendée Globe-Dramaturgie von Louis Burton. Sein Rückstand zum Führenden betrug schon mehr als 900 Meilen.

Aber er lieferte nie ab. Kam über Rang sieben bei der Transat Jacques Vabre 2017 nicht hinaus, musste ein Jahr später die Route du Rhum aufgeben und ersegelte 2019 zwei zehnte Plätze im IMOCA-Feld.

Das schien auch diesmal so zu bleiben. Dann glückte ihm der geniale Southern-Ocean-Abstecher gen Süden weg von der Spitzengruppe und parallel zur Eisgrenze. Er sagte seiner Frau schon vor dem Rennen gesagt, dass er strategische Risiken eingehen wolle. Bei den brutalen Bedingungen im chaotischem Seegang legte er einen Höllenspeed vor und war tagelang Schnellster der Spitzengruppe. Er katapultierte sich von Rang zehn auf zwei vor und distanzierte Samantha Davies, die den gleichen Kurs gewählt hatte allein durch seine höhere Geschwindigkeit.

Burton ist der Überraschungsmann der Vendée Globe. © Louis Burton / Bureau Vallee 2

Dann folgte der Schaden an der Mastspur und die Reparatur bei den Macquarie Islands  die ihn fast 24 Stunden kostete und nun befindet er sich immer noch im Rennen um den Sieg. Unglaublich.

Ob sich sein Risiko am Ende auszahlt? Ob das Material bei seinem Bleifuß-Stil noch eine Woche lang durchhält? Schließlich nähert sich noch von Irland aus ein Tief mit 60 Knoten Wind und mehr als 10 Meter hohen Wellen. Die Flotte segelt weiter südlich vorbei, es wird aber erwartet, dass die Wellenhöhe immer noch 6 Meter betragen kann und der Wind stärker als 40 Knoten weht. Das könnten seine Bedingungen sein.

So hämmert gerade Yannick Bestaven Herrmann hinterher:

Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Vendée Globe: Herrmann holt weiter auf – Das gefährliche Spiel von Louis Burton“

  1. avatar meerkater sagt:

    wir wissen es nicht, aber vielleicht ist der Ausflug nach Westen für Louis Burton auch einfach dem Umstand geschuldet das seine J2 oder J3 kaputt ist und er den gleichen Kurs wie die anderen nicht fahren kann?
    Vielleicht erfahren wir das nach Ende des Rennens.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar brahms sagt:

    Sehr guter Artikel, mehr davon!
    (Man muss auch mal den Segelreporter loben ;.-)

    Burton hat einen Querabstand von 250 sm zu Hermann, die muss er alle wieder zurücksegeln. Und die
    Querung des Flautengebietes im Westen sieht auch auch nicht besser als als direkt nördlich von Herrmann und Dalin.
    Aber diesmal ist das Flautengebiet ja keine ITC, so dass die Winde besser berechenbar sind?
    D.h. es sollte alle ungefähr genau so auch wieder herauskommen, wie sie hineingegangen sind?

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  3. avatar PL_beilken sagt:

    Ist doch wunderbar, auf so hohem Niveau über den weiteren Verlauf herumspekulieren zu dürfen!
    Malizia läuft super, und ich meine der ganz und gar unextreme Kurs mit dem tollen Speed von Herrmann kann im Moment nur richtig sein. Ich würd´s genau so machen.
    Es wird unglaublich spannend und am Ende werden die Bonus-Stunden m.E. eine deutliche Rolle spielen. Nicht nur die 6 h für Boris, auch die 10:15 für Bestaven, den Hühnerhabicht, aber ganz besonders auch für Mr. le Cam, meinen Freund, schon wegen des Alters! Sechzehn Stunden ist schon ein Wort.
    On verra, wie der Franzose sagt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

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