Vendée Globe: Jetzt das Bundesverdienstkreuz? – Wie es weiter geht für Boris Herrmann

"Warum nicht noch einmal?"

Boris Herrmann hat in der abschließenden Pressekonferenz mit den deutschen Medien versucht, die Schärfe aus der Diskussion um die Kollision zu nehmen. Er spricht auch über seine Zukunftspläne.

Boris Herrmann nach 80 Tagen auf See. © Boris Herrmann Racing

Nach der Ankunft des neuen deutschen Seehelden im französischen Les Sables d’Olonne mochte sich Boris Herrmann kaum noch mit der Kollision beschäftigen, die ihn in der Nacht zuvor wohl Platz drei bei der Vendée Globe gekostet hatte. Aber er kam in den Live-Schalten nicht um das Thema herum. Insbesondere nachdem der spanische Kutter-Kapitän gefordert hatte, er solle die Behauptung zurücknehmen, das AIS sei nicht eingeschaltet gewesen.

Medien kritisierten ihn schon dafür, dass er sich scheinbar inmitten des brausenden Biskaya-Verkehrs ohne Sicherungsmaßnahmen einfach schlafen gelegt habe. Ein solches Risiko aber wäre weit entfernt von der vorsichtigen Renngestaltung des Skippers.

Der hatte von Anfang an das Ankommen zur Prämisse gemacht hatte und immer wieder  Mantra-mäßig im Verlauf der vergangenen 80 Tage diesen low-risk-Zugang zu seiner persönlichen Vendée Globe betont. Damit kam er gar nicht erst in die  Situation einen Erwartungsdruck aufzubauen, der sich an einem Resultat orientiert.

Plötzlich Siegchancen für den Underdog

Nach dem Kauf eines der schnellsten Boote der vergangenen Vendée Globe hatte er es in den ersten Jahren etwas anders gehandhabt. Und vielleicht machte ihm dieser vermeintliche Druck bei den ersten Langstreckenrennen mit seiner Malizia mehr zu schaffen als erwartet.

Diesmal jedenfalls lief es anders herum. Er ging als Underdog in die Vendée Globe, auch weil gut sieben Neubauten auf dem Papier schneller waren, erledigte seine technischen Hausaufgaben vor der Regatta seriös, blieb im Rennen dran, rutschte nach den vielen Ausfällen und Schäden der härtesten Konkurrenten immer weiter nach vorne, nutzte die Chancen der ungewöhnlichen Wetter-Entwicklungen und war plötzlich in der Lage, dieses Rennen gewinnen zu können.

In dieser Situation legt man sich nicht einfach schlafen. Besonders einem Herrmann, dem die Franzosen das Deutschsein eher bewundernd, neckend als beleidigend anheften. Seine Akribie hat ihn um die Welt gebracht. Es wär ja nicht das erste Mal, dass diese Einhandspezialisten an ihre (Schlaf-)Grenzen kommen. Alex Thomson etwa ist bei der Route du Rhum 2018 in Führung liegend kurz vor dem Ziel mit Vollgas auf Land gebrummt. Der Wecker habe nicht geklingelt. Herrmann ist so ein Missgeschick nicht zuzutrauen. Es klingt glaubwürdig, dass er vor dem Power-Nap mehrfach die Funktionsfähigkeit der Sicherheitsalarme gecheckt hat.

“Eingeschaltet war es eindeutig nicht”

Und so bekräftigte Herrmann im ARD/ZDF-Morgenmagazin nach Informationen von seinem Team den Vorwurf zum ausgeschalteten AIS des Fischers: “Eingeschaltet war es eindeutig nicht.” Man habe das nun im Daten-Log nachvollziehen können. Fischer würden oft das AIS ausschalten, um der Konkurrenz nicht zu zeigen, wo man auf Fang gehe. “Das ist wahrscheinlich ganz normal.”

Aber der deutsche Skipper wäre nicht er selbst, wenn er ein großes Fass aufmachen würde. Er wolle niemandem einen Vorwurf machen. Schließlich ist es auch nicht unbekannt, dass Fischtrawler in diesem Seegebiet die größten Gefahren für IMOCA-Einhandsegler darstellen. 2012 schied Kito de Pavant wenige Tage nach dem Vendée Globe-Start nach einer ähnlichen Kollision aus. Er war unter Deck und  ärgerte sich über sich selbst. Zwei Tage später erwischte es damals Louis Burton, dem heutigen Drittplatzierten.

Das aufgeklappte Deck der "Groupe Bel". © de Pavant

Das aufgeklappte Deck der “Groupe Bel” nach der Kollision mit einem Fischer kurz nach dem Vendée Globe Start 2012. © de Pavant

Ein Jahr später beschreibt Jörg Riechers seine verhängnisvolle Begegnung mit einem Fischtrawler, der Fahrerflucht beging. “Er war ohne Positionslampen unterwegs, hatte kein AIS eingeschaltet und hat wohl auch keinen Ausguck gehalten”, schrieb der Skipper. “Er hat einen Akt der Piraterie begangen, worauf in Frankreich als Höchststrafe ‚Lebenslänglich‘ steht. Die Chancen den Fischer zu finden, sind leider nicht sehr hoch.”

Besonders dramatisch verlief der Crash beim Volvo Ocean Race vor zwei Jahren. Ein Fischer starb als das Vestas-Team ein Boot überfuhr. Allerdings fand der Unfall in einem anderen Seegebiet vor der Ziellinie in Hong Kong statt.

Herrmann sagt, er habe heute erst einmal mit einem Vertreter der Reederei telefoniert. Man habe nett miteinander gesprochen und sich keine Vorwürfe gemacht. In der PK betont er ausdrücklich: “Es tut mir leid. Ich habe den Fischern bestimmt einen riesigen Schrecken eingejagt.”

Vorschlag für das Bundesverdienstkreuz

So weit so gut. Gerne wendet sich der Hamburger positiveren Dingen zu. Zum Beispiel der Meldung, er sei für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen, hat Herrmann vorgeschlagen.

Darauf angesprochen wundert sich der Segler. Das bekomme man doch nur im Einsatz für die Gemeinschaft. Wenn sein Einsatz gegen den Klimawandel im Rahmen seiner sportlichen Aktivität so gewertet werde, dann würde ihn das sehr freuen.

Die große Aufmerksamkeit für das Rennen sei großes Glück gewesen. Die Pandemie habe dabei eine Rolle gespielt. Vielleicht fühle sich einige Menschen seiner Situation in der Einsamkeit mehr verbunden. Aber er hält diese Regatta auch schon immer für einen “ungeschliffenen Diamanten in der Medienlandschaft”. Vielleicht könne er die Plattform der Popularität nun nutzen, die Botschaft für die Notwendigkeit des Klimawandels damit verknüpfen. “Ich will die Chance nutzen, diese Thema mit Leben zu füllen.” Vielleicht könne man den Sport damit verknüpfen, etwa die Klimafrage mit dem gleichen Sportsgeist lösen, mit dem sie die Regatta durchgestanden haben, Techniken finden, die zum Erfolg führen.

Er wolle auf jeden Fall weitermachen. Auch die Vendée Globe kann sich Herrmann noch einmal vorstellen. Auf jeden Fall fasst er das Ocean Race wie geplant ins Auge. Bis dahin müsse aber noch geklärt werden, mit welchem Boot. Seaexplorer – YCM steht für 2,7 Millionen Euro zum Verkauf. Der Stuttgarter Immobilien-Unternehmer Gerhard Senft hatte sie erworben und Herrmann zur Vefügung gestellt. Das sei ein große Hilfe für den Start des Projektes gewesen aber nun läuft der Deal aus.

Kauf von Seaexplorer?

Sicher ist, dass er in der IMOCA-Klasse weiter macht. Es bestehe auch die Chance, Seaexplorer selber zu kaufen und weiter zu verbessern. Aber die Möglichkeiten werden nun in den nächsten zwei bis drei Monaten geklärt.

Um bei dem auf das nächste Jahr verschobene Ocean Race – dem Etappenrennen um die Welt mit diesmal fünfköpfiger Crew – auf einem IMOCA gewinnen zu können, müsste wohl ein Neubau erfolgen. Oder eines der neuen Boote müsste den Anforderungen angepasst werden.

Herrmanns Optionen werden nun davon abhängen, wie er seine neue Popularität, seinen gestiegenen Marktwert, in Sponsor-Budgets umwandeln kann. Der Greta-Coup hatte sich schon ausgezahlt und war schließlich auch mitverantwortlich für das neue Paar Flügel, das ihn so weit an die Spitze der IMOCA-Flotte katapultiert wurde. Es ist dem Hamburger zuzutrauen, dass er auch die neuen Möglichkeiten geschickt ausnutzt. Verdient wäre es.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

11 Kommentare zu „Vendée Globe: Jetzt das Bundesverdienstkreuz? – Wie es weiter geht für Boris Herrmann“

  1. avatar ZuSpät sagt:

    “Dieses Inserat ist leider nicht mehr verfügbar

    Das Inserat “Multiplast Imoca 60″ ist nicht mehr online.

    Vermutlich ist dieses Boot bereits verkauft.”

  2. avatar manfred schog Viermann sagt:

    zuwas denn gleich das Bundesverdienstkruzifix nochmal, solch ein Schwachsinn!

    Wenn überhaupt, das Seehäschen als Schwimmabzeichen, oder als Steigerung das Sportabzeichen.

    • avatar ds sagt:

      Man kann ja alles kritisch ansprechen, aber diese Formulierung disqualifiziert. Auch bei anderen Empfängern des Bundestverdienstkreuzes wie zuletzt die youtuberin Mai, könnte man sagen “die machen doch nur ihren Job”.

      Eine hervorragende sportliche Leistung ist wohl in der Tat nicht ausreichend, das macht der Sportler für sich selbst, aber einmal als Auflistung, was Boris erreicht hat:
      – 5. Platz als erster deutscher bei der Vendee (wie gesagt kein Kriterium, aber dennoch ein Meilenstein)
      – diesen Platz hat er erreich, trotz einer schweren wissenschaftlichen Messstation an Bord um Daten aus Regionen zu bekommen, die man sonst nicht bekäme oder aus Regionen, wo ansonsten ein bis zu 30-köpfiges Team mit einem Motorboot (klima…) hinfahren müsste. Er hilft sogesehen die Qualität der Wissenschaft zu verbessern und den CO2 Fußabdruck für diese zu verringern, obwohl es seinem sportlichen Ziel eher schadet.
      – Boris verzichtet auf Dieselstromerzeugung und ist komplett autark unterwegs
      – Boris führte über die gesamte Laufzeit der Kampagne als auch während des Rennens Gespräche und Projekte mit Schulen und Kindern
      – Boris verhilft dem Segelsport und damit seinen Verbänden zu neuer Aufmerksamtkeit
      – Mit seiner Berichterstattung in 3 Sprachen sorgt er außerdem für etwas Freude in der Pandemie. Eine Pandemie kennt verschiedene Helden, die die an der Front kämpfen, um diejenigen zu schützen, die an der Krankheit leiden und Boris ist einer der Helden, die sich sogesehen um die Menschen kümmern, die unter den Einschränkungen der Pandemie leiden.
      – Boris hat geholfen einen Menschen zu retten, der drohte zu ertrinken und dabei selbstlos sein sportliches Ziel zurückgesteckt. Zwar gab es die Regel der Wiedergutmachung schon lange, aber dennoch weiß man nie ob diese reicht, wenn sich die Spitzengruppe mit einem guten Wetterfenster absetzen kann. So war es dieses Mal nicht, das schmälert aber nicht die Geste von Boris, genauso wenig, wie dass nicht er es war, der Kevin aus dem Wasser gezogen und übergeben hat.
      – und zu aller letzt segelt er für eine wichtige Botschaft und nicht für einen Massentierhaltungskonzern wie Charal oder Maitre Coq.

      Daher stimme ich zu, dass Boris Herrmann definitiv ein Anwärter für das BVK ist. Die Entscheidung wird dann von Ämtern übernommen, denen das gebührt. Darüber müssen wir uns zum Glück nicht streiten.

      • avatar Diesel sagt:

        Das sind alles gute und wesentliche Punkte. Aber trotzdem eine kurze Nachfrage zu:
        – Boris verzichtet auf Dieselstromerzeugung und ist komplett autark unterwegs

        Meines Wissens nach hatte er selbstverständlich einen Dieselgenerator als Backup an Bord und nach Ausfall der Hydrogeneratoren kam dieser selbstverständlich auch zum Einsatz. Auch der Diesel ging zwischenzeitlich kaputt (laut tagesspiegel.de).

        Korrekturvorschlag:
        – Boris war bemüht auf Dieselstromerzeugung zu verzichten und komplett autark unterwegs zu sein, was leider nicht vollständig gelang.

        • avatar ds sagt:

          Das habe ich glatt vergessen. Aber stimme da zu. So wäre das klarer. Danke dir. Bearbeiten kann man bei SR leider nicht.

  3. avatar Bemmann sagt:

    Boris hat für diese außerordentliche Leistung und als erster Deutscher das Bundesverdienstkreuz verdient. Die Mehrheit hofft darauf!

  4. avatar Jule vom Wannsee sagt:

    Also mir geht das Ökogelaber in Verbindung mit dem Segelsport mächtig auf den Sack. Unser schöner Segelsport ist bestimmt nicht ökologisch! Trotzdem hab ich einen Segelboot, verfolge den American Cup und hab mich über den Erfolg von Boris gefreut.

    • avatar ds sagt:

      Das stimmt und auch wieder nixht. Generell gibt es kein umweltfreundlich. Alles ist gewissermaßen schädlich, jedes e Auto, jeder bio Bauer, jeder Mensch. Es gibt nur mehr oder weniger umweltschädlich. Das ist ja aber auch ok, die Natur kann einiges wegstecken und das ja auch zu einem gewissen Grad verkraften. Wenn man sich an diesem orientiert könnte man wohl von “umweltharmonisch” sprechen und da fällt der Segelsport ja vielleicht rein.

      • avatar Sven 14Footer sagt:

        Lieber ds,

        Deine sachlich und ausgewogenen Kommentare zu lesen ist eine Wohltat. Ich stimme Dir voll zu. Aber auch die kritischen Anmerkungen (Jule und Diesel) sind sachlich. Eine Diskussion die dem BVK m.E. gerecht wird. => lesenswert

    • avatar waterman sagt:

      Bundesverdienstkreuz ? – Da ist wohl eher ein Medienpreis angesagt, weil Boris Segeln zu unserer aller Freude, auch dank Mangel an sonstigen positiven Nachrichten und Pause in vielen anderen Sportarten, in die Medien gebracht hat. Bei dem ökologischen Deckmäntelchen (der medienwirksame Trip mit Greta Thunberg, seine Pseudo-Wasseranalysen während des Trips etc.) steige ich dann komplett aus. Hoffentlich zerrt nicht mal jemand die tatsächliche Ökobilanz einer solchen Aktion an die Öffentlichkeit. Nur mal so am Beispiel Boot: Carbon, alle synthetischen Fasern und die gesamte Elektronik sind nicht nur mit einem erschreckend hohen Energieaufwand herzustellen, sondern zumindest die Verbundbaustoffe sind anschließend Millionen teurer Sondermüll. Dabei dürfte das Boot in der Gesamtbilanz nur einen untergeordneten Stellenwert haben. Solche Erkenntnisse an die Öffentlichkeit gezerrt könnten ganz schnell zum ‚Eigentor‘ werden.

  5. avatar PL_detlefmschulz sagt:

    Ich habe Boris, natürlich auch Isabell, seit dem Start verfolgt.Als “nasse Wiese Segler” konnte ich über Wochen diese dramatische Reise verfolgen und möchte mich bei Boris für Seine mitnehmende Berichterstattung bedanken. Meines Erachtens nach hat er dem Segelsport in Deutschland einen neuen Stellenwert gegeben. Es wäre schön, wenn es der Segelsport zu mehr Aufmerksamkeit in den Medien verhelfen würde.Vielen Dank Boeis

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