Vendée Globe Technik: Vergleich der Tragflächen – Wie extrem sich die Foils unterscheiden

Foils kommen zum Tragen

Auf der “Autobahn” gen Süden wird die Vendée Globe durch die Foiler-Technik entschieden. Erst jetzt zeigt sich, welches Tragflächen-Design der neuesten Generation tatsächlich funktioniert. 

Jeremie Beyou war mit seiner “Charal” der Pionier bei der IMOCA-Entwicklung. Er ließ den ersten 60 Fußer entsprechend der neuen Regeln und Entwicklungserkenntnisse zu Wasser. Diese erlauben im Vergleich zur Vendée Globe 2016-17 die Foils nicht nur als „Stützräder”zu nutzen, sondern das schmalere, leichtere Rumpfdesign ist viel mehr noch vom aufrichtenden Moment der Tragflächen abhängig. 2017 segelte Alex Thomson seinen alten IMOCA noch mit einer gebrochenen Tragfläche relativ schnell ins Ziel. Es war noch ausreichend Formstabilität des Rumpfes vorhanden. Das wäre so bei den Neubauten nun nicht mehr möglich.

In der vierjährigen Entwicklungsphase hat sich aber auch noch einmal das Flügeldesign signifikant verändert. Die neueren Boote sind auf längere, schmalere Designs gewechselt. Bei Charal ist die Veränderung der beiden Versionen deutlich zu sehen:

V1 vs Vs Foils bei “Charal”. Die neue Flügel-Generation ist länger und schmaler.

“Charal” nach Montage der Version2-Tragflächen. © Team Charal

Boot und Tragflächen wurde durch das erfolgreiche französische Konstrukteurbüro VPLP gezeichnet. Genauso wie bei “Hugo Boss”. Thomsons Flügel allerdings sehen anders aus. Viel geschwungener, völlig ohne Knicke. Laut Designer legte das Charal-Team mehr Wert auf eine bessere Leistung bei spitzeren Windwinkeln, während Thomson noch kompromissloser auf höheren Reach-Speed setzt.

Alex Thomson mit einem langen, runden Flügel-Design. © Hugo Boss

Auch Isabelle Joschkes IMOCA ist erkennbar mit den etwas geknickteren VPLP-Flügeln nachgerüstet worden:

MACSF ex Safran von 2007 ist für Isabelle Joschke mit langen Foils bestückt worden. © CHRISTOPHE FAVREAU-DÉFI AZIMUT

Dagegen ist erste Generation der Flügel ist noch bei dem letztmaligen Sieger “Bureau Vallée“ (ex Banque Populaire) zu erkennen, der sich aktuell noch erstaunlich gut gegen Boris Herrmann wehren kann. Frühstarter Louis Burton konnte sich keines der neuen 500 Kilo schweren Flügelpaare leisten, er nahm aber kleiner Anpassungen vor, die aber zurzeit im Higspeed-Modus offenbar auch bestens funktionieren.

Die ehemalige “Banque Populaire” hat die vergangene Vendée Globe gewonnen und weist noch ein klassisches Foil-Design auf wie anfangs auch “Malizia”. © CHRISTOPHE FAVREAU-DÉFI AZIMUT

Herrmann hatte das ex Rothschild-Boot – Seb Josse war damit 2016 als Favorit bei der Vendée Globe gestartet, musste aber nach einer Kollision aufgeben – noch mit dem alten Foil-Design übernommen.

Die Version 1 des  des Malizia-Flügels unterschied sich deutlich von denen der aktuellen Generation. © Malizia

So richtig gut in Schwung kam er damit nicht.

Malizia, Herrmann

“Malizia” ist fit für die Atlantik-Rennstrecke. © Andreas Lindlahr

Aber nach dem Update segelt “Seaexplorer – Yacht Club Monaco”auf Augenhöhe mit den schnellsten nachgerüsteten Foilern “PRB” und “Initiatives-Coeur”.

Boris Herrmann erklärt im Video, wie sein Team das Foil-Update bewerkstelligt hat. Es ging mit strukturellen Verstärkungen im Rumpf einher, weil der neu U-förmige Flügel über eine neue Aufnahme durch das Seitendeck geschoben wird. Er kann in der Kassette auch angewinkelt werden, um den Lift zu verändern. Dadurch hebt sich das Schiff deutlich früher und höher aus dem Wasser und erreicht einen größeren Durchschnitt-Speed.

Das neue u-förmige Foil-Design. © Team malizia /liot

“Seaexplorer” mit den neuen Flügeln, die durch das Deck geschoben werden. © Y. Zedda BHR

Das Profil der Tragflächen von Sam Davies (Initiatives-Coeur), der zurzeit ärgsten Konkurrentin von Boris Herrmann, unterscheidet sich noch einmal signifikant.

Foil, IMOCA, Boris Herrmann, Sam Davies

Die gigantische Tragfläche von Sam Davies. © initiative coeur/zedda

Es ähnelt noch mehr der Form der neuen Foiler Apivia und LinkedOut. Kein Wunder, denn für beide Boote war Designer Guillaume Verdier verantwortlich, wie auch für die Flügel von Davies.

Apivia

Der lange Flügel von Apivia. © Apivia

Imoca 60 "LinkedOut"

Thomas Ruyants Imoca LinkedOut, das Schwesterschiff von Apivia. @ Pierre Bouras

Davon unterscheiden sich noch einmal die Foils der beiden Neubauten aus der Feder von Juan Kouyoumdjian. Sebastien Simon (Arkea Paprec) sitzt Boris Herrmann im Nacken und hat gestern die viertbeste 24 Stunden-Zeit der Regatta abgeliefert.

Sébastien Simon mit seinem Arkea-Paprec Neubau. © CHRISTOPHE FAVREAU-DÉFI AZIMUT

Das die Juan-K-Berechungen funktioniert, zeigte noch eindrucksvoller Stallgefährte Nicolas Troussel, der auch schon in Führung lag, aber inzwischen mit Mastbruch ausgeschieden ist.

Gut zu sehen der lange fast waagerechte Flügel von Nicolas Troussels “Corum l’Epargne”. © Eloi Stichelbaut / polaRYSE / Corum l’Epargne

Eine ganz andere Foil-Philosophie verfolgt der vierte Neubau-Designer Sam Manuard. Sein Plattbug zeigte schon in der Anfangsphase des Rennens, dass er funktioniert. Aber nach einem Schaden am Fock-Vorstag liegt Armel Tripon nun 1240 Meilen zurück. Über die Qualität seiner Flügel sagt das nichts aus.

Der stark gebogene Flügel von Armel Tripons”Occitane” © classe imoca/occitane

Der Ansatz der Rumpfdurchführung liegt so weit oben wie bei keinem anderen IMOCA.

Neues Lieblingssegel der IMOCA-Helden: Der Gennaker © carli

Alle verschiedenen Foil-Versionen scheinen zu funktionieren. Sie erlauben auf dem Raumschotskurs bis zu drei Knoten höhere Geschwindigkeiten als die Nicht-Foiler. Jetzt müssen sie zeigen, wie sie sich im Vergleich der Besten durchsetzen. Alex Thomson hatte zuvor auf direkte Vergleiche verzichtet. Kann er beim Dauerfoilen die von hinten drängenden Verdier-Designs in Schach halten? Bei welchen Windwinkeln und Wellenhöhen treten die Stärken und Schwächen auf? Und halten am Ende alle Tragflächen der Dauerbelastung stand? Das ist bei der Vendée Globe die große Herausforderung.

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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