Vendée Globe: Thomson gibt noch einmal richtig Gas – unglaubliche Story von Kiwi Colman

Thomson gibt nicht auf

Alex Thomson ist bei der Vendée Globe so schnell wie vor zuletzt fast zwei Monaten und holt wieder auf. Conrad Colman berichtet über seinen brutalen Überlebenskampf im Süd-Pazifik.

Der “Hugo Boss”-Skipper Alex Thomson legt zurzeit mächtig den Hebel auf den Tisch. Kaum zwei Wochen vor dem erwarteten Zieleinlauf der Vendée Globe gibt er noch einmal alles, um dem führenden Armel Le Cléac’h noch einmal auf den Pelz zu rücken.

Thomson (grau) erreicht wieder absolute Speed-Maxima im Vergleich zu Le Cleac'h

Thomson (grau) erreicht wieder absolute Speed-Maxima im Vergleich zu Le Cleac’h

Seitdem der Brite in den vergangenen sechs Tagen nach seiner Aufholjagd wieder mehr als 300 Meilen verloren hatte, setzt nun der Zieharmonika-Effekt mit umgekehrten Vorzeichen ein. Le Cleac’h wird von den Doldrums eingebremst und Thomson rauscht mit Vollgas von hinten heran.

Thomson gibt nicht auf

Zuletzt segelte “Hugo Boss” fünf Knoten schneller als “Banque Populaire”. Aber es ist auch bemerkenswert, dass der Brite einen zwei Knoten höheren Top-Speed aufweist. Das bestätigt, wie schnell das schwarze Boot bei Foil-Bedingungen ist. Es zeigt aber auch, wie gut Thomson sein Material in Schuss gehalten hat und dass er dieses Rennen längst noch nicht aufgegeben hat.

Armel Le Cleac'h bremst in der Flaute, Thomson kommt von hinten.

Armel Le Cleac’h bremst in der Flaute, Thomson kommt von hinten.

Der ausgeschiedene “PRB”-Skipper Vincent Riou glaubt beim Interview im Pariser Vendée Globe Hauptquartier unter dem Eiffelturm zwar nicht, dass sich Le Cleac’h dieses Rennen noch nehmen lässt, aber die kommenden Stunden sind alles andere als eine lockere Geradeaus-Fahrt ins Ziel.

Das Wetter ist unüblich und kompliziert und birgt vielleicht noch Chancen für den Briten. Aber der aktuelle Rückstand von 272 Meilen bringt ihn noch lange nicht in Schlagdistanz. Auch Thomson muss durch die Flaute. Andererseits birgt ein großer Abstand auch die Möglichkeit zu einem großen Split, den Le Cleac’h nicht verteidigen könnte. Vielleicht bergen die Wetteranalysen noch die Option für einen Ausbruch, bei dem er noch einmal alles auf eine Karte setzt. Das Polster von 700 Meilen Vorsprung auf Rang drei würde eine solche Strategie möglich machen.

Das nackte Überleben

5000 Meilen hinter der Spitze zeigt sich wieder einmal der unterschiedliche Charakter dieser Vendée Globe. Während vorne die Millionen schweren Profi Teams ihre Rennboliden zu Höchstleistungen puschen, geht es für das Gros des Feldes ums nackte Überleben.

Der Neuseeländer Conrad Colman © Colman

Der Neuseeländer Conrad Colman © Colman

Das hat gerade der Neuseeländer Conrad Colman. Der 33-jährige Vendée Globe Jungspund, der mit seinem in Brasilien gebauten uralt-IMOCA auf einem zuvor nicht für möglich gehaltenen 9. Platz segelt, erlebte im Süd-Pazifik ein großes Drama.

Gerade war er im Begriff, mit dem 12 Jahre alten Schiff, das zuletzt für Firmen-Törns verchartert worden war, seinen ehemaligen Barcelona-World-Race-Partner Nandor Fa (63) aus Ungarn anzugreifen – der segelt einen IMOCA der neuesten Generation von 2014, ist allerdings ohne Foils ausgestattet – Aber eine Kettenreaktion führte zum Desaster..

Es begann mit einer Segellatte

Colman hat seine jüngste Odyssee nun der Rennleitung ausführlich beschrieben. Demnach begannen die Probleme mit einem eher banalen Schaden. Eine Latte im Großsegel ging verloren und danach brach ein Rutscher an der Mast-Schiene. Die Reparatur war kein großes Ding, aber Colman musste beidrehen, verlor wertvolle Zeit und geriet dabei in einen brutalen Sturm, der deutlich stärker war, als vorher gesagt.

Colman kämpfte nahe Point Nemo , dem am weitesten von Land entfernten Punkt der Welt, im 60 Knoten-Sturm um den Verbleib im Rennen.

Colman kämpfte nahe Point Nemo , dem am weitesten von Land entfernten Punkt der Welt, im 60 Knoten-Sturm um den Verbleib im Rennen.

Böen mit einer Stärke von mehr als 60 Knoten fallen ein und der Skipper segelt allein mit dem dreifach gerefften Groß. Die Vorsegel bleiben eingerollt. Das Schiff wird von einer riesigen Welle angehoben, kracht in das Tal, und plötzlich fehlt die Spannung im vordersten der drei Vorstage.

Der Bolzen der Verbindung zum Deck ist gebrochen. Die Fock rollt sich sofort aus und das Segel flattert im Sturm wie eine Fahne am Masttopp. Es zerrt das Schiff im 60 Knoten-Wind brutal auf die Seite. Das ganze Schiff erzittert durch die Schläge des zerfetzten Tuches. Aber Colman kann nichts machen. Er verzieht sich unter Deck und erwartet, dass im nächsten Moment das Rigg von oben kommt.

Sechs Stunden im Mast

“Es dauerte viele Stunden”, sagt der Skipper. “Ich musste warten, bis der Wind nachlässt.” Immer wieder krängt das Schiff heftig. Dann lassen die Böen immerhin auf knapp 30 Knoten nach. Der ehemalige Ausdauersportler beschließt, den Mast zu besteigen, um die verknoteten Fetzen abzuschneiden.

Dreimal steigt er in das Rigg. Die Tortur ist kaum vorstellbar im schweren Seegang. Insgesamt sechs Stunden verbringt er im Bootsmannsstuhl. Dann lässt der Wind noch weiter nach, und schließlich schafft er es, das Stag mit einem neuen Bolzen wieder am Bug zu befestigen.

“Nun ist alles gesichert. Ich kann weiter segeln. Aber ich habe nur noch drei Segel und 800 Meilen meiner Führung auf die Verfolger verloren. Es wird schwierig sein, meine Position zu halten. Aber ich bin froh, dass es immer noch vorwärts geht, nachdem ich das Ende vor Augen gehabt habe. Physisch bin ich völlig zerschlagen und emotional sehr enttäuscht.

Ich habe das Gefühl alles richtig gemacht zu haben. Zum Zeitpunkt des Unglücks war ich sehr konservativ unterwegs. Bis jetzt war ich sehr gut im Rennen unterwegs und war besser als ich es erwarten konnte. Nun kann ich leider nicht mehr richtig gegen die Gegner kämpfen, deren Material besser in Schuss ist.”

Vendée Globe Tracker

 

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Vendée Globe: Thomson gibt noch einmal richtig Gas – unglaubliche Story von Kiwi Colman“

  1. avatar Gert sagt:

    Respekt vor Conrad Colman. Allergrößten Respekt !!!
    Ich wünsche ihm eine 2. Chance mit aktuellerem Material….

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar pl_wasser.turm sagt:

    Den “Hebel auf den Tisch” legen die
    Mobos !
    Segler stellen die windspione waagerecht
    Nehmen die Schoten dicht
    Lesen den Wind richtig

    Hilfe, was sagen denn nun die Segler …?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 9

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