Vendée Globe: Nicolas Troussel ohne Rigg auf den Kapverden – Die Angst vor dem Mastbruch

"Schrecklich"

Nicolas Troussel ist drei Tage nach seinem Mastbruch bei der Vendée Globe sicher auf den Kapverden angekommen. Was hinter dem Rigg-Kollaps steckt. Warum sich die anderen Skipper solche Sorgen machen.

Nicolas Troussel beim Sichern der letzten Rigg-Reste. © Troussel/Corum

Die Reaktion von Alex Thomson war ehrlich, als er vom Schicksal des Kollegen hörte. Er riss den Mund auf und sagte: “Oh, das wusste ich nicht. Schrecklich! Für Nico, aber auch für alle anderen. Wir haben den selben Mast. Ich wäre sehr interessiert, zu wissen, was genau passiert ist.”

Die Reaktion von Alex Thomson, als er im Interview hört, dass Corum den Mast verloren hat.

Kein Wunder. Denn tatsächlich segelt die gesamte IMOCA-Flotte mit dem gleichen Rigg. 2013 hatte die Klasse beschlossen, dass nur noch mit einheitlichen Masten, Kielen und der zugehörigen Hydraulik für die Neigetechnik gesegelt werden darf. Zuvor hatte es bei den beiden vorherigen Vendée Globes zahlreiche Mastbrüche gegeben. Und allein zwölf Kielschäden hatten bei den Open 60s für Rennaufgaben gesorgt.

Nun werden die Masten bei Lorima in Lorient gefertigt und die Stahlkiele bei AMPM in der Nähe von Les Sables d’Olonne. Seitdem ist die Zahl der technischen Schäden in diesen Bereichen deutlich zurückgegangen.

Corum unter Motor, ohne Mast auf dem Weg zu den Kapverden. © Troussel Corum

Wie kann es nun zu dem Unglück für Nicolas Troussel gekommen sein? Viele Informationen hat er noch nicht preis gegeben. Er sei mit einem Reff im Groß und dem kleinen Gennaker im Foil-Modus unterwegs gewesen und habe geschlafen.

Dann habe es einen lauten Knall gegeben – keinen Alarm vorher – und als er nach draußen sah, lag das Rigg auf der Seite. Er musste es schnell abschneiden, um das Schiff nicht zu beschädigen. Und deshalb wird es wohl auch schwer, die exakten Gründe für den Rigg-Kollaps nachzuvollziehen.

Der neueste IMOCA der Flotte ankert ohne Rigg in Mindelo auf den Kapverden. © VG

Viel wird damit zu tun haben, dass CORUM L’Épargne das jüngste Schiff der IMOCA-Flotte ist. Es lief erst im Mai 2020 vom Stapel. Conrad Colman, der erste Neuseeländer, der die Vendée Globe beendete (2017), wundert sich, dass es keinen Alarm gegeben habe. Er vermutet, dass möglicherweise die Sensoren noch nicht richtig kalibriert waren.

Colman, der 2017 740 Meilen vor dem Ziel der Vendée Globe selber seinen Mast verlor und das Rennen mit einem Notrigg beendete, erklärt, dass alle neuen IMOCAs mit zahlreichen Sensoren bestückt sind. Sie alarmieren den Skipper, wenn Teile in Bereiche mit zu hoher Belastung kommen. Es dauert aber seine Zeit, bis die Systeme verlässlich arbeiten. Man benötigt viele Trainingsmeilen. Und genau die fehlten Troussel. Insbesondere durch die Corona-Krise habe sich sein Zeitplan weiter angespannt.

UPDATE: Boris Herrmann erklärt in seinem jüngsten Video von Bord, dass bei ihm ein Alarm ertönt, sobald die Spannung auf den Wanten 17 Tonnen überschreitet. Beim Corum-Mastbruch soll die Datenauswertung 24 Tonnen ergeben haben. Offenbar hat tatsächlich der Alarm nicht funktioniert.

IMOCA Onedesign Kiel vom AMPM

Es ist aber auch bekannt, dass die einheitlichen Riggs für die neuen Foiler immer mehr zu einem Problem werden. Denn etwa die Dimensionierung der Rohre ist nicht speziell an die neuen Kräfte der aktuellen Rennmaschinen angepasst worden. Wenn sie aus einem 30-Knoten-Flug in eine Welle krachen treten Kräfte wie bei Supermaxis auf.

IMOCA Onedesign-Mast von Lorima. © Lorima

Es habe in der Klasse lange Diskussionen gegeben, ob man die Riggs nicht anpassen müsse, sagt Colman.  Aber schließlich sei aus Kostengründen entschieden worden, dass die Boote eben um diese bestehenden Elemente herum konstruiert werden müssen. Sonst hätte sich auch die ganze Flotte neue Riggs besorgen müssen.

Neubau für fünf Millionen Euro

Dabei sind die Budgets für die neuen Flieger im vergangenen Zyklus ohnehin schon um gut 30 Prozent gestiegen. Ein Neubau kostet inzwischen mindestens fünf Millionen Euro.

Nicolas Troussel muss sich immerhin nicht vorwerfen lassen, dass er das Material zu wenig geschont hat. Er war zuvor der einzige Foiler der neuen Generation, der dem ersten Sturm aus dem Weg ging – trotz Führungsposition. Auch danach lag er mit seinem neuen Juan K-Design noch bestens im Rennen.

Aber es ist keine neue Erkenntnis, dass ein mit heißer Nadel gestricktes Vendée-Globe-Projekt keine große Siegchancen hat. Er und sein Team werden sich der Risiken bewusst gewesen sein. Immerhin hat Troussel in der ersten Woche eindrucksvoll bewiesen, dass das Schiff funktioniert, und es ganz vorne segeln kann.

Alex Thomson wird sich wohl nicht so große Sorgen um sein Rigg machen müssen. Er sollte genug Zeit und Geld für die Detailarbeit gehabt haben, um solche Schäden zu vermeiden. Aber niemand kann sich zu 100 Prozent sicher sein. Nach Troussels Schaden wird der eine oder andere Skipper schon mal eher aufschrecken, wenn er ein komisches Geräusch im Rigg hört.

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Vendée Globe: Nicolas Troussel ohne Rigg auf den Kapverden – Die Angst vor dem Mastbruch“

  1. avatar pl_windspieler sagt:

    Hallo Carsten,eine Frage , wird das verlorene Rigg dem Meer überlassen ? Hast du eine Ahnung was damit passiert. Es ist ja ein großes Teil ,fast 30m lang.

    Danke und Tschau André

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  2. avatar Henk sagt:

    Das säuft ab. Auf 4000m Tiefe liegt im Atlantik sicher schon einiges rum, was Menschlein da verloren haben, ohne die Schifffahrt zu gefährden. Ist halt so, ehe Loch im Rumpf oder Schaden an den Anhängen.

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  3. avatar Kuddel sagt:

    Völlig uninteressant

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 7

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