Vendée Globe: “Hugo Boss” im 60 Knoten-Sturm Theta – Salzbuckel Le Cam vorne

Alex "macht den Alex"

In der Nacht hat die Vendée Globe-Flotte den extremen Starkwind ohne großen Bruch überstanden. “Hugo Boss” risikoreicher Kurs mitten in den Sturm zahlt sich aus, aber Jean Le Cam (61) liegt nominell vorne.

Unglaublich. Jean Le Cam (61) führt nach einer Woche die VG-Flotte an. © SAEM Vendée Globe

Etwa 500 Meilen westlich von den Kanaren segelt Alex Thomson auf HUGO BOSS im Erholungsmodus und kann sich bei etwa 15 Knoten Wind über den Lohn seines Risikos freuen. Er hat gut 80 Meilen zwischen sich und seine ärgsten Rivalen gelegt, indem er einen direkteren Kurs am Zentrum von Sturm Theta vorbei gewählt hatte.

Jean Le Cam wird durch die südliche Position auf Eins geführt. Nach der bald fälligen Halse liegt Thomson (schwarz) aber wieder vorne.

In Franzosen-Kreisen soll es das geflügelte Wort geben “den Alex machen”, was so viel heißt, wie schon mal ein großes Risiko auf sich nehmen. Es ist vermutlich nicht sehr respektvoll gemeint und rührt daher, dass der Brite gerade zu Beginn seiner Karriere schon sehr oft Ausfälle erleben musste.

Nun hat er es scheinbar wieder getan, indem er auf das Auge des schweren Sturms Theta zuhielt, damit einen direkteren Kurs nach Süden steuerte, aber mehr als 60 Knoten Wind und sechseinhalb Meter hohe Wellen erlebte.

Seine nominell ärgsten Konkurrent Charlie Dalin (Apivia) und Thomas Ruyant (LinkedOut) halsten vorher weg und auch Kevin Escoffier (PRB) nahm einen westlicheren Kurs um den härtesten Bedingungen auszuweichen.

Dalin (gelb) und Ruyant (blau) halsen weg, Thomson (schwarz) hält voll auf das Sturmzentrum zu.

Nur Jean Le Cam folgte Thomson. Der 61-jähre Salzbuckel stieß mit seinem alten, sturmerprobten Schiff sogar noch tiefer in die Brutalo-Zone vor, nachdem auch Thomson gehalst hatte. Und auf diese Weise wird er im Ranking auf Rang eins geführt. Das ist zwar nicht die reale Position zum Wind – nach der bald fälligen Halse liegt Thomson vorne – aber Platz zwei hat Le Cam tatsächlich realisiert.

“In seinem Alter mit diesem Boot dort zu sein, wo er ist, ist unglaublich. Brillant!” zollt ihm der Hugo-Boss-Skipper Respekt. Die Kurswahl von Le Cam ist dabei weniger überraschend, als die von Thomson. Die IMOCAs der neuen Generation sind entsprechend unzuverlässiger als das von Le Cam, das schon mehrere Vendée Globes überstanden hat. Deshalb ist es eine besondere Kunst, sie in einem Stück um die Welt zu bewegen.

Armel Tripon ist vielleicht schon ein Negativ-Beispiel für falsches Risikomanagement. Er steuerte seinen schnellen Plattbug-Foiler mitten in den ersten Sturm, der auch noch am Wind abgeritten werden musste,  brach das Fallenschloss des J3 Vorsegels und dümpelt jetzt hinterher. Nicolas Troussel (Corum l’Epargne) drehte dagegen als Führender ab auf die sichere Südroute, und liegt jetzt nach einer Woche immer noch aussichtsreich im Rennen.

Ob Thomson bewusst das Risiko einging, oder er einfach besser als die Konkurrenz weiß, dass sein Schiff so etwas aushält – schließlich verfügt er über eines der besten Technik-Teams der Flotte – wird sich noch zeigen. Bis jetzt sieht es jedenfalls beeindruckend aus, wie er bei seiner fünften Vendée Globe in dieser Phase möglicherweise seine größere Erfahrung im Vergleich zu den Gegnern ausspielt.

Es geht jedenfalls um viel. Wer jetzt schnell nach Süden kommt, erreicht eher die Passatwinde. Allerdings sind Dalin, Ruyant und Escoffier weiter im Westen auch so gut positioniert, dass sie nach der nächsten Halse wieder Thomson im Nacken sitzen.

Im Westen baut sich das Azorenhoch wieder stark auf und drängt Theta nach Osten. Dadurch sollen sich auch die zuletzt schwächelnden Passatwinde wieder aufbauen, und eine westliche Position in der Flotte wird wichtiger.

Boris Herrmann ist auch sehr gut durch die komplizierte Sturm-Annäherung gekommen. Er verlor zwar mit einer Halse weg vom Sturm gegenüber dem Konkurrenten Luis Burton, der nach seiner abgesessenen fünfstündigen Frühstartstrafe mit einem direkten Kurs auf das Theta-Auge zu von Rang 23 auf 7 vor rauschte. Aber auch der Deutsche hat sich mit diesem Risikomanagement im Feld von 13 auf 8 vorgeschoben.

Herrmann liegt bei der Annäherung an den Sturm neben Burton (gelb), halst dann weg…

…und wieder zurück, während Burton durchhält…

…Als beide wieder auf Westkurs zurück gehen, ist Burton 7. aber auch Herrmann auf 8. vorgerutscht.

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: “Hugo Boss” im 60 Knoten-Sturm Theta – Salzbuckel Le Cam vorne“

  1. avatar meerkater sagt:

    Ich habe das Interview gestern auch gesehen. Und der Ausspruch „den Alex machen“ war für mich extrem respektvoll.
    Er hat einfach weniger Infight Regattaerfahrung als die ganzen Figaro-Segler, die darauf Geeicht sind, Ihre Gegner zu decken. Daher sind seine Entscheidungen für seine Gegner nur schwer auszurechnen.
    Man erinnere sich nur an sein Manöver bei der VG2016 um den Düseneffekt der Kapverdischen Inseln auszunutzen. Es brachte Ihn damals an die Spitze des Feldes, barg aber das Risiko in der Abdeckung der Insel stehen bleiben.
    Er geht eher den Ansatz: Wie kann ich den Kurs so schnell absegeln wie möglich. Das steht im Gegensatz zu einer Risikominimierenden Strategie eines Armel le Clearch der sich stärker auf schnellstmögliches Segeln entlang der kürzesten Route bei Abdeckung der Gegner versteht und ein etwas weniger mutiges Boot gebaut hatte.
    Auch das geschlossene Cockpit, das Voralpen auf der VG Sinn macht, zählt zu diesen mutigen Entscheidungen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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