Vendée Globe: Wie Alex Thomson das Kommando übernommen hat – Konkurrenz zollt Respekt

Augen zu und durch

Das Wochenende bei der Vendée Globe stand ganz im Zeichen von Alex Thomson und “Hugo Boss”. Seine Risiko-Route nahe am Sturmzentrum vorbei könnte sich zu einem 200-Meilen-Vorsprung ausweiten.

Alex Thomson und seine “Hugo Boss” haben der Vendée Globe am Wochenende ihren Stempel aufgedrückt. Er hat die 60 Knoten nahe dem Theta-Sturmzentrum nicht als Hindernis wahrgenommen und frei nach dem Motto “Augen zu und durch” den direkten Weg gen Süden eingeschlagen. Die ärgsten Konkurrenten mit den ähnlich schnellen Foilern scheuten dieses Risiko und fuhren Umwege .

Die Geschichte des Rennens wird zeigen, wer Recht hatte. Wenn sich auf Thomsons’ Boot in nächster Zeit ein Problem ergibt, hinter dem die extreme Belastung durch den Sturm stecken könnte, hat er falsch gelegen. Wenn nicht, kann ihm diese Entscheidung sogar am Ende den Sieg bringen. Dann ist er der Held.

Alex Thomson fährt mit seiner Hugo Boss der Konkurrenz davon. © Mark Lloyd www.lloydimages.com

Dann wird es heißen, dass der Brite seine ganze Erfahrung von vier bisherigen Vendée-Globe-Teilnahmen – zwei Ausfälle – ins Spiel bringen konnte. Seine beiden direkten Gegner mit neuen Schiffen können nicht darauf zurückgreifen. Dalin war noch nie dabei, Ruyant segelte die Vendée-Globe 2016 knapp einen Monat, bevor er nach einer schweren Kollision fast unterging.

Beide ließen ihre Neubauten etwa gleichzeitig mit Thomson zu Wasser im August und September 2019. Sie haben also ähnlich wenige Testmeilen absolviert. Aber vielleicht wirft der Brite auch die Stabilität seines hochqualifizierten Technikteams in die Waagschale. Es arbeitet schon seit vielen Jahren miteinander, gehört zu den am besten bezahlten und kann seine Erfahrung in eine besondere Verlässlichkeit der Rennmaschine ummünzen. Thomson mag darauf vertrauen, oder er ist einfach risikobereiter als die Kollegen.

Die Situation nach dem Sturm. © VG

Die zollen ihm jedenfalls Respekt. Ruyant sagt: “Alex (Thomson) und Jean (Le Cam) haben eine gute Show abgeliefert, sie sind in den Sturm gesegelt. Ich habe mich dagegen entschieden. Wir wussten, dass sie mit einem guten Vorsprung da herauskommen würden. Wenn es zwei Segler gibt, die das schaffen konnten, dann sind sie es! Alex ist bei seiner fünften Vendée, er hat ein tolles Boot, er ist bereit und er ist hungrig. Aber ich bin es auch! Ich will mich auf mein Boot und meinen Kurs konzentrieren und versuchen, schnell zu fahren.

Für Thomson liegt ein stabiles Windfeld voraus.© VG

Alex muss 110 oder 120 Meilen entfernt sein. Es ist ein guter Vorsprung in dieser Phase des Rennens. Ich werde hart arbeiten, um da wieder ran zu kommen. Ich habe zwischen 16 und 19 Knoten Nordost-Passatwind. Das Wetter ist schön, die Temperaturen werden wärmer. Das sind die Bedingungen, die uns und den Booten gefallen.”

Charlie Dalin segelt mit 168 Meilen Rückstand hinter auf “Hugo Boss” her. Er räumt ein: “Ich bin nach Westen gesegelt um die Risiken mit dem Sturm zu vermeiden. Und ich habe mir ausgerechnet, ob ich mir den Verlust leisten kann. Jetzt muss ich versuchen, aufzuholen.”

Flautenzone kann Thomson kaum stoppen

Das wird aber erst einmal nicht so einfach. Denn Thomson segelt in frischerem Wind und die Wetterexperten prognostizieren, dass die Flautenzone der Doldrums diesmal wenig aktiv ist und den Briten kaum stoppen kann. Wenn er dann zuerst den stabilen Südost-Passat erwischt, könnte sich die Führung schnell so sehr vergrößern, dass er im Southern Ocean ein Tief erwischt, das die Konkurrenz nicht mehr erreicht. Dann wäre schon viel entschieden. Aber diese Vendée Globe dauert noch lange und hat immer Überraschungen parat.

Vor drei Tagen lagen die vier Favoriten in westlicher Position noch eng beisammen. Dann löste sich Thomson mit einer Halse auf Südkurs…

…Mit einer Serie von vier Halsen vergrößerte er den Querabstand zu den größten Konkurrenten im Westen…

…Dann bog “Hugo Boss” noch weiter in Richtung des ex Hurrikans Theta ab, während das Trio erst bei den Azoren abbog…

…Sie lagen noch gut platziert zum schwarzen Schiff…

…Mitfavorit Apivia geht mit einer Halse aber noch einmal auf Nummer sicher und auf Abstand zum Sturmzentrum…

…Ruyant (blau) zieht nach, während Alex weiter auf Südkurs bleibt und 60 Knoten abwettert…

…Dann passiert er mit Südwestkurs die Süd-Linie der Gegner…

…Und schließlich muss auch Charlie Dalin (gelb) hinter Thomson im Kielwasser auf Südkurs einschwenken.

Jean Le Cam kann bei den aktuell herrschenden Foiler-Bedingungen jedenfalls nicht mehr mithalten. Er segelt durchschnittlich zwei Knoten langsamer als die schnellen Flieger. Aber nach wie vor ist er zu diesem Zeitpunkt des Rennens sensationell positioniert und liegt 125 Meilen vor dem nächsten Nicht-Foiler.

Ex Vendée-Globe-Teilnehmer Conrad Humphreys erklärt die Wettersituation:

Boris Herrmann liegt nach wie vor bestens im Rennen. Platz 12 hört sich zwar noch nicht so gut an, aber es liegen drei Nicht-Foiler vor ihm, die er bald einholen müsste. Auch Louis Burton (Bureau Vallée) sollte mit der älteren Foil-Generation langsamer sein. Sechs Boote liegen auf Augenhöhe, und Herrmann macht den Eindruck, dass er gerade mächtig Gas geben kann. Er ist von ihnen der zweitschnellste IMOCA.

Derweil ist Jérémie Beyou am Samstag in Les Sables d’Olonne angekommen. Sein Team checkt fieberhaft die Schäden. Am Montag, 1700 Uhr will das Charal-Team bei einer Pressekonferenz die Entscheidung bekannt geben, ob Beyou wieder in See sticht.

Der japanischen Skipper Koji Shiraishi hat im Sturm einen schweren Schaden am Großsegel erlitten. Es riss im oberen Bereich nach einer missglückten Halse. Er hat es inzwischen geborgen und versucht sich an einer Reparatur.

Das gerissene Großsegel von Koji Shiraishi. © Shiraisi DMG Mori

Zu diesem Zeitpunkt des Rennens vor vier Jahren lag der spätere Sieger Armel Le Cléac’h 500 Meilen vor Thomsons’ jetziger Position. Der Mann der mit 74 Tagen, 3 Stunden 35 Minuten die schnellste Einhandweltumsegelung aller Zeiten gelang, könnte diesen Vorsprung  jedoch schon vor dem Indischen Ozean wieder verlieren. Denn in den kommenden Tagen wird erwartet, dass die Boote mächtig Fahrt aufnehmen.

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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