Vendée Globe: Le Cléac’h schafft es nicht, seine Match-Bälle zu verwandeln

"Ich bin besorgt"

Der Vendée-Globe-Führenden Armel Le Cléac’h äußert sich ungewohnt nachdenklich zum Ausgang der Regatta. Alex Thomson lässt sich immer noch nicht abschütteln.

Armel Le Cléac’h kann einem leid tun. Da segelt er das Rennen seines Lebens, macht bisher alles richtig und sollte auf den letzten Meilen dieser Vendée Globe die Früchte seines Tuns genießen können, so wie es auch seine Vorgänger taten. Aber nun liegt voraus jede Menge instabiles Wetter und achteraus dieser Typ mit dem schwarzen Boot, der einfach nicht locker lässt.

Armel Le Cleac'h

Armel Le Cleac’h kann sich einfach nicht entspannen. Bis zum Ziel bleibt es knapp. © Le Cleac’h

Zweimal war Le Cléac’h nun schon Zweiter bei der Vendée Globe. Das sind tolle Platzierungen, doch nun muss einfach der Sieg her. Er ließ an diesem Ziel nie einen Zweifel. Perfekt hat er sich mit seinem Team  darauf vorbereitet, die richtigen Design-Entscheidungen getroffen, und die konstruktiven Unwägbarkeiten des neuen Foil-Zeitalters souverän umschifft.

Vier Tage Vorsprung

Sein Schiff ist schnell und verlässlich genug, um diese Regatta klar und deutlich zu gewinnen. Zumal der ärgste Konkurrent durch Bruch schwer gehandicapt ist. Und im Pazifik hatte Le Cleac’h das Rennen doch eigentlich schon entschieden. Mehr als 800 Meilen lag er voraus. Das sind bei dem jetzigen Speed fast vier Tage.

Thomson (schwarz) lässt nicht locker. Aber Le Cléac'h hat sich wieder direkt vor ihn gelegt.

Thomson (schwarz) lässt nicht locker. Aber Le Cléac’h hat sich wieder direkt vor ihn gelegt.

Nach dem Kap Hoorn äußerte er schon einen mutigen Vergleich. Vier Jahre zuvor habe Francois Gabart etwa den gleichen Vorprung auf ihn gehabt und war danach nicht mehr in Gefahr geraten. Aber so ist es eben diesmal nicht.

Dieser Brite lässt sich einfach nicht abschütteln. Querab von Brasilien ist er plötzlich wieder auf 30 Meilen dran. Beim nächsten Ausbruchversuch am Äquator darf Le Cléac’h wieder auf 340 Meilen wegsegeln, dann spannt sich das Gummiband wieder, über das “Hugo Boss” mit Le Cléac’h verbunden zu sein scheint.

Diesmal flutscht Thomson wieder auf 78 Meilen heran. Aber er fällt wieder auf 253 Meilen zurück. Das musste doch jetzt endlich die Entscheidung sein so kurz vor dem Ziel. Aber nein, knapp vor den Azoren nun ist der Gegner wieder auf 100 Meilen dran. So langsam scheint das Eindruck auf Le Cléac’h zu machen.

Hugo Boss (schwarz) war zuletzt wieder schneller unterwegs.

Hugo Boss (schwarz) war zuletzt wieder schneller unterwegs.

“Komplizierte Tage voraus”

Während er zuvor noch mit Informationen über sich, sein Boot und das Seelenleben geizte – auch um keine Taktik-Details preis zu geben – lässt er nun deutlich tiefer blicken. “Es liegen fünf sehr komplizierte Tage voraus und ich bin etwas besorgt. Ich wäre froh, wenn es ein entspannteres Szenario gäbe.  Die Bedingungen variieren, und es wird richtig knapp zwischen mir und Alex. Wir puschen so hart, wie wir können. Ich versuche Alex zu decken, aber das war zuletzt etwas schwierig.”

Thomson hat es geschafft einen Querabstand von 70 Meilen zum Kurs des Franzosen einzunehmen, und das brachte ihm die Chance, die jüngste Leichtwind-Zone anders anzusteuern und schneller zu passieren. Le Cléac’h musste tief und langsam segeln, um sich wieder genau vor seinen Kontrahenten zu positionieren. Ein Manöver wie aus dem Lehrbuch, aber es kostete ihn gut 100 Meilen.

“Der Wind sollte morgen wieder stärker werden, wenn ich das Wetter richtig lese und meine Taktik stimmt. Mein Boot ist in guter Verfassung, aber ich habe keine Ahnung, ob ich einen Vorteil gegenüber Alex habe, wenn es zum engen Schlagabtausch kommt. Die Zeit wird es zeigen.”

Alles spricht für Le Cléac’h

Der Franzose bezieht sich damit auf seine Erfahrung beim intensiven Einhand-Segeln in der Figaro-Flotte. Neun Saisons absolvierte er in dem härtesten Einheitsklassen-Feld dieser Disziplin und gewann zweimal. Das verschafft ihm einen großen Vorteil gegenüber dem in solchen Dingen weniger erfahrenen Thomson.

Alles spricht immer noch für Le Cleac’h. Und bald wird wieder mit Wind von Backbord gesegelt. Da fehlt Thomson das Foil. Aber gerade diese vermeintliche Überlegenheit in allen Belangen hat noch nicht dazu geführt, dass er diese Regatta souverän gewinnt.

Ein Flautenloch an der falschen Stelle, ein falsch berechneter Winddreher, und schon ist das schwarze Boot vorbei. Es wäre undenkbar, und gerade das scheint den “Banque Populaire”-Skipper immer deutlicher zu belasten.

Psychologisch ist das eine brutale Herausforderung. Drei Match-Bälle hat er jetzt schon nicht verwandelt, und nun geht es in den Tie-Break. Der dauert aber nicht wenige Minuten, wie beim Tennis, sondern fünf Tage. Zweieinhalb Monaten alleine auf See und ständig diesen schwarzen Schatten im Nacken – da muss schon mal dieser fiese Gedanken auftauchen, es könnte am Ende vielleicht doch nicht reichen. Was wäre das für eine brutale Niederlage. Man möchte sie niemandem wünschen. Am Donnerstag fällt wohl die Entscheidung.

Vendée Globe Tracker

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
https://yachtservice-sb.com

4 Kommentare zu „Vendée Globe: Le Cléac’h schafft es nicht, seine Match-Bälle zu verwandeln“

  1. avatar Johny Rotten sagt:

    Egal wer von beiden letztendlich gewinnt: beide liefern hier größtes Tennis ab! Ich kann mir das unter solchen Bedingungen und dem langen Zeitraum der Regatta nichtt annähernd vorstellen, wie man auch nur ankommt…
    Das mit dem Decken bei einem Abstand von 100 sm finde ich aber erklärungsbedürftig (als Nicht-Regattasegler): wie hat das “Decken” von Armel einen Einfluss auf die Taktik von Alex?

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  2. avatar eku sagt:

    Sollte es zB auch nur 2 gleichwertige Optionen für Alex geben, muss Armel die immer mit kalkulieren. Es könnte ja sein, dass sich die 2. Option 3-4 h später als bevorteilt erweist (ode zumindest so scheint) Armel muss dann noch reagieren können.
    Alex darf also nicht zu früh andeuten eine mögliche 2. Option zu wählen, um eine Reaktion von Armel auszuschließen. in 3-4 h können 70-80 sm zurückgelegt werden.
    Des Weiteren muss er versuchen, zB durch einen hohen Querabstand, diese 2. Option erst zu eröffnen (Was an sich auch schon spekulativ ist). Der Querabstand vergrößert oft die Wahrscheinlichkeit bei Änderung der Wetterbedingungen eine Option zu bekommen (oder natürlich auch das Gegenteil)
    Schön zu sehen war das bei der Passage der CapVerden. Als klar wurde, was Alex vorhat, konnten die anderen nicht mehr reagieren (ohne Verluste)
    Bei den 100 sm Abstand jetzt ist das nur möglich/nötig durch die nie ganz sichere Wetterentwicklung. Je sicherer die Wetterentwicklung, um so mehr kommt es nur noch auf den Bootspeed an, da die Routingsoftware da schon den schnellsten Weg finden wird.
    Das interessante dabei: Bei dem Abstand sehen die die Position des anderen auch nur wie wir – alle paar Stunden.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *