Vendèe Globe unter Beobachtung: Robert Stanjek leidet mit den Solo-Weltumseglern mit

Mitfiebern, Daumen drücken, analysieren

Die Vendée Globe geht auf die Ziel-Etappe: Die Spitzengruppe hat das Kap Hoorn passiert und damit rund dreiviertel der Strecke im Kielwasser. Anlass für Segelreporter dort nach einer Zwischenbilanz zu fragen, wo das Rennen mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet wird. 

OTG-Skipper Robert Stanjek leidet mit den Vendée-Skippern mit und analysiert das Rennen, um Rückschlüsse für das The Ocean Race zu ziehen. Foto: OTG

Das Offshore Team Germany (OTG) will in 2022 auf dem Imoca 60 „Einstein“ das Ocean Race bestreiten. OTG-Skipper Robert Stanjek fieberte daher in den vergangenen Wochen mit den Soloseglern mit, zitterte um Kevin Escoffier, versuchte die mentale Belastung der Skipper nachzuvollziehen und aus der aktuellen Situation Rückschlüsse für die Weiterentwicklung der „Einstein“ zu ziehen. Und er drückt Landsmann Boris Herrmann die Daumen für die lange Atlantik-Passage gen Norden.

Am heutigen Morgen hatte die Spitzengruppe, darunter auch Boris Herrmann und Isabelle Joschke, das dritte Kap der Weltumrundung passiert.

Nachdrücklich hat sich die Nacht zum 1. Dezember bei Robert Stanjek eingebrannt, als die „PRB“ innerhalb weniger Sekunden auseinanderbrach und sank und Skipper Kevin Escoffier unter schwierigsten Bedingungen nach einem halben Tag in der Rettungsinsel von Jean Le Cam gefunden und gerettet werden konnte.

„Es hat lange nichts mehr gegeben, das mich emotional so beschäftigt hat. Und es war ein wirklicher Moment der Erlösung, ein wahres Glücksgefühl, als die Meldung der Rettung kam“, berichtet Stanjek, und man hört den Respekt in der Stimme, wenn er versucht, sich die Situation zu vergegenwärtigen: „Unglaublich diese Geschwindigkeit, mit der die ‚PRB‘ gesunken ist. Die Boote sind mit diversen Sicherheitsfeatures ausgestattet, und dann bleibt Kevin nur Zeit für einen Funkspruch… Zum Glück hatte er den Überlebensanzug immer griffbereit. Aber die Rettungsinsel konnte er erst auslösen, als sie bereits unter Wasser war. Das ist alles Wahnsinn. Ich war wirklich geschockt!“ 

Der französische Cartoonist Vincent Beaufrère hat versucht den Moment des Untergangs der “PRB” nachzuempfinden und dieses Bild dazu veröffentlicht.

Ein Bild des französischen Cartoonisten Vincent Beaufrère lässt Stanjek in diesem Zusammenhang schaudern. Es zeigt, wie der Moment der „PRB“-Katastrophe gewesen sein könnte. „Die Wellenberge, das dunkle Meer und die schwarzen Wolken im Süden“, machen den OTG-Skipper nachdenklich für das Weltrennen mit Crew: „Wie evakuiert man eine Mannschaft in solch einer Situation, wenn nur ein paar Sekunden bleiben?“

Allerdings hat das OTG eine grundsolide Yacht der Non-Foiler-Generation von 2012. Die Risikobereitschaft zum kompromisslosen Leichtbau wie bei der „PRB“ oder der frisch für dieses Rennen gebauten „Hugo Boss“ von Alex Thomson wirft dagegen Fragen auf bei Robert Stanjek: „Warum baut man so übertrieben leicht? Wahnsinn, wie viele Carbon-Platten Alex Thomson dabei hatte, als wenn die Probleme erwartet worden sind. Warum wurde nicht gleich solider gebaut?“

Zu hohes Risiko, zu leicht gebaut? Der Trend, das absolute Limit auszuloten wie auf der “Hugo Boss” durch Alex Thomson, bereitet Robert Stanjek Sorgen. Foto: Alex Thomson/Hugo Boss

Zudem scheint die Entwicklung der Foils zu radikal zu sein: „Die Flügel sind zu groß und damit kaum kontrolliert zu segeln. Gerade im Southern Ocean, für dessen Vorwindbedingungen sie eigentlich designed sind, lässt sich nun das Potenzial nicht ausspielen. Das Böen-Delta ist dort unten zu groß. Im Shorthanded-Modus muss man dann die meiste Zeit unterpowert segeln, weil man auf so starke Böen nicht schnell genug mit Trimm und Segelfläche reagieren kann.

Die neuen Imocas beschleunigen dann einfach auf zu hohe Geschwindigkeiten, was in den Wellen zu riskant für das Material ist. Deshalb wird auf den neuen Booten fast durchgängig mit angezogener Handbremse gesegelt. Man fragt sich immer: Wann kann die endlich gelöst werden? Die älteren Imocas ohne Foils segeln kontrollierter, sind wesentlich zuverlässiger und damit stressfreier zu segeln“, so Stanjek, der darin einen wesentlichen Faktor sieht, dass in den Top-Ten vier Non-Foiler bestens mithalten: „Die mentale Belastung auf den Foil-Booten ist enorm, die Müdigkeit ist hoch. Damit ist man nicht mehr voll da. Dagegen können sich die Non-Foiler voll auf ihr Rennen konzentrieren. Das ist unglaublich viel wert!“

Mit Straight-Boards entspannter um die Welt: Die Non-Foiler wie hier Jean le Cam (fotografiert von Boris Herrmann im Southern Ocean) können stressfreier segeln. Foto: Boris Herrmann

Diese Erkenntnis wird das OTG nun in die Ausstattung der „Einstein“ mit Foils einbeziehen. Stanjek: „Wir haben ein tolles Boot, einen der schnellsten Verdränger, der auf Straight-Boards toll mitsegeln könnte. Das Regelwerk des TOR gibt zwar vor, dass wir den Imoca mit Foils ausstatten müssen, aber ich bin sehr dankbar, dass wir mit der endgültigen Entscheidung, trotz unserer Option auf ein Foilpaar aus dem Rennen, noch gewartet haben.

Die aktuellen Designs wurden offenbar unter Annahme von Laborbedingungen für den Southern Ocean entwickelt. Es ist zu viel Foil im Wasser. Das Ocean Race ist zudem von anderen Bedingungen geprägt: mehr Doldrum-Zonen, mehr Amwind, mehr Küstenkontakt. Es werden viele Teams neue Überlegungen anstellen müssen, denn zum The Ocean Race gilt es, acht oder neun Etappen erfolgreich zu beenden.“

Die Vendée habe viele Überraschungen und jede Menge neue Erkenntnisse gebracht, die nun in die Design-Entwicklungen einbezogen werden müssen. Das OTG-Team-Management um Jens Kuphal, der technische Projekt-Manager des OTG, Joff Brown, und Robert Stanjek stehen daher in engem Kontakt mit dem Designer Guillaume Verdier und seinem Team, die das Wissen um die Foils zusammentragen und den Umbau leiten sollen. Konkret soll es im Sommer werden, nach dem The Ocean Race Europe. „Wir wollen erst noch das Europa-Rennen segeln, danach werden wir dann die finale Foil-Entscheidung treffen“, so Stanjek.

Die rieisgen Foils sind im Shorthanded-Modus nur schwer zu kontrollieren. Thomas Ruyant hat sein Backbord-Foil inzwischen abgesägt. Foto: Pierre Bouras

Sehr zufrieden ist der OTG-Skipper mit den One-Design-Masten der Imoca: „Die scheinen wirklich gut zu sein. Nur ein Mastbruch bisher bei der Vendée ist ein sehr gutes Zeichen.“
Dem Schlussviertel des Solo-Weltrennens blickt Robert Stanjek nun mit Spannung entgegen. „Schade, dass von den acht Neubauten nur noch zwei in der Spitze dabei sind. Es wäre toll gewesen, mehr von der ‚Hugo Boss‘ oder der ‚Charal‘ zu sehen. Vor allem, weil das Böen-Delta im Atlantik etwas geringer ausfallen wird und die Foiler damit stärker ihr Potenzial ausspielen können. 

Yannick Bestaven zeigt ein starkes Rennen auf einem etablierten Boot. Foto: Jean-Marie Liot

Beeindruckt bin ich von Yannick Bestaven mit der ‚Maitre Coq IV‘ an der Spitze. Er hat im Southern Ocean ein starkes Rennen gezeigt, sich immer sehr gut positioniert. Und er segelt mit der ehemaligen ‚Safran 2‘, die baugleich mit der vergangenen Siegeryacht, der ‚Banque Populaire‘ von Armel Le Cléac’h, ist, ein erprobtes Boot, auch wenn Charlie Dalin auf der ‚Apivia‘ und Thomas Ruyant auf der ‚Linkedout‘ schneller sein sollten.

Boris Herrmann drücke ich natürlich besonders die Daumen, dass er es noch in die Top-Five schafft. Die Bedingungen dafür sollte er im Atlantik bekommen. Ich hoffe, er bekommt seine Probleme, die er gerade am Kap Hoorn hat, schnell in den Griff. Für Isabelle Joschke tut es mir sehr leid. Sie ist bisher super gesegelt, aber mit den Hydraulik-Problemen am Kiel wird sie mit der Spitze nicht mehr mithalten können.

Gespannt bin ich, wie sich Armel Tripon auf der ‚L’Occitane en Provence‘ noch schlägt. Er scheint seine Probleme behoben zu haben und segelt sich immer weiter nach vorn. Vielleicht kann er sogar noch den Anschluss an die Spitzengruppe herstellen.“

Daumen drücken für Boris Herrmann. Auf dem Weg den Atlantik hinauf ist noch einiges möglich. Foto: Boris Herrmann

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