Vendée Globe: So leben die Segler an Bord der schnellsten Hochseeyachten

Wie man auf einer Open 60 (über)lebt

70 Tage in einer Blechtrommel, die einen Wildwasserkanal hinabschwimmt. Wie übersteht man das? Ed Gorman berichtet über den (mangelnden) Komfort an Bord der radikalen Racer.

Die Bootsgeräusche sind laut, aber auch wichtige Indikatoren © PRB Sport

Die Flotte der Imoca Open 60s hat einen wohlverdienten Ruf – aufgrund außergewöhnlicher Performance und spektakulärer Darbietungen mit atemberaubender Geschwindigkeit, aber auch deshalb, weil sie einige der wohl lebensfeindlichsten Rennyachten hervorgebracht hat, die jemals auf der Welt gesegelt wurden.

Schon vor dem Aufkommen von Foils 2016/17 waren die Imocas wegen ihrer breiten und flachen Rumpfform und der superleichten Kohlefaserrümpfe äußerst unbequem, vor allem auf Am-Wind-Kursen und bei Starkwind oder Sturm. Die Revolution in Form von Tragflächen hat das brutale, laute und nasse Leben an Bord für die Einhandsegler nur noch härter gemacht.

Die Britin Sam Davies, Skipperin von „Initiatives Coeur“, sagt, wenn Außenstehende auf ihrem Boot mitsegeln, erinnere sie das daran, dass die Imoca-Segler sich an Bedingungen an Bord gewöhnt hätten, die nur wenige andere tolerieren würden. „Es scheint so zu sein, dass die Boote für alle anderen als die Imoca-Skipper einfach unerträglich sind“, sagt sie. Was haben ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter in der Vendée Globe also unternommen, um das Leben an Bord etwas bequemer zu gestalten, während sie sich auf mehr als 70 Tage allein auf See und den schlimmsten Wetterbedingungen vorbereiten, die der Planet zu bieten hat?

Wie passt man seinen Leistungsgrad so an, dass man 70 Tage schnell segeln kann? © Andreas Lindlahr

Boris Herrmann sagt, die wichtigste Änderung, die er und sein Team auf „SeaExplorer – Yacht Club de Monaco“ seit der Übernahme der Ex-“Gitana“ vorgenommen haben, sei die Nachrüstung eines speziellen Sitzes gewesen, der sich parallel zur Mittschiffslinie befindet und sich neigen kann, wenn das Boot krängt. „Er stützt meinen Rücken und ich kann meinen Kopf anlehnen – und ich kann mich auf dem Sitz ausruhen, das Boot einfach nur beobachten und das Radar und die Alarmsystemen im Auge behalten. Er befindet sich ziemlich nahe am Niedergang, sodass ich sehr schnell aus dem Sitz an Deck springen kann“, sagte er.

Der deutsche Segler nimmt dort auch seine Mahlzeiten ein. „Ich kann dort sitzen, essen, und wenn sich das Boot viel bewegt, ist das einfach der beste Ort, um sich zu verkeilen – man braucht nicht viel Kraft, um sich festzuhalten.“

Wie viele seiner Imoca-Skipperkollegen hat auch Herrmann das Cockpit so modifiziert, dass es hinten mit einer Sprayhood umgeben ist, die das Wetter und das Wasser draußen hält. „Wir halten das Cockpit vollständig geschlossen, damit es schön trocken ist und man, wenn man will, im Schlafanzug herauskommen kann, ohne nass zu werden“, sagt er.

Sein französischer Rivale Kevin Escoffier in der stark modifizierten „PRB“ hat eine ähnliche Änderung mit dem gleichen Ziel vorgenommen. Das Cockpit zu schließen, „erhöht den Komfort, aber auch die Geschwindigkeit, denn ohne Schutz hat man schnell 100 Kilogramm Wasser im Cockpit, und ohne Wasser ist das Boot leichter und schneller“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Escoffier verwendet Ohrstöpsel, um die Auswirkungen des ständigen Krachens und Schlagens auf seine Sinne zu mildern, während das Boot fliegt und in die Wellen kracht –“wie ein Brett, das auf das Wasser geschlagen wird“. Der Franzose, der bereits dreimal um die Welt gesegelt ist, verwendet an sein Ohr angepasste Stöpsel mit Filtern, damit er kontrollieren kann, wie viel Schall gedämpft wird. „Ich möchte nicht völlig von den Geräuschen des Bootes abgeschnitten sein“, erklärte er. „Das kann man mit einem Gehörschutz zwar machen, aber danach hört man überhaupt nichts mehr vom Boot. Für mich ist es sehr wichtig zu hören, weil ich an den Geräuschen des Bootes erkennen kann, ob etwas kaputt ist. Und ich kann die Windgeräusche hören, sodass ich weiß, ob etwas nicht stimmt.“

An Bord zu schlafen, ist eine große Herausforderung © Andreas Lindlahr

Herrmann hört gerne die volle Geräuschkulisse seiner Imoca, wenn sein Boot dahinrast. „Manchmal höre ich gerne das Kreischen des Foils, weil es einfach nach Geschwindigkeit klingt, und man sich darüber freut“, sagte er. „Dann wiederum kann es zu viel werden, und ich versuche einfach, es mit den Ohrstöpseln zu dämpfen.“

Ohrstöpsel sind nicht das Einzige, das Escoffier an Bord tragen wird, um sich zu schützen. Der 40-Jährige aus St. Malo hat Rugbykleidung getestet, um seinen Körper vor Stößen zu schützen, wenn er im Cockpit und unter Deck auf der „PRB“ herumgeschleudert wird. „Jetzt trage ich einen Rugbyhelm, der ziemlich leicht und warm ist, sodass er, wenn es kalt ist, auch aus dieser Perspektive eine gute Ergänzung ist.“

An Bord zu schlafen, ist eine große Herausforderung in einer so bewegten, lauten und brutalen Umgebung. Herrmanns Team hat speziell entwickelte Matratzen beschafft, um den Komfort auf seinen beiden Kojen zu verbessern, sowie Vorhänge, die ihm helfen, tagsüber zu schlafen.

Escoffier arbeitete derweil mit einem auf Schlaf spezialisierten Arzt zusammen. Seine Vorbereitung konzentrierte sich auf den Versuch, eine Schlafposition – auf einer speziell entwickelten Matratze – zu schaffen, in der sein Körper so stabil wie möglich liegt.

„In den ersten Minuten, in denen man schläft, bekommt der Körper Energie zurück“, sagte er. „Aber das Gehirn gewinnt seine Energie noch nicht zurück. Dafür ist es notwendig, dass sich der Körper in diesem Teil der Schlafphase nicht zu viel bewegt. Daher bewegt sich die Matratze, die wir an Bord haben, nicht zu sehr hin und her.“

Essen unter Deck bei ruppigen Bedingungen © Andreas Lindlahr

Die mentale Stärke, die Imoca-Einhandregatta um die Welt zu überleben, ist ein großer Teil der Herausforderung. Herrmann hat mit Sportpsychologen zusammengearbeitet, um Techniken wie das Sehen von außen – den so genannten „Helikopterblick“ – und das Wechseln der Perspektive einzuüben, um in einem positiven Gemütszustand zu bleiben.

Herrmann hat herausgefunden, dass der Kontakt mit Freunden an Land ein guter Weg ist, um motiviert zu bleiben und Zeiten der Einsamkeit zu vermeiden. Auf der Regatta Vendée-Arctique-Les Sables d‘Olonne blieb er über eine neue Whatsapp-Gruppe mit Freunden in Kontakt. „Von der Außenwelt abgeschottet zu sein, fühlt sich so unnatürlich an, weil wir heutzutage so stark miteinander verbunden sind“, sagte er. „Verbunden zu sein, hat mir also sehr geholfen“, sagt Hermann.

Escoffier hat mit Alexis Landais zusammengearbeitet, einem Sportpsychologen, den Landais als Mitglied des Dongfeng Race Team beim letzten Volvo Ocean Race kennengelernt hat. Die beiden Punkte, auf die sie sich konzentriert haben, sind, wie man die richtigen Entscheidungen treffen kann, auch wenn man erschöpft ist, und wie man lernt, das Boot auf einem nachhaltigen Niveau zu segeln, wenn man allein auf einer Weltumseglung unterwegs ist.

„Es geht darum, das Leistungsniveau anzupassen“, sagt Landais. „Es ist ein langes Rennen, und man darf es nicht wie ein Transat Jacques Vabre oder eine Azimut-48-Stunden-Regatta segeln. Es geht darum zu lernen, wie man selbstbewusst den Leistungsgrad anpasst, den man auf dem Boot in der Vendée Globe abruft.“

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