Vendee Globe: Was der gescheiterte Favorit Beyou über das Gewinnen gelernt hat

"Noch mehr in dieses Rennen verliebt"

Jérémie Beyou (Charal) gewährt sich nach seinem Zieldurchgang tiefe Einblicke in seine Gedankenzu seinem sehr speziellen Vendée Globe-Abenteuer. Wie ein Sieger plötzlich als Held vom Mittelfeld zurechtkommt.

Jéremie Beyou hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn bei dieser Vendée-Globe-Teilnahme nur der Sieg interessiert. Ein logisches Ziel für den 44-Jähigen nach Platz drei vor vier Jahren und dem Sieg beim Volvo Ocean Race 2018 mit Dongfeng. Das Projekt des dreifachen La Solitaire du Figaro-Gewinners war mit dem 15-Millionen-Euro-Budget vom neuen Sponsor Charal klar auf den obersten Podestplatz ausgerichtet.

Nach einem frühen Schaden segelte aber dem Feld mit einem Rückstand von neun Tagen hinterher. Überraschend kam er mit dem ersten IMOCA der neuen Generation, mit dem er vier Siege in fünf Regatten erreichte, nie in die Nähe eines möglichen Rekords.

Nun kann der ex Favorit doch wieder lachen. © Jean-Marie Liot/Alea

Nach dem Zieldurchgang gab er einige seiner Gedanken zu diesem für ihn sehr speziellen Rennen preis.

Über das Thema Psychologie und Druck:

“Mental war es wirklich nicht einfach. Man bereitet sich auf etwas Großes vor und dieses Mal dachte ich, mit Charal, mit diesem Team, mit diesem Boot, sei meine Zeit gekommen.” Aber nach dem Neustart habe er sich sehr isoliert gefühlt. “Es ist schöner, Konkurrenten zu haben.” So habe es sich mehr nach einem Rekordversuch angefühlt und nicht wirklich als Vendée Globe Teilnahme.

Wenn man vorne segelt, ist man eng mit den Konkurrenten verbunden. Man zieht jede Option in Betracht in Bezug zum Wetter, aber man beobachtet auch viel, was die anderen machen.

Ohne diesen Druck ist es anders. Das hat mir erlaubt, mir mehr Zeit zu nehmen. Ich konnte verschiedene Trimm- und Segel-Konfigurationen ausprobieren und ich habe mehr gegessen und geschlafen.

Während eines Rennens noch nie so oft geduscht wie bei dieser Vendée Globe! Ich habe mir sogar oft die Zähne geputzt, das alles vergisst man sonst irgendwie. Man ist viel mehr auf sich selbst fokussiert und auf das, was man gerade durchmacht.” Es sei auch nicht mehr wichtig, wie die Leistung nach außen aussieht. Es habe schließlich nicht mehr viel zu beweisen gegeben. “Ich habe meinen Wettbewerbsgeist nicht verloren, aber es war diesmal einfach anders.”

Über die Konkurrenten im hinteren Feld

“Um es klar zu sagen: Wenn sie bei der Vendée Globe teilnehmen, wenn sie sich qualifiziert haben, dann deshalb, weil sie gut segeln können.” Er habe sich diesmal gerne austauschen wollen um ihre Sicht der Dinge zu sehen. “Ich wollte verstehen, was sie tun.”

Dabei habe er erkannt, dass man nicht unbedingt gewinnen müsse. “Sie segeln, um ihre Projekte zu vollenden, um ihre Ideen zu verwirklichen, um die Herausforderung zu schaffen. Sie mögen ein unterschiedliches Niveau der Vorbereitung aufweisen, aber auf dem Wasser geben sie alles. Es sind großartige Segler. Ich denke viel an sie. Es ist keine Kleinigkeit, sich bis zum Ziel durchzukämpfen. Ich denke viel an sie. Einige haben mit sehr schwierigen Bedingungen zu kämpfen.

Über das Gewinnen

“Für mich schien es vorher unmöglich, ein Rennen ohne Siegchance zu segeln. Mein Idol ist Michael Jordan. Er spielt nur, um zu gewinnen, sonst nicht.” Aber nun habe er auch eine andere Seite gesehen. Die Kommunikation mit den Gegnern habe ihm viel gebracht.

Bei seinen drei früheren Vendée Globes (2009/ 2013/ 2017) habe er kaum mit den Gegnern kommuniziert. “Wenn man um die Spitze kämpft, dann gibt es auch eine psychologische Ebene. Man will beim Interagieren mit den Gegnern nicht seine Schwächen zeigen, also lässt man es lieber.” Wenn man hinten liege, gebe es weniger Druck. Das Austauschen falle leichter.

Beyou bei der Ankunft im Hafen von Les Sables. © Vincent Curutchet/Alea

“Im Sport kann man nicht immer gewinnen, besonders im Segeln. Yannick war brilliant, aber auch für mich wird es noch Chancen geben. Ich musste neun Solitaire du Figaros absolvieren, bevor ich sie gewinnen konnte. Und ich weiß nicht, wie viele Vendée Globes es noch braucht. Aber das ist eben meine Geschichte.

Es gibt auch Rennsiege, die leichter zustande kommen. Es gibt keine Regel. Wenn man sich heute die Podium-Besetzung ansieht, dann hätten vorher nicht viele Menschen darauf gewettet – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen.”

Über die nächste Vendée Globe

“Mir fällt es schwer, aufzugeben, bevor ich am Ziel bin. Wenn es also auch neun Auflagen braucht, dann bin ich vielleicht noch eine Weile dabei. Ich hoffe, bei der nächsten Ausgabe wieder am Start zu sein.

Diese aktuelle Erfahrung war nicht einfach zu bewältigen. Ich musste jeden Tag kleine Schlachten schlagen. Etwa den Mast hochklettern. Ich hasse das! Aber an dem Tag, als ich es geschafft hatte, war ich wirklich sehr zufrieden mit mir. Jeder Tag hat seine eigenen Herausforderungen und kleinen Siege. Dabei habe ich mich noch mehr in dieses Rennen verliebt. Und mit ein wenig Frustration über diese Platzierung macht es mir noch mehr Lust, das nächste Mal wiederzukommen.

Wir werden das Ganze Revue passieren lassen und nachbesprechen. Ich möchte unbedingt bei der Vendée Globe 2024 wieder am Start sein. Aber es ist nichts sicher, dass es klappt. Es ist mein Wunsch und nicht irgendeine Ankündigung. Wir werden über die mögliche Verlängerung der Partnerschaft mit Charal sprechen, die im Moment bis 2022 dauert.

Ich versuche, mich vor allem auf das nächste Jahr zu konzentrieren, auf die Transat Jacques Vabre und auf die Route du Rhum. Wir besprechen alles. Von der Entwicklung dieses Bootes und wie das Boot der Zukunft aussehen könnte.

Über seine Charal

“Sie ist ein außergewöhnliches Boot. Das wussten wir schon, bevor wir losgefahren sind.” L’Occitane und Charal seien die beiden schnellsten Boote gewesen. Er habe zeigen können, dass Struktur und Foils zuverlässig funktionieren. “Mit diesen großen Tragflächen muss das Boot eine stabile tragende Struktur aufweisen.” Es habe alles funktioniert. “Wenn man den richtigen Winkel findet, die richtigen Einstellungen, dann ist es wie Magie! Es war eine gute Gelegenheit, Dinge auszuprobieren. Dafür war es wichtig, um die Welt zu fahren. Es sind verrückte Boote!”

Der Grund für das Umdrehen war eine Kombination von Umständen. Das Ruder sei nach einer Kollision beschädigt worden. Es folgten Kollateralschäden. “Wir werden das Boot weiterentwickeln und alles tun, um es noch schneller und zuverlässiger zu machen. Es muss uns gelingen, Zuverlässigkeit und Innovation zu kombinieren.”

Über Rekorde

Im tiefen Süden habe ich gute Einstellungen für Charal gefunden. Das ist nicht einfach. Diese Boote sind schnell, aber schwierig zu balancieren, wenn man über einen längeren Zeitraum schnell segeln will. Der Seegang müsse oassen. Wenn man es schafft, gibt es echte Momente der Erfüllung. Ich hatte aber nicht viele Phasen, um 24-Stunden-Zeiten, um Rekorde herauszufordern. Aber diese Momente mit Höchstgeschwindigkeit seien sehr erfüllend gewesen.

Mit maximal 477 Meilen in 24 Stunden liegt Charal nur auf Rang elf der Vendée-Teilnehmer. Linkedout führt mit 518 Meilen diese Tabelle an. Den IMOCA-Rekord hält seit vier Jahren immer noch Alex Thomson mit 537 Meilen in 24 Stunden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendee Globe: Was der gescheiterte Favorit Beyou über das Gewinnen gelernt hat“

  1. avatar breizh sagt:

    Optisch weiterhin das geilste Boot von allen.
    Schade, dass er durch den Schaden so ausgebremst wurde. Hoffentlich gibt es dann ein nächstes Mal für ihn. Gerne wieder mit so überzeugender Optik.

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