Vendée Globe: Herrmann mit bester 24-Stunden-Zeit – Burtons Coup könnte klappen

Spitze rückt zusammen

In der 75. Nacht der Vendée Globe ist Boris Herrmann dem Führenden Charlie Dalin weiter auf die Pelle gerückt und wird immer noch auf Rang zwei geführt. Mit 400 Meilen in 24 Stunden war er knapp Schnellster.

Der Hochdruck im Osten bewegt sich offenbar langsamer aus dem Weg als berechnet. Das hilft Burton im Westen.

Boris Herrmann ist mit seiner Seaexplorer – Yacht Club de Monaco bestens durch eine seiner letzten Nächte bei dieser Vendée Globe gekommen. Seit die Organisatoren vor einem Tag einen neuen Wegepunkt für die Tracker-Berechnung im Bereich der Azoren eingebaut haben und man die Rangliste wieder einigermaßen ernst nehmen kann, machte der Deutsche fast 60 Meilen auf Charlie Dalin gut.

Herrmanns 24-Stunden Speed (grau) im Vergleich zum Führenden Dalin.

Der Rückstand von 75 Meilen befindet sich nun wieder im Bereich der sechsstündigen Zeitgutschrift, die bei einem Speed von 15 Knoten 90 Meilen wert wäre. Sie ist abhängig vom Wind im Zielbereich. Immer mehr wird klar, dass die Wiedergutmachungen für die drei Seenotretter noch eine entscheidende Rolle spielen können. Selbst Jean Le Cam, der 260 Meilen hinter Herrmann segelt, befindet sich mit seinem 16,5 Meilen-Bonus noch einigermaßen in Schlagdistanz.

Insbesondere, wenn die Prognosen stimmen, dass sich das Feld an der Spitze weiter zusammen schiebt. Denn aktuell 1000 Meilen südwestlich der Azoren entwickelt sich das Wetter in diesem Teil des Atlantiks für den Führenden Charlie Dalin nicht so positiv, wie es vor wenigen Tagen vorhergesagt war.

Verfolger holen auf

Das sich nach Osten verschiebende Hochdruckgebiet, das die Ersten der Flotte im Begriff sind zu queren, ist instabiler und der Wind schwächer als erwartet. Die Führenden werden langsamer und die Verfolgergruppe könnte in den kommenden 24 Stunden aufholen.

Das mag eine gute Entwicklung für Louis Burton (Bureau Vallée 2) sein, dessen 300 Meilen westlicherer Kurs nicht angemessen in die Tracker-Berechnung einfließt. Er wurde am Morgen auf Rang sechs geführt, weist aber die nördlichste Position der Flotte auf. Sein Pokerspiel entwickelt sich positiv. Seit sich sein Bug wieder Richtung Nordosten auf Frankreich zielt, erreicht er die schnellsten Speed-Werte in Bezug auf das Finish (VMG).

Der Speed von Boris Herrmann sackt im Einfluss des Azoren-Hochs langsam immer weiter ab.

Vendée Globe Wetterberater Sébastien Josse, der mit Boris Herrmanns Boot bei der vergangenen Weltregatta teilgenommen hat, sieht Burton bald an der Spitze der Tabelle. “Er kommt zuerst in die südwestlichen konstanteren Winde und kann dann von einem besseren Windwinkel profitieren. Die Verfolger werden mehr mit dem achterlichen Wind zu kämpfen haben und öfter halsen müssen. Louis könnte von seinem Wind bis Les Sables d’Olonne getragen werden und im Ziel mehrere Stunden Vorsprung haben.”

Technisches Problem bei Burton?

Das ist aber längst nicht klar. So bremste seine Bureau Vallée am Mittwoch Abend unerwartet lange. Beobachter glauben, dass der Skipper ein technisches Problem behoben hat. Seitdem legte er wieder ein gutes Tempo vor und verkleinert den Querabstand zum Feld. In Bezug auf die nördliche Position liegt er in Führung. Charlie Dalin (Apivia) äußerte allerdings gestern, dass er erwarte, bald gleichauf mit dem Konkurrenten zu segeln.

Es zeichnet sich aber ab, dass die Verfolger auch gegenüber Boris Herrmann aufholen, wenn das Hoch weiter nach Osten zieht und nicht mehr so sehr im Weg liegt. Es macht für sie einen direkteren kürzeren Weg möglich.

Vendée-Globe-Langzeit-Spitzenreiter Maitre Coq – Foiler der ersten Generation. © bestaven maitre coq

Dabei wird für Herrmann insbesondere Yannick Bestaven (Maître CoQ IV) immer gefährlicher. Der liegt auf Rang sechs nur 72 Meilen achteraus und hat als einziger in den vergangenen 24 Stunden bei Herrmanns Speed mithalten können. Seine Zeitgutschrift beträgt 4:15 Stunden mehr als die des Deutschen.

Zudem berichtet Bestaven, seine Probleme mit den großen Vorsegeln über die er gestern klagte, einigermaßen behoben zu haben. Er könne damit auch beim Vorwind-Segeln in den nächsten Tagen wieder zu hundert Prozent mitspielen.

Ob das der Wahrheit entspricht, muss sich noch zeigen. Den Informationen der Skipper über potenzielle Schäden sind zum Ende des Rennens immer weniger zu trauen. Die Gegner können daraus Rückschlüsse für ihre Strategie  im direkten Zweikampf ziehen. Niemand zeigte bisher so offen wie Herrmann, wie es ihm und seinem Schiff geht. Aber auch er hält sich nun ebenfalls zunehmend zurück.

Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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