Vendée Globe: “Vier bis fünf Boote können noch gewinnen” – Boris Herrmann berichtet im TV

"Ich habe von diesem Moment geträumt"

Die Vendée-Globe wird immer spannender. Das Spitzenfeld rückt wieder zusammen. Dalin fehlen nur noch 66 Meilen. Boris Herrmann überholt Jean Le Cam und peilt Platz sechs an.

“Jeder von vier oder fünf Skippern kann dieses Rennen noch gewinnen,” glaubt Jean Pierre Dick, einer der besten beständigsten Vendée-Globe-Segler der vergangenen Jahre. Tatsächlich rückt die Spitzengruppe noch einmal enger zusammen, als man es 5000 Meilen vor dem Ziel dieser Regatta für möglich halten konnte. Die ersten neun Boote segeln im Abstand von 400 Meilen zueinander – kaum ein Tag liegt zwischen ihnen.

Die Situation am 11.1. Der Führende Yannick Bestaven ist wie gegen eine Wand gefahren und hängt immer noch in der Flaute. Die Meute holt auf.

Darunter auch Boris Herrmann. Nach dem Ausfall von Isabelle Joschke ist er der einzige in den Top Ten mit zwei intakten Foils der neuesten Generation – Dalin und Ruyant nur auf einem Bug – und kann jetzt tatsächlich diesen Vorteil im weniger welligen Atlantik ausspielen. Er gehört seit der Kap-Hoorn-Rundung beständig zu den schnellsten Schiffen der Flotte, hat sich von Platz 11 auf 7 vorgeschoben und ist im Begriff, Rang 6 zu erobern.

Wie sich der Abstand des Spitzenfeldes zu Bestaven (rote Linie oben) verringert.

Herrmann segelt konzentriert im Angriffsmodus, meldet sich seltener von Bord und genießt es, dass er endlich seine Karten ausspielen darf. Zuletzt segelte er konstant über 20 Knoten und erreicht aktuell mit 348 Meilen in 24 Stunden wieder die deutlich besten Werte aus der Top-Ten-Gruppe.

Seit Samstag den 9.11. hat Boris Herrmann mit konstanten Werten über 20 Knoten mächtig Gas geben können.

Der Seaexplorer-Skipper genießt die Bedingungen. “Ich habe von diesem Moment geträumt: Wärme. Mittelstarker achterlicher Wind. Kein Hämmern, Klopfen, Krachen, Schreien. Keine Angst, dass das Boot bricht oder die Segel reißen. Sorgenfrei. Endlich.”

Am Morgen sei der Speed noch mal auf 27 Knoten hochgegangen. “Nun ist es so, wie ich es mir erträumt hatte. Von hier bis fast zu den Azoren haben wir schöne bis überschaubare Bedingungen. In den vergangenen zwölf Stunden sind die Temperaturen von zwei Schichten Kleidung auf T-Shirt angestiegen. Ich bin so dankbar. Endlich loslassen. Ich nutze jede Minute, um zu schlafen, zu ruhen oder mich irgendwie zu erholen. Ich habe noch eine To-Do-Liste, aber die kann warten. Zuerst geht es jetzt um mich. Einfach entspannen.

Das kleine Tief zuvor habe es noch einmal schwer gemacht. “Ich war besonders ängstlich. Kurzer, bremsender Seegang. Und ich dachte. Bitte nicht hier. Das ist die letzte Anstrengung. Liebes Boot, halte durch. Nur noch 24 Stunden und es warten ein oder zwei Wochen sanftes Segeln. Das haben wir jetzt. Gott sei Dank!”

Schwierig ist es allerdings die Strategie. Der Weg hin zum einigermaßen stabilen Südost-Wind ist mit Flautenfeldern durchsetzt, deren Positionierung derzeit schwer zu antizipieren ist. So ist der führende Yannick Bestaven wie gegen eine Wand gefahren und parkt seit dem Wochenende vor der brasilianischen Küste.

Das konnte besonders Charlie Dalin (Apivia) ausnutzen. In zwei Tagen dezimierte er seinen Rückstand von von fast 400 auf nun nur noch 66 Meilen. Und Bestaven hat immer noch nicht Fahrt aufgenommen. Aber auch Damien Seguin (Groupe APICIL) und Louis Burton (Bureau Vallée 2) haben weiter stark aufgeholt und bewegen sich im 200 Meilen-Radius.

“Ekelhaftes” Wasser aus dem Watermaker

Insbesondere Louis Burton ist auf dem Vormarsch, den Boris Herrmann eigentlich als Ziel markiert hatte. Aber der fünftplatzierte Skipper auf der aktuellen Vendée-Globe-Siegeryacht hält seinen Vorsprung stabil auf 120 Meilen und berichtet, dass er gut in Form ist.

“Ich habe meinen Watermaker ausgetauscht. Der vorherige produzierte immer öfter ‘ekelhaftes’ Wasser, und ich begann, körperliche Probleme zu bekommen. Jetzt ist es viel besser. Es gibt noch viele Unwägbarkeiten. Morgen Nacht erwartet uns eine Kaltfront. Es kann gut gehen oder schief laufen. Aber meine Foils sind in einem guten Zustand, und ich habe den Ehrgeiz, weiter nach vorne zu kommen.”  und den Eingang zur Flaute zu erreichen, um mit der geleisteten Arbeit zufrieden zu sein”.

Will Harris erklärt die Wettersituation. Die Spitze rückt wieder eng zusammen.

Wenn Charlie Dalin gestern Abend den größten Vorsprung auf Yannick Bestaven (Maître CoQ IV) hatte, so hat der Rest der Top 10 zwischen 45 und 60 Meilen auf den Führenden gewonnen. Es wird erwartet, dass sich dieser Trend im Laufe des Tages fortsetzt.

Dahinter versucht immer noch Armel Tripon (L’Occitane en Provence) mit dem einzigen offenbar zu 100 Prozent intakten Foiler der neuesten Generation noch einmal in die Spitzengruppe zu rutschen. Er hat Clarisse Crémer (Banque Populaire X) nun überholt, aber sein weiterer Weg nach vorne wird durch eine Hochdruckzelle versperrt.

Isabelle Joschke (MACSF) dagegen hat ihre kritische Situation noch nicht überstanden. Sie steckt mit ihrem frei unter dem Rumpf pendelnden Kiel immer noch in dem schweren Tiefdruck fest und kann mit geringster Besegelung ohne große Krängung den Sturm abwettern. Zwölf Stunden soll soll sie noch aushalten müssen. Erst danach kann sie versuchen, die Situation zu stabilisieren und vielleicht doch den Kiel irgendwie fixieren um anders als nur vor dem Wind segeln zu können. Davon ist abhängig, welchen Hafen sie erreichen kann.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: “Vier bis fünf Boote können noch gewinnen” – Boris Herrmann berichtet im TV“

  1. avatar Helmut Meyer sagt:

    Hi liebe SegelReporter,

    Ihr habt eine Aufgabe, die ich leider nicht erfüllen kann ==>> Clarisse Kremer aus ihrem psychologischen Tief helfen.
    Ihr müßt doch jemanden an Bord haben, der einem Menschen in einem solchen Stresszustand Hilfestellung gibt, wenn er (in diesem Fall sie) nicht mehr zur Ruhe kommt / nicht mehr schlafen kann,
    Versucht Clarisse oder ihr Team zu erreichen und gebt Hilfestellung – wie auch immer möglich.

    Yours – Helmut

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 2

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