Vendée Globe: Muss Le Cleac’h heute bremsen? – Die nächsten Stunden sind entscheidend

"Ich kämpfe bis zum Ende"

Alex Thomson ist bei seiner Vendée Globe-Aufholjagd in Schwierigkeiten geraten. Er spricht über Probleme, die ihn das Rennen kosten können. Sein Gegner würde das nie tun.

Armel Le Cleac’h hat seinen Widersacher in den vergangenen Stunden auf Distanz halten können und ihn nicht in den 50 Meilen Bereich kommen lassen, den Alex Thomson für notwendig hält, um ein Überholmanöver ansetzen zu können.

Die letzten Meilen. Le Cleac'h sollte zuerst vom schwächeren Wind ausgebremst werden

Die letzten Meilen. Le Cleac’h sollte zuerst vom schwächeren Wind ausgebremst werden

Obwohl “Hugo Boss” den 24-Stunden-Rekord gebrochen hat, kann sein Skipper das Potenzial des Schiffes offenbar nicht mehr ausfahren. Im Video weist er auf Probleme mit der Steueranlage hin, die ihn nicht mehr stabil auf Kurs hält. Sie hat Spiel in der Mechanik. Dadurch steuert das Boot besonders im Highspeed-Surf nicht mehr den exakten Winkel. Thomson berichtet sogar, dass sein Schiff fast in unbeabsichtigte Halsen gesteuert sei.

Zuletzt nahezu gleicher 24h-Speed der Duellanten

Zuletzt nahezu gleicher 24h-Speed der Duellanten

Kein Wunder, dass es mit dem Schlafen nicht so richtig klappt, wie er beschreibt. Was ist das für ein Horror? Es mag ja schon schlimm genug sein,  in dieser dunklen Hugo-Boss-Höhle zu hocken, wenn man mit 30 Knoten eine Welle runter ballert. Vielleicht kann man sich nach zweieinhalb Monaten auf See sogar daran gewöhnen. Aber wie muss es sein, wenn das Schiff mit Wackelruder so weit abfällt, dass es droht, auf die andere Seite zu schlagen. Wie soll man da ein Auge zutun?

Kummer gewohnt

Alex Thomson ist Kummer gewohnt. Und vielleicht geht es Armel Le Cleac’h ja ähnlich. Irgendwelche technischen Probleme muss der Mann doch auch haben. Er spricht nur nicht darüber. Auch, um dem Konkurrenten keinen Anhaltspunkt über seine Situation zu geben.

So machen es die Franzosen. So war es bei dem Duell vor vier Jahren. Gabart und Le Cleac’h beharkten sich im engsten Zweikampf bis kurz vor dem Ziel, aber keiner hat es mitbekommen – außer den eingefleischten Fans. Ehrliche Informationen von Bord blieben bis zum Schluss aus. Es galt, ein Rennen zu gewinnen, und nicht die Herzen der Fans. Die würden dann schon folgen. Drei Stunden und 17 Minuten lagen am Ende nur zwischen Platz eins und zwei.

Alex Thomson folgt einer anderen Philosophie. Niemand schafft es, beim Einhandsegeln so authentisch, sympathisch und ehrlich von seinem Abenteuer zu berichten. Er muss es auch. Dafür bezahlt ihn der Sponsor.

Es gibt bessere Segler als den Briten. Er hat seinen Wert als Markenbotschafter nicht durch herausragende Erfolge manifestiert, sondern durch waghalsige Stunts. Dadurch verdiente er das Geld, mit dem er  sein hochklassiges Team unterhält. Es entwickelte mit ihm die richtige Strategie, um den schnellsten IMOCA der Flotte an den Start zu bekommen.

Nachricht gestreut

Einmal hat Thomson im Rennen versucht, das Kommunikations-Spiel der Franzosen zu spielen. Beim Bruch seines Foils ließ er lange offen, was wirklich passiert ist. Es gab kein Foto vom Stumpf. Er streute gar die Nachricht, dass er Ersatz an Bord habe. Le Cleac’h sollte sich nicht sicher fühlen.

Hugo Boss Thomson

So wird “Hugo Boss” ins Ziel segeln müssen. Mit viel Krängung relativ spitz und ohne Foil in Lee.
© Marine Nationale / Nefertiti / Vendée Globe

Es ist schwer erkennbar, ob es was gebracht hat. Die Banque-Populaire-Strategen werden die Leistungsdaten genauer überprüfen können als die Öffentlichkeit. Und sie werden gewusst haben, dass man mal nicht so eben ein 150 Kilo-Foil um die Welt mitschleppt, geschweige denn im Southern Ocean montiert. Bei der Außenwirkung half es Thomson nicht. Musste man jetzt jedes Wort des Briten interpretieren?

Aber der Hugo-Boss-skipper hatte danach ohne Foil nichts mehr zu verlieren und gefiel sich in der gewohnten Underdog-Rolle. Vor Kap Hoorn war das Rennen ja eigentlich auch schon entschieden mit einem Rückstand von über 800 Meilen.

Le Cleac’h scheint Angst bekommen zu haben

Doch er blieb dran, bekam immer wieder eine Chance und hat es inzwischen geschafft, dass sich Armel Le Cleac’h tatsächlich bedrängt fühlt. Das ist vielleicht die größte Leistung. Der Franzose musste einige Fäden aus der Hand geben. Er scheint richtig Angst bekommen zu haben, dass ihn das Schicksal der ewigen Vendée-Zweiten doch noch ereilt. Dafür sprechen die jüngsten der spärlichen Äußerungen von Bord.

Dessen Schiff ist bei den Bedingungen der vergangenen Tage eigentlich klar langsamer. Das ist ein Ergebnis von Design-Entscheidungen im Vorfeld. Er befolgte die Strategie der Sieger: Kontrolliertes Risiko. Sein Schiff sollte mit den Besten mithalten können, musste verlässlich aber nicht das schnellste sein. Das Defizit würde er schon seglerisch rausholen.

Aber eigentlich hat er sich verrechnet. Es hätte wohl nicht funktioniert. “Hugo Boss” ohne Foil-Bruch wäre vermutlich ein klarer Sieger gewesen. Andererseits stellen die längeren, schmaleren Foils mit einer größeren Fläche im Wasser ein größeres Bruch- und Kollision-Risiko dar.

Thomson fehlt letzter Punch

Nun liegen beide kurz vor dem Ziel wieder so nahe beieinander, dass es durchaus knapp werden könnte. Aber es hat den Anschein, als würde Thomson nun der letzte Punch für den Knock Out fehlen. Sein Material scheint ausgelaugt. Auch der Ausfall des AIS, dem System, über das er Schiffe auf Kollisionskurs sieht und selber gesehen wird, dürfte ihn verlangsamen und mächtig Kopfzerbrechen bereiten.

Der Verkehr in der Biskaya wird deutlich zunehmen. Es gilt auch ein Verkehrstrennungsgebiet zu umfahren. Nicht auszudenken, wenn Thomson so kurz vor Schluss noch einen echten Crash hinlegt. Beide Skipper dürften so übermüdet sein, dass diese Gefahr sehr real ist.

Seine Aussagen zum möglichen Überholmanöver hörten sich auch schon mal optimistischer an. Er sag zwar “ich werde bis zum Ende kämpfen”, aber zuletzt war er eben auch nicht mehr schneller. Le Cleac’h sollte heute früher in den abnehmenden Wind kommen und gebremst werden. Der Vorsprung sollte sich also verringern. Aber sobald beide Skipper im britischen Kanal mit dem zu erwartenden Winddreher gewendet haben, dürfte es Thomson schwer haben, ohne Foil mit Wind von Backbord eine Überholspur zu finden.

Sollte der Brite tatsächlich so nahe herankommen, dass es eng wird, so müsste sich der Franzose einfach direkt vor seinen Gegner legen und ihn im engen Zweikampf kontrollieren. Allerdings findet das ganze Spiel bei ablandigem Wind und Strömung nahe unter der Küste statt. Die Variabelen sind kaum berechenbar, auch wenn sich Le Cleac’h in diesem Seegebiet bestens auskennt durch seine Figaro-Regatten. Ein stabiles Szenario ist aber nicht vorhersehbar.

Kritisch wird die Wende im Kanal. Wer zuerst in den Nordostwind wendet, kann abkürzen, gerät aber auch in die Gefahr, zu nahe in die Leichtwindzone zu geraten. Es bleibt spannend. Zuletzt fehlten “Hugo Boss” 75 Meilen zum Sieg.

Vendée Globe Tracker

 

 

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Vendée Globe: Muss Le Cleac’h heute bremsen? – Die nächsten Stunden sind entscheidend“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

    Ein Foil um die Welt zu schleppen hätte auch nicht gereicht – denn die Dinger sind rechts und links verschieden…….

    Toll, wie Alex das alles rüber bringt, ob nun für Geld oder nicht. Solche Onboard-Videos sind das, was dem Sport zu Popularität verhilft! Erinnert mich an das Volvo Ocean Race vor Jahren, als Paul Cayard mit EF gewonnen hat. Jeden Tag mails vom Boot voller Fakten und Anekdoten. Der hatte es auch kapiert. Schaut Euch die Formel 1 an – geballte Fäuste und Gespräche mit den Boxen, Einblicke in Technik und Taktik. Nur so geht das.

    Wer hier mauert, tut sich und dem Sport mittelfristig keinen Gefallen.

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  2. avatar Mirko sagt:

    Alex AIS ist doch nur “ausgefallen”, um im Matchrace vor der bretonnischen Küste im Stealth-Modus vorbeirutschen zu können… Wäre die Krönung an Spannung, wenn die beiden sich noch so nahe kämen.
    Danke nochmal für die kompetente Berichterstattung und wann startet Eure Drohne für Live Bilder?

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  3. avatar Borgfels sagt:

    Donnerstag = Urlaub eingereicht um die Ankunft zu sehen! Das ist so spannend!

    Go Alex! ??

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  4. avatar oh nass is sagt:

    “Es gibt bessere Segler als den Briten.” Es gibt immer einen besseren. Aber man muss anerkennen, dass Thomson trotz des zwischenzeitlichen 800nm-Rückstands nicht aufgegeben und sich wieder heran gehangelt hat. Das soll ihm mal einer nachmachen.

    “Er ( anm.: Alex Thomson) streute gar die Nachricht, dass er Ersatz an Bord habe.” Wann hat Thomson das denn getan? Ich erinnere mich lediglich daran, dass er das Gerücht als Blödsinn abgetan hat, weil er dann ja gleich 2 Foils hätte mitnehmen müssen, vom Handling auf See ganz zu schweigen.

    Thomson kommt sympathisch rüber, auch weil er seine Probleme anspricht – Le Cleac’h eigentlich gar nicht, mangels Präsenz, ausser auf dem Tracker. So ein Rennen lebt auch von Geschichten und die kamen von Thomson (man erinnere sich an das letzte Mal, wo er sich quasi durch den Atlantik repariert hat). Das macht so etwas sehenswert, nicht ein schweigender, wenn auch hervorragender Segler.

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  5. avatar martind18 sagt:

    Ich habe großen Spaß daran, die Vendée Globe zu verfolgen und allergrößten Respekt vor allen denen, die noch unterwegs sind oder aufgeben mussten. Was mir neben den seglerischen Leistungen besonders Spaß macht, ist die Vielfalt der unterschiedlichsten Typen zu verfolgen – die einen teilen sich massiv mit, machen Filmchen, erklären, von anderen hörst Du selten was und wenn, dann ist es manchmal extra spannend.
    In Frankreich funktioniert das seit längerem prima – eine Popularität, die in Deutschland vollkommen unvorstellbar ist. Mir ist noch nicht aufgefallen, dass auf französisch gefordert würde, der eine müsste bei allem Dauerstress mehr Filmchen von sich drehen und sich besser vermarkten – das scheint der Segelsport dort nicht nötig zu haben und die Fans freuen sich und fiebern trotzdem mit.
    Bisschen traurig, dass manche auf dieser Seite meinen, den Königsweg erkannt zu haben, wie der Sport zu funktionieren hat. Ich brauche das nicht und freue mich über Le Cleac’h mindestens so wie über Thomson..

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  6. avatar eku sagt:

    Sorry, ich glaube kaum, dass es den anderen Kommentatoren um einen Königsweg geht – die haben einfach ihre Meinung bzw machen sich Gedanken darum, warum Segelsport attraktiv ist oder eben nicht.

    Wunderschön fand ich, dass Onassis schrieb ” … sehenswert, …”
    Ja! das isses, wir sehen etwas, ohne wirklich etwas zu sehen.

    Wie bei allen Fans von etwas, hat da natürlich jeder seine “Liebsten” – ich bin mir sicher, dass wir in DE demnächst keine Straßenschlachten verschiedener Fangruppen haben werden wg Alex/Armel.

    Du schreibst: “In Frankreich funktioniert das seit Längerem prima ..”. Da gebe ich dir sicher recht. Die Frage ist nur, was bei uns anders ist. Nicht genug Küstenlinie? Zuviel Watt? Kann alles sein.
    Mein ganz privater Eindruck (und schlagt mich dafür ..): Nicht ganz so verbissen und etwas weniger Diskussion über Verbände und Strukturen, dafür mehr Möglichkeiten einfach zu segeln oder etwas zu probieren.

    PS: Bei der letzten Regatta (nicht wirklich ernsthafter Sport!) an der ich teilgenommen habe, fuhr ich meinen Trailer auf den Hof und stieg aus um zu sehen, wo ich denn das Boot aufbauen könnte. Es hat höchstens 5 Sec gedauert, bis mir ein Herr sagte: “Da dürfen sie nicht stehen!” – Entspannt ist etwas anderes. Evtl liegts ja an sowas.

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