Vendée Globe: Jérémie Beyou greift wieder an – Neuer IMOCA schon fortgeschritten

"Bloß keine Schwäche zeigen"

Jérémie Beyou war mit “Charal” der größte Favorit und Verlierer der Vendée Globe. Aber das soll es nicht gewesen sein. Sein Neubau ist für 2024 auf Kurs. Es wird wohl ein Plattbug.

Jeremie Beyou bei der Arbeit. © Gauthier Lebec/Charal

Der Franzose Jérémie Beyou hat nach drei Figaro-Siegen und dem Volvo-Ocean-Race-Gewinn keinen Hehl daraus gemacht, dass für ihn bei der Vendée Globe nur der Sieg zählt. Als Idol nennt er Michael Jordan. Besonders wegen seiner Einstellung: “You play to win, or you don’t play!” – Man spielt, um zu gewinnen, oder man spielt lieber nicht. So widmete er die vier Jahre vor der Vendée Globe so intensiv dem einen Ziel, diese Regatta zu gewinnen, wie kaum ein anderer. Er brachte ein Budget von 15 Millionen Euro von seinem neuen Sponsor “Charal” zusammen, baute den ersten radikalen Foiler der neuesten Generation, siegte damit 2019/20 in vier von fünf Rennen und musste sich nach einem Schaden am Ruder dann doch geschlagen geben.

Beyou am Boden zerstört bei seiner Rückkehr zur Startlinie in Lorient. © Oliver Blanchet/Alea # VG2020

Umso brutaler war es für ihn, dem Feld chancenlos hinterher segeln zu müssen. Schließlich kam er 90 Tage nach dem Start als 13. Boot ins Ziel. Dabei gelang ihm auch nach seinem verspäteten Neustart keine Rekordrunde, die die vermeintliche Überlegenheit dokumentiert hatte. Mit seinem Foiler, der für eine U-70 Tage Weltumrundung gebaut war, benötigte auch er mehr als 80 Tage. Mit 477 Meilen in 24 Stunden erreichte er nur den 11-besten Wert, obwohl er alle Zeit der Welt gehabt hätte, auch mal eine Zeitlang schnell in die falsche Richtung zu segeln.

“Charal” mit den neuen Flügeln. Weniger Flughöhe, aber mehr Stabilität. © Charal

Offenbar funktionierte sein IMOCA nicht wie erhofft und erwartet. Kein Wunder also, dass er nun für sein neues Projekt eher ein anderes Design bevorzugt. Schon während er noch auf See war, soll die Planungsphase für einen Plattbug aus der Manuard-Feder weit fortgeschritten sein.

Das IMOCA-Plattbug-Design von Sam Manuard mit voluminösem Vorschiff und geschwungenen Foils. © Taglang/Chevalier

Das VPLP-Design der Hugo Boss – Linien, die auch Charal auweist – mit deutlich schmalerem Vorschiff. © Taglang/Chevalier

Offiziell will Beyou auch jetzt noch nichts dazu sagen, aber mehreren Quellen in der Szene zufolge hat sogar schon der Bau bei der CDK-Werft in Lorient vor einigen Monaten begonnen. Das Schiff soll im Frühjahr 2022 vom Stapel laufen. Früh genug, um am 26.11. bei der wichtigen Atlantik-Regatta Route du Rhum teilzunehmen.

Zehn Kilogramm verloren

Bis dahin bleibt Beyou noch genügend Zeit, um sich von den Strapazen zu erholen. Der Frust sei immer noch präsent, lässt der Offshore-Profi in seinem jüngsten Ouest-France-Interview durchblicken. “Es sind gerade mal zwei Monate vergangen. Das ist das Minimum an Zeit, die man braucht, um wieder aufzubauen und auf das schauen zu können, was passiert ist.” Selbst eine aktuelle TV-Dokumentation über sein Abenteuer habe er sich noch nicht ansehen können.

Wie schwer diese Weltumsegelung besonders auch mental für ihn war, zeigt wohl auch der Gewichtsverlust von zehn Kilogramm. Anders als der zweitplatzierte Charlie Dalin, der sogar während der Vendée Globe drei Kilogramm zugenommen hat, fiel es Beyou offenbar schwer, die notwendigen Kalorien zu sich zu nehmen. Er sei erschreckt gewesen, wie sehr seine Beinkraft geschwunden ist. Ein Rennradtraining mit Franck Cammas und der Lebensgefährtin habe er vorzeitig nach zehn Kilometern abbrechen müssen.

Neue Foils für Jeremie Beyou und seine Charal im Mai 2020. © Zedda, Charal

Zwei einwöchige Abstecher in die Berge hätten ihm schließlich viel Erholung gebracht. “Die Höhe, die wunderschöne Umgebung, die gedämpfte Atmosphäre. Das war ideal für eine Pause. Aber vollständige Abschottung sei nicht möglich gewesen. Die Vorbereitungen für Transat Jacques Vabre – Start am 7.11.2021 – und die Route du Rhum 2022 laufen schon. Es gilt, weiter vorwärts zu gehen.

Beyou hofft, dass ihn das Erlebnis bei der vergangenen Vendée Globe stärker gemacht hat. “Vorher habe ich nicht verstanden, warum man bei der Vendée Globe startet, wenn es nicht um den Sieg geht. Nun habe ich entdeckt, dass es auch ein Ziel sein kann, ein Projekt mit aller Kraft bis zum Ende durchzuziehen.” Er sei beim Hinterher-Segeln den Konkurrenten im Mittelfeld viel nähergekommen als zuvor. “Sie alle geben alles. Es ist eine große Herausforderung. Nur wenige schaffen es, bei der Vendée Globe zu starten und es bis ins Ziel schaffen.”

Wenn man vorne segelt, gebe es immer diesen psychologischen Aspekt, dass man gegenüber den Gegnern keine Schwächen zeigen darf. “Man kommuniziert also ziemlich wenig. Diesmal konnte ich mehr mit den Jungs und Mädels um mich herum reden. Und herausfinden, wie ihr Rennen lief, wie sie die Dinge sehen.” Das habe er sehr genossen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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