Vendée Globe: Plattbug-Tripon dreht um – Wassereinbruch auf PRB – Ruderschaden bei Charal

Die ersten Opfer

In der zweiten Vendée Globe Nacht hat es die ersten Opfer gegeben. Armel Tripon hat abgedreht, Charal kollidiert mit Gegenstand. Boris Herrmann wetterte den 40-Knoten-Sturm gut ab.

Occitane – nicht mehr ganz im “zen”-Modus © occitane/classe IMOCA

“Man muss schlau sein. In dieser Nacht wird die Vendée-Globe nicht gewonnen, aber sie kann verloren gehen”, sagte Paralympics-Sieger Damien Seguin noch in weiser Voraussicht vor dem Eintreffen der Front, die in der Nacht etwa Samantha Davies 37 Knoten-Spitzen und fünf Meter hohe Wellen bescherten, anderen sogar mehr als 40 Knoten von vorne. Seguin war kurz vor dem Eintreffen des Sturms noch Baden gegangen, um ein Fischernetz vom Kiel seines Bootes zu befreien und hatte sich dafür eine Rüge der Wettfahrtleitung eingefangen – er hätte vorher Bescheid sagen sollen.

Die Situation der Flotte nach der zweiten Nacht. Die West-Option funktioniert aktuell ganz gut. Tripon (schwarz, oben) ist umgedreht.

Er segelt jetzt gerade mit dem südlichen Teil des Feldes im Sturm, den das Gros der West-Ausflügler in der Nacht überstanden hat. Dabei hat es das erste prominente Opfer gegeben. Armel Tripon – einer der Geheimfavoriten – hat mit seinem Plattbug „L’Occitane en Provence” umgedreht.

Das Fallenschloss seiner J3-Fock ist gebrochen, und das Segel fiel ins Wasser. Er hat es wieder gerettet aber beschlossen, zurück nach La Coruna zu segeln, um dort zu ankern und den Schaden zu reparieren. Das sind 350 Seemeilen auf Gegenkurs, die Vendée Globe ist damit für ihn so gut wie gelaufen.

Dabei hatte Tripon an den ersten beiden Tagen gezeigt, dass sein ungewöhnliches Manuard-Design mit dem Scow-Bug zu den schnellsten Booten der Flotte und den Sieganwärtern gehört. Aber dafür muss man eben ohne Probleme ins Ziel kommen. Und “LOccitane” war einer der letzten Neubauten, die vom Stapel liefen. Dass ihn nun ausgerechnet ein solches Problem im Rigg zurückwirft ist tragisch.

UPDATE: Gegen Mittag gibt Tripon bekannt, dass er erstmal doch nicht nach Spanien segeln will, sondern versucht, während der nächsten Leichtwindphase das Problem selber zu lösen.

Wie sich “Charal” durch die Welle wuchtet. © Charal Sailing

Ob er zu viel wollte, indem er als einer konsequentesten Vertreter der strategischen West-Kurs-Option mitten durch die härtesten Sturmausläufer steuerte? Kollege Nico Troussel, der mit seiner “Corum” als einziger ein noch jüngeres Schiff segelt, und der anfangs Bord an Bord mit Tripon den Speed der Flotte vorgab, entschied sich spät für die vermeintlich sicherere Süd-Option und liegt wieder bestens im Rennen. Allerdings erlebt auch er gerade 40 Knoten.

Schaden bei “Charal”

Auch Jérémie Beyou berichtet von ernsthaften Problemen auf seiner “Charal”. Er habe am Abend eine provisorische Reparatur an der Steuerung vorgenommen, bevor er mit dem schwere Wetter konfrontiert wurde, spezifiert das Problem aber nicht. Etwa zur gleichen Zeit sei er dann mit einem nicht identifizierten Opbjekt kollidiert, und eines der Ruderblätter wurde beschädigt. Er plant nun, eine dauerhaftere Reparatur durchzuführen, sobald die Wetterbedingungen dies zulassen. Wie sehr ihn der Schaden einbremst ist noch nicht klar. Bisher kostete ihn die Reparatur mehr als 20 Meilen im Vergleich zu PRB, mit der er gleichauf gelegen hatte.

Wie brutal die Bedingungen sind, zeigt Kevin Escoffier in seinem jüngsten Video von Bord. In seiner “PRB”, die als schnellste der mit Foils nachgerüsteten IMOCAs gilt, schwappt jede Menge Wasser umher:

Der Volvo-Ocean-Race-Sieger mit Dongfeng gibt sich aber überzeugt, dass er das Leck schließen kann, wenn sich die Bedingungen etwas beruhigt haben. Es soll sich um ein Ventil handeln, das sich im Bereich des Foil-Schachts befindet. Bei fünf Knoten Wind sei das leicht zu reparieren aber nicht bei 40 Knoten. Escoffier ist einer der fähigsten Techniker der Flotte. Er tat sich schon auf Dongfeng als Mac Gyver hervor, als er einen Notstopp verhindern konnte. Nach der Wende gen Süden wolle er sich an die Arbeit machen. Ausbremsen lässt er sich von dem Problem nicht. Bis jetzt hält er sich bestens platziert im Vorderfeld Bord an Bord mit “Hugo Boss” und “Apivia”.

Rennen Richtung Front

Das angezeigte Tracker-Ranking ist nach wie vor unerheblich, wie auch Boris Herrmann erklärt. Es erschließt sich durch Wegepunkte entlang der kürzesten Wegstrecke. Tatsächlich hatte sich die Flotte aber in einem Rennen zur Front befunden. Die West-Gruppe erreichte sie und die damit verbundene starke Rechtsdrehung in der Nacht zuerst konnte inzwischen wenden und liegt erstmal vorne. Je weiter der Wind aber auf Nord dreht, umso schlechter wird der Vorwind-Winkel für die West-Gruppe. Für Herrmann könnte das noch zum Problem werden.

Aber erstmal scheint Boris die Drehung gut erwischt zu haben. Er musste sich zwar zuvor in Luv von Alex Thomson überlaufen lassen, konnte im Sturm aber Boden gut machen auf die Favoriten “Charal” und “Apivia”, die beide mit kleineren Problemen kurz stoppen mussten.

Boris Herrmann vor der Nacht:

Thomson wendete parallel zu “Apivia” liegt aber noch gut zehn Meilen hinter Dalin, einem der am stärksten eingeschätzten Gegner, zurück.

Thomson vor der Nacht:

 

Mehr als 40 Meilen voraus segelt aber schon Mitfavorit Thomas Ruyant (LinkedOut), der auch Seb Simon direkt hinter ihm um 20 Meilen distanziert hat. Der berichtet von seiner Arkea Paprec: “Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben seekrank. Es lag zweifellos an dem Stress, durch diese mächtige Front zu kommen.”

Troussel macht 30 Meilen mehr als Nicht-Foiler

Nicolas Troussel, der sich als einziger Skipper der neuen schnellen Foiler für die Südvariante entschieden hat, zeigte in der Nacht den Unterschied, den die neue Technik gegenüber den “Klassikern” ausmachen kann, wenn er die Schoten etwas schricken darf.

Er schaffte 307 Meilen in 24 Stunden und damit 30 Meilen mehr als zum Beispiel Jean Le Cam auf gleichem Kurs. Sein Durchschnitt-Speed in der Zeit war 1,2 Knoten höher. Troussel könnte der große Gewinner der vergangenen Nacht sein. Er hat gute Chancen, vor der West-Gruppe zu passieren, wenn er heil durch den Sturm kommt.

Aber auch danach ist das Wetter kaum einfacher zu interpretieren. Die nächsten harten Bedingungen sind schon auf dem Weg. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag den 13. zieht der Sturm Theta über die Flotte.

Drei Tage langsamer bis zum Äquator

Und auch dahinter sind die Aussichten schwierig. Die Passatwinde wehen nicht, wie sie sollen. Schon jetzt ist klar, dass die schnellsten Boote Alex Thomsons Rekord bis zum Äquator (9 Tage, 7 Stunden)um gut drei Tage verfehlen werden.

Es gibt noch einige strategische Möglichkeiten, die das Feld durcheinander wirbeln können. Vielleicht geht auch deshalb Isabelle Joschke auf Nummer sicher. Die Deutsch-Französin ist spät nach Süden abgedreht und sagt: “Ich beabsichtige, vorsichtig zu sein und bei Bedingungen zu segeln, die ich für beherrschbar halte.”

Isabelle Joschke (grau-orange)hat sich mit einem Südschlenker in der Mitte des Feldes für die sicherere Variante entschieden.

Derweil hat Fabrice Amedeo, der früh zum Starthafen nach Les Sables d’Olonne zurückkehrte, das Rennen in der Nacht wieder aufgenommen. Sein Team war zweieinhalb Tage lang damit beschäftigt, einen 6 cm langen Riss im Mast zu reparieren, der nach einem Problem mit dem Vorsegel-Fallenschloss entstanden ist. Als er gegen 23 Uhr den Hafen verließ, wurde Amedeo von vielen Anwohnern bejubelt. “Es war wirklich toll. Ich war sehr gerührt. Das spornt mich an. Wir brauchen die Energie der Menschen, um diese Strecke um die Welt zu bewältigen.”

Race-Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Plattbug-Tripon dreht um – Wassereinbruch auf PRB – Ruderschaden bei Charal“

  1. avatar Till sagt:

    Charal hat es offensichtlich schlimmer erwischt als zunächst vermutet, Beyou segelt zurück nach les sables. Damit dürfte die VG für ihn gelaufen sein, selbst bei sehr schneller Reparatur führt das zu mindestens 1500-2000sm Rückstand. So schnell kann es gehen.

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  2. avatar Firstler sagt:

    Das Video von BH ist echt krass…er isst dort gemütlich sein Tütengericht, wo jeder andere sich in die Hose machen würde 😉 Chapeau!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 2

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