Vendée Globe: Herrmann segelt tief, schnell und einen Umweg – Positionierung für den Angriff

Die Schere geht auf

Der Vendée Globe-Tracker zeichnet gerade ein schiefes Bild. Im Rennen zum Tiefdruck liegt Boris Herrmann gut dabei. Er gibt wieder Gas. Ein Split zeichnet sich ab.

Der Tracker zeigt wieder einen schiefen Kurs. Seguin (rotes Boot r.) wird auf Rang drei geführt, weil er näher zum Ziel positioniert ist. Das Rennen führt aber Richtung Norden zu den westlichen Winden.

Die Vendée Globe befindet sich etwa eine Woche vor dem prognostizierten Zieleinlauf in einer entscheidenden Phase. Schnellster in der gesamten Flotte ist zurzeit Louis Burton (Bureau Vallée 2) auf der Siegerschiff der vergangenen Vendée Globe. Er legte 444 Meilen in 24 Stunden zurück und damit 60 Meilen mehr als Charlie Dalin (Apivia).

Dennoch hat sich Burtons Rückstand auf Dalin nominell auf 108 Meilen vergrößert. Der Unterschied ist auch im VMG-Wert zu erkennen, dem zurückgelegten Weg Richtung Ziel. Burton ist zwar 2,5 Knoten schneller als Dalin aber sein VMG-Speed (7,6 Knoten) um 2,5 Knoten langsamer.

Diese Werte ergeben sich aus den unterschiedlichen Kursen, die beide Skipper steuern. Burton segelt tief und schnell, Dalin hoch und langsam. Daraus ergibt sich ein immer größer werdender Querabstand zwischen den beiden Führenden, den Apivia-Skipper sicher nicht gerne sieht.

Spitzer und langsamer

Der Rennfavorit hat das eigentlich schnellere Schiff und war bisher immer bemüht, seine Gegner aus der Nähe zu kontrollieren. Aber nun ist es offensichtlich, dass ihn seine beschädigte Backbord-Foil-Aufnahme zu diesem Kurs zwingt. Er kann nicht ebenso tief und schnell segeln wie Burton und den Angriff nicht parieren. Dalin muss hoffen, dass sein östlicherer, kürzerer Kurs auf dem Weg durch die Flaute zu den westlicheren Winden der schnellere ist.

Ähnlich sieht das Duell zwischen Boris Herrmann und Thomas Ruyant aus. Der Franzose muss mit dem abgesägten Backbord-Foil spitzer und langsamer segeln, der Deutsche kann sich voll auf sein Foil stützen und macht die Kurs-Schere auf.

Der Speed lag zuletzt zwischen 16 und 19 Knoten.

Herrmann liegt nun allerdings schon gut 170 Meilen im Kielwasser von Burton auf dem nordwestlichen Kurs und hätte seine Zeitgutschrift aufgebraucht. Auch zu Dalin läuft es nicht so gut. Allerdings hat Herrmann wie Burton auf dem tieferen Foiler-Kurs den Querabstand zu dem nominell Führenden Dalin auf 90 Meilen vergrößert. Diese Positionierung kann bei der West-Drehung des Windes in etwa zwei Tagen noch sehr wertvoll werden.

Der Tracker zeigt ein schiefes Bild, da er den Abstand zum Hafen von Les Sables-d’Olonne misst. Das eigentliche Berechnungskriterium sollte im Moment aber die nördlichste Position sein, weil dort oder sogar im Nordwesten der Ausgang aus der kommenden Flaute liegt. Dafür sind Louis Burton und auch Boris Herrmann besser positioniert.

Herrmann muss allerdings auch in den Rückspiegel sehen, weil insbesondere Yannick Bestaven wieder Boden gut macht. Und der hat noch 4:15 Stunden mehr Zeitgutschrift auf der Haben-Seite.

Mächtig Arbeit für Herrmann. Die Änderungen im TWA zeigen, wenn er meist für einen Segelwechsel abfällt.

Bestaven erklärte allerdings zuletzt, dass sich seit der Kap-Hoorn-Rundung auf seinem Boot nun doch einige technische Probleme ergeben haben. Der Bugkorb sei abgerissen und einige Rollanlagen nicht mehr einsatzfähig. Er könne ein paar Segel nicht mehr benutzen. Wenn das so wäre, könnte er insbesondere in der kommenden Leichtwind- und Vorwind-Phase Schwierigkeiten bekommen.

Herrmann rekapituliert noch einmal den Ausgang aus den Doldrums: “Das waren zuletzt 24 psychologisch sehr herausfordernde Stunden. Einen Tag und eine Nacht überhaupt kein Wind. Manchmal drehte sich das Boot im Kreis, der Autopilot piepte wie verrückt, die Segel schlugen.” Danach habe er hohen Seegang erlebt, der nicht zum Wind passte.  Auch der Passatwind war anfangs längst nicht so stabil, wie erhofft. “Du erlebst plötzliche Böen mit 27 Knoten die auf eine Besegelung treffen, die für 11 Knoten eingestellt ist. Das bedeutet viel Arbeit und ich bin ziemlich angespannt.”

Diese Vendée Globe bleibt so unglaublich spannend, wie sie es in ihrer 31-jährigen Geschichte nie war.

Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

7 Kommentare zu „Vendée Globe: Herrmann segelt tief, schnell und einen Umweg – Positionierung für den Angriff“

  1. avatar PL_koch.sven sagt:

    Sehr interessante Situationsbeschreibung, insbesondere für mich als Segel Laien. Danke dafür. Unglaublich spannend das Rennen. Hänge alle paar Stunden am Tracker 🙂

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

  2. avatar brahms sagt:

    Ich denke Dalin macht momentan alles richtig. Burton geht zu weit nach Westen, Herrmann ist zu langsam bzw. läuft zu wenig Höhe. Er hätte besser im Schatten von Dalin bleiben sollen. Wir werden sehen, dass selbst Ruyant mit seinem gekürzten Foil nachher besser positioniert sein wird als Herrmann.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 4

    • avatar PL_koch.sven sagt:

      Habe mich auch gewundert, dass er soweit westlich segelt. Andererseits haben die Doldrums gezeigt, wie schnell sich das Klassement wieder verschieben kann. Aber alle Segler da vorne (bzw. in der ganzen Regatta) sind natürlich Topleute.

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      • avatar brahms sagt:

        Nun, mit dem 14:00 Stand, hat sich gezeigt, dass Boris das Boot weiter auf Höhe und Geschwindigkeit trimmen konnte. Wahrscheinlich jetzt sehr unangenehme Bedingungen auf dem Boot. Aktuell ist er sogar schneller als Dalin, das ist wirklich Klasse, aber er hat eben auch wieder viel gut zu machen … hoffentlich kommt er mit mehr Glück durch die Flaute. Ab und an macht er seine Sache wirklich unglaublich gut!

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  3. avatar Sofasegler sagt:

    Ganz schwer zu sagen. Es get letztlich auch darum, wer noch wieviel Speedpotential im Boot hat, d.h. wie intakt kann jeder noch die Moeglichkeiten nutzen. Bei Linked Out sieht es nicht so gut aus, hier koennte Boris “einfach” folgen und auf sein schnelleres Boot (und die Zeitgutschrift) vertrauen. Bei Apivia weiss ich nicht ob er sicher ist, dass sein Boot schneller ist um eine solche Taktik zu fahren…Bureau Vallee sieht schnell aus, der riskiert auch mit dem Split wie es aussieht..Boris und Louis scheinen also zu glauben bzw. sich sicher zu sein, dass Apivia speedmaessig ueberlegen ist.

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  4. avatar Hannes-980 sagt:

    Alle reden von Zeitgutschriften, was irgendwie niemand auf dem Zettel hat ist das Burton seit dem Start schon 5h Zeitstrafe mit sich rumschleppt. Die könnten auch noch interessant werden.

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