Vendée Globe: Warum die Foiler nicht fliegen – Zwei Schwesterschiffe und “Hugo Boss” vorne

Funktionieren die Flieger nicht?

Bei der Vendée Globe konnten die hochgewetteten neuen Foiler bisher nicht glänzen, wie erwartet. Aber nun setzen sie sich an die Spitze. Alex Thomson und Charlie Dalin übernehmen das Kommando. Wie viel schneller die neuen Flieger sind.

Best of Foiling IMOCA. So hebt die neue Flieger-Generation (bald) ab:

Vier Tage lang konnte man glauben, dass bei der Vendée Globe die Zeit stehen geblieben ist. Da haben sich die besten Konstrukteure der Welt Gedanken gemacht, wie man das seit der vergangenen VG-Auflage veränderte Regelwerk der IMOCA-Klasse besonders gewinnbringend bei einer neuen Yacht umsetzt. Wie man ein Budget zwischen 10 und 15 Millionen Euro Scheine in ein Sieger-Projekt verwandelt. Wie man für mehr als 6 Millionen den schnellsten IMOCA baut.

Und dann segeln olle Kisten vorneweg, wie die von Jean Le Cam, die Michel Desjoyeaux 2008-2009 zum Sieg puschte,  die gleichaltrige “Apicil” mit Damien Seguin oder die 13 Jahre alte “Omia”, mit der Benjamin Dutreux (30) Vendée Erfahrungen sammelt. Von Foils keine Spur. Diese 60 Fußer heben nicht ab. Sie neigen ihren Kiel nach Luv, stecken Schwerter durch den Rumpf und pumpen Wasserballast hin und her.

Eigentlich sollten die Entwicklung in mehr als zehn Jahren doch fortgeschritten sein. Haben sich die Designer geirrt? Natürlich nicht! Die alten Nicht-Foiler konnten eine Zeitlang vorne segeln, weil die neuen Flieger an den ersten vier Tagen noch nicht die Bedingungen erlebt haben, für die sie gebaut sind: Backstagsbrise und möglichst ruhiges Wasser.

Schiefer Tracker

Bisher wehte es aber überwiegend von vorne. Da stützen sich die Foiler auf ihren Auslegern ab. Sie generieren das notwendige aufrichtende Moment, aber keine höhere Geschwindigkeit. Tatsächlich liegt ihr optimaler Amwindkurs sogar um bis zu zehn Grad tiefer als bei den Klassiker-IMOCAs. Deshalb steuerten sie in der Anfangsphase dieser Vendée einen anderen, tieferen aber schnelleren, nordwestlicheren Kurs. Deshalb teilte sich das Feld bei der langen Kreuz, und die Süd-Variante lief ziemlich gut.

Thomas Ruyants Imoca 60 LinkedOut

Thomas Ruyants Imoca LinkedOut segelt mit Schwesterschiff Apivia gleichauf vorne. @ Pierre Bouras

Dazu führte der schiefe Tracker – der das Ranking entsprechend von Wegepunkten auf der Optimalroute aufstellt – zu einem Bild, das die Süd-Positionen vorne wertet. Das tatsächliche Rennen fand aber auf dem schnellsten Weg zum ersten Tiefdruck statt.

Soll heißen: Die neuen Yachten sind für andere Bedingungen konstruiert, als sie bisher vorherrschten. Bei einer Vendée Globe wird von einem Amwindkurs-Anteil zwischen nur fünf und zehn Prozent ausgegangen. Die IMOCAs müssen insbesondere bei einem wahren Windwinkel zwischen 70 und 120 Grad funktionieren. Dabei heben sie sich schon bei zwölf Knoten Wind aus dem Wasser.

Neun Tonnen Lift

Bei solchen Raumschotsbedingungen erreichte schon die erste Generation der Foiler, die 2016 startete, und zu der Boris Herrmanns Boot gehört, eine drei Knoten höhere Geschwindigkeit als die Klassiker. Sie trugen 30 Prozent des Bootsgewichtes und erzeugten einen Lift von etwa drei Tonnen.

Nach einer Regeländerung, die zum Beispiel das Anstellen der Tragflächen um fünf Grad erlaubt, und vier Jahren weitere Entwicklung tragen die neuen Flügel im Flugmodus nun 100 Prozent des Bootsgewichts. Ihr Lift-Potenzial hat sich um sechs Tonnen auf neun erhöht.

Im Vergleich zu einem traditionellen IMOCA segeln sie am Wind etwa gleich-schnell nach Luv und bei achterlicher Brise ebenso (VMG), sind aber auf einem spitzen Reach drei Knoten und Raumschots sogar fünf bis zehn Knoten schneller.

Besonders die zweite Generation der neuen Foils, mit denen nun auch Boris Herrmann seinen älteren Foiler gepimpt hat, bringt noch einen weiteren Schub. Sie sind länger und runder geformt und schaffen es, auch die älteren nachgerüsteten Designs wie “Seaexplorer” aber besonders “PRB” und “Initiatives Coeur” von Samantha Davies sehr konkurrenzfähig zu machen. Beide halten sich zurzeit in der Top-Sechs-Spitze.

Foiler warten auf die Passatwinde

Vorweg aber rasen nun wie erwartet Alex Thomson, Charlie Dalin und auch Thomas Ruyant mit dessen Schwesterschiff “LinkedOut”. Dalin berichtet von seiner “Apivia”: “Gestern war es noch wie Urlaub bei weniger Wind, wenn auch immer noch drei Meter hoher See. Aber jetzt ist es bei der Azoren-Annäherung auf 25 Knoten aufgefrischt. Und wir müssen noch an dem Tropensturm vorbei, der sehr stark ist. Danach erreichen wir aber die Passatwinde.

So langsam entwickelt sich das reale Bild im Tracker. Die Südposition für Thomson (schwarz) und Le Cam (weiß) wird noch überproportional hoch gewertet.

Die Dinge laufen gut für mich in der Spitzengruppe. Ich habe noch keine größeren technischen Probleme gehabt, und das kann noch lange so weitergehen. Ich versuche, in den Rhythmus zu kommen. Schnell fahren, aber das Boot schonen, vorsichtige Manöver machen und keine Risiken eingehen.

Wir haben ganz ungewöhnliche Bedingungen, die man so auf lange Sicht nicht vorhersehen konnte. Wir Foiler konnten unser Potenzial noch nicht ausschöpfen. Aber nach dem Tief wird es die Möglichkeiten geben.

Ich muss aufpassen, meine automatischen Regattareflexe zu unterdrücken, die ich mir beim Figaro-Segeln angeeignet habe. Ich versuche, mich ein wenig zurückzuhalten und nicht zu überdrehen. Es geht darum, mehr Sorgfalt walten zu lassen zum Beispiel bei der Notwendigkeit ein Segel zu wechseln. Die Regatta ist noch lang. Und so viele Leute im Team haben ihre Arbeit da reingesteckt. Ich darf das Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren.”

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Warum die Foiler nicht fliegen – Zwei Schwesterschiffe und “Hugo Boss” vorne“

  1. avatar Eisenberger sagt:

    Finde Eure WEB-Site (als neuer Besucher) ein bisschen penetrant – statt “weiterlesen” gibt es jedes Mal Euer Mitgliedsaufnahme-Antragsformular … Schade … hätte vorher gerne mal reingeschaut, was ihr eigentlich zu bieten habt …
    Ed

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  2. avatar PL_albert.oesch sagt:

    Eure Seite wäre gut, aber auch als Mitglied komme ich nicht über die dauernde Einladung zur Mitgliedschaft hinaus. Liegts an meinen mangelnden „Surfkenntnissen“?

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