Vendée Globe: Die Gefühlswelt von Charal-Pechvogel Jérémie Beyou – 15 Millionen Budget

Spur der Verwüstung

Während die Boote an der Vendée-Globe-Spitze mit ex Hurrikan Theta konfrontiert sind, dümpelt Jérémie Beyou 200 Meilen vor Les Sables d’Olonne. Er gibt preis, dass ihn noch etwas Privates schwer belastet.

Die Faszination der Vendée Globe hat mit den extremen Höhen und Tiefen dieses Wettkampfes zu tun. Jeder, der es ohne Stopp einmal um die Welt schafft ist ein Held. Wer es besonders schnell hinbekommt ist ein besonders großer Held. Einfach, weil es so schwer ist, diese Runde um den Erdball tatsächlich zu Ende zu bringen.

Normalerweise fallen mehr als die Hälfte der Boote aus. Auch bei der aktuellen Vendée Globe gibt es schon die ersten Opfer. Erst drehte Fabrice Amedeo um, dann traf es mit Armel Tripon einen der Geheimfavoriten. Beide sind wieder zurück auf Kurs, liegen aber weit zurück.

Brutaler ist die Situation für Jérémie Beyou. Der Bug des 44-Jährigen weist immer noch in die falsche Richtung, nachdem er vor zwei Tagen im Sturm schwere Schäden erlitten hatte. Erst später erklärte er, dass weniger die Kollision mit Treibgut problematisch gewesen sei als der Bruch des Backstages.

Holepunkt aus dem Deck gerissen

In einer neuerlichen Stellungnahme hat er das Problem weiter spezifiziert. Am Anfang einer schicksalshaften Kettenreaktion stand der Bruch eines Blockes. Er soll durch das Cockpit geflogen sein und eine Spur der Verwüstung hinterlassen haben. Offenbar handelt es sich dabei aber nicht wie bisher angenommen um einen Großschotblock, sondern einen Holepunkt für die Fockschot. Die Halterung soll aus dem Deck gerissen sein und dabei auch ein Schott beschädigt haben.

Jeremie Beyou bei der Arbeit. © Gauthier Lebec/Charal

Dann passierte die Kollision mit einem Objekt im Wasser, aber offenbar wurde das Steuerbord-Ruderblatt weniger stark beschädigt, als bisher gedacht. Es soll ein “Loch” an der Vorderseite aufweisen. Brutaler war der Riss des Backstags nach der für die Repartaur notwendigen Wende im Sturm. Es war offenbar irgendwie durch den Beschlagsbruch in Mitleidenschaft gezogen worden und vorgeschädigt.

Der Ausfall des Top-Favoriten hat also weniger mit dem Pech zu tun, ein Objekt im Wasser getroffen zu haben, als mit dem nachgebenden Beschlag. Das macht einen großen Unterschied. Könnte es doch ein schlechtes Licht auf seinen Rennstall werfen.

15 Millionen Euro Budget

Das Charal-Projekt ist neben dem von Hugo Boss finanziell am besten ausgestattet. Das Budget über die vier Jahre beträgt gut 15 Millionen Euro. Es hatte den ersten IMOCA-Neubau der neuen Generation im Wasser, konnte die meisten Meilen damit machen, an der Verlässlichkeit arbeiten und nach der Entwicklung der neue Flügelgeneration noch einmal mit einem zweiten Satz nachlegen. So sehen Sieger-Kampagnen aus.

“Charal” und “LinkedOut” © François Van Malleghem / Imoca

Und eigentlich sollten Risiken, wie das eines berstenden Beschlages ausgemerzt worden sein. Genau daran kann man arbeiten, wenn man so viel Zeit hat. Genau daran scheitern Teams, deren Projektplanung mit heißer Nadel gestrickt wurde. Vielleicht ist Beyou auch deshalb so besonders hart getroffen.

Er gibt zu, die Entscheidung umzudrehen, sehr lange herausgezögert zu haben – obwohl es klar war, dass er sie treffen musste. “Ich wollte es nicht glauben!”

Es gebe sicherlich schlimmere Dinge im Leben, sagt er. “Insbesondere die Ereignisse, die gerade um uns herum passieren. Aber wenn man Spitzensportler ist, lebt man nur für sein großes Ziel. Meines war es, die Vendée Globe zu gewinnen. Seit vier Jahren habe ich 100 Prozent dafür gegeben. Ich habe nichts um mich herum wahrgenommen. Wenn es dann zu so einem abrupten Ende kommt, ist es wirklich brutal. Deshalb hat es so lange gedauert, bis ich umdrehen konnte. Eigentlich war es nicht gut, mit einem Boot in diesem Zustand weiter in die Front zu fahren. Das hat Kollateralschäden verursacht.”

Windinstrumente vom Topp gerissen

Nach dem Schaden am Beschlag sei während der Inspektion unter Deck die Kollision passiert. Das Steuerbordruder sei dabei halb hochgeklappt. Die Vorderkante des Blattes sei beschädigt, aber nach Rücksprache mit dem Team sei beschlossen worden, dass es halten werde. Dann brach bei 45 Knoten nach der Wende das Backstag. Kurz zuvor waren auch noch die Windinstrumente vom Masttopp gerissen – wichtige Hilfsmittel für die Funktion des Autopiloten.

Am Samstag wird Beyou zurück in Les Sables erwartet. Die Regeln erlauben es, dass er nach Reparaturen bis Mittwoch wieder in See stechen könnte, um der Flotte hinterherzusegeln. Aber das wäre eine Überraschung.

Gewinnen kann er nicht mehr. Es kommt wohl eher darauf an, ob sich der Sponsor noch mehr Medienpräsenz wünscht. Beyou könnte sich auch noch das Ziel setzen, den Einhand IMOCA-Rekord um die Welt oder den 24 Stunden-Weltrekord zu brechen. Aber für einen Wettkämpfer könnte das Segeln ohne Gegner sehr hart werden.

Außerdem gibt er preis, dass sein Vater eine Woche vor dem Start mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Er habe das nicht an die große Glocke hängen wollen. Aber aus seinen Worten spricht ein wenig das schlechte Gewissen, sich in der Zeit vielleicht nicht genug gekümmert zu haben.
So sagt er: “Ich bringe das Boot zurück und entscheide dann, ob ich noch mal rausfahre. Ich weiß es noch nicht… ”

“Ich hasse es”

Einer der diese Gedanken ganz besonders gut versteht, ist Alex Thomson. Bei zwei von vier Vendée Globe-Starts war er in einer ähnlichen Situation und musste aufgeben. Er sagt über Beyou: “Es ist eine schreckliche Nachricht. Niemandem würde ich das wünschen.  Jeremie hat wahrscheinlich härter gearbeitet als irgendjemand.

Er hat ein zusätzliches Jahr mit seinem Boot absolviert. Er hat ein großartiges Team, einen großartigen technischen Direktor, und zusammen haben sie die Welt in Erstaunen versetzt, als Charal vom Stapel lief. Er war der erste IMOCA, der wirklich richtig abhebt. Ich bin am Boden zerstört. Ich weiß selbst, wie schwer es ist, sich wieder aufzurappeln und vor allem nach Les Sables d’Olonne zurückzukehren.

Aber ich bin sicher, dass er für sich die richtige Entscheidung treffen wird. Es wird wahrscheinlich davon abhängen, wie groß der Schaden ist und wie lange es dauert, ihn zu beheben. Ich denke, es wäre das Schlimmste, in dem Wissen aufzubrechen, dass man keine ordentliche 100-prozentige Reparatur durchführen kann. So will man nicht allein durch den Southern Ocean segeln. Ich fühle mit ihm, seiner Mannschaft und den Sponsoren. Leider passieren solche Dinge bei diesem Rennen passiert. Ich hasse dieses Gefühl. Ich hasse es zu sehen, wie es jemand anderem, insbesondere Jeremie, passiert.”

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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