Vendée Globe: Wie “Hugo Boss” nächsten Wal-Crash vermeidet – Rumpfverstärkung nötig

Auf Tauchstation

Der Brite Alex Thomson (46) hat sich auch ohne die Teilnahme am jüngsten Atlantik-Rennen für die Vendée Globe qualifiziert. Er absolvierte jetzt die 2000 Quali-Meilen im Alleingang und installiert einen neuen Wal-Verscheucher.

Alex Thomson liebt es, sich vor der Konkurrenz zu verstecken. © ATR

Alex Thomson sollte seit seinem zweiten Platz bei der vergangenen Vendée Globe zu den Favoriten der nächsten Auflage gehören, wenn die Flotte der härtesten Segler in 100 Tagen ablegt. Im November hatte er bei der Transat Jacques Vabre kurz zeigen können, dass seine radikale neue “Hugo Boss” mächtig Gas geben kann.

Aber dann knallte er gegen ein nicht identifiziertes Objekt im Wasser, musste den Kiel absägen und “unten ohne” 800 Meilen zu den Kapverden segeln. Während die Konkurrenz der Neubauten auf höchstem Niveau um den Sieg kämpfte, musste “Hugo Boss” per Frachter umständlich wieder nach England transportiert werden.

Viel Vorbereitungszeit ging verloren, und es ist zu befürchten, dass Thomsons Vendée-Globe-Sieg-Projekt deutlich gelitten hat. Besonders die folgende Lockdown-Phase kam für ihn zu Unzeiten. Ihm gingen noch mehr Test-Meilen verloren.

Überraschende Absage

Dann überraschte der Brite auch noch, als er auch nicht bei dem Vendée-Arctic-Les Sables d’Olonne-Rennen, der Generalprobe für die Vendée Globe, teilnahm. Offenbar mussten zu viele Basistests stattfinden bevor Feintuning im Regattaeinsatz vorstellbar war.

Hugo Boss in heimischen Gefilden. © ATR

“Das einzige Mal, als wir beim Start des Jacques Vabre sechs Stunden lang direkt gegen die Konkurrenz segelten, gingen wir ab wie eine Rakete”, sagt Thomson in einem Interview für die IMOCA-Klasse. “Wir wissen nicht wirklich, wo wir stehen, aber das wissen die anderen auch nicht.” Geplant sei er nicht auf Tauchstation gegangen.”Wir wären gerne bei der Vendée-Arctique angetreten, wenn wir bereit gewesen wären. Aber wir waren einfach nicht bereit“.

Seit der Jacques Vabre hat die Konkurrenz weiter aufgerüstet. Und Thomson weiß noch weniger, wo er steht. Die Favoritenrolle ist er nach eigenem Bekunden los. Drei Konkurrenten stechen nach seinem Bekunden heraus. “Apivia (Charlie Dalin), Charal (Jérémie Beyou) und LinkedOut (Thomas Ruyant) sind eindeutig die Favoriten.”

“Frustrierend, nicht genug Meilen zu schaffen”

Sie hätten unterschiedliche Stärken und Schwächen. “LinkedOut” scheine “eine Waffe” am Wind zu sein, “Charal” besitze mehr Allround-Fähigkeiten und da spiele auch “Apivia” voll mit. Die anderen neuen Foiler sieht er nicht auf Augenhöhe. “Einfach weil sie nicht die erforderlichen Meilen zusammenbringen.”

Die neuen langen Charal-Flügel haben sich zuletzt bewährt. © Charal

Auch dem Briten wird das nicht gelingen. In einem Interview mit dem Zeitung Figaro sagt er: “Idealerweise hätten wir mit dem neuen Boot vor dem Vondée-Globe-Start 30.000 Meilen zurücklegen sollen. Nun hoffe ich, dass ich wenigstens 20.000 schaffe, davon 8.000 alleine. Es ist frustrierend, dass ich nicht so viele fahren konnte, wie ich wollte.”

Immerhin hat er gerade die nötigen 2.000 Einhandmeilen absolviert, die für die Qualifikation erforderlich sind. Offenbar gab es keine größeren Probleme. Er hat zwar ebenfalls ein neues Foiler-Paar installiert, aber wird dieses Update ausreichen? Die Tragflächen der Konkurrenz bei Charal und Apivia unterscheiden sich inzwischen deutlich von den runden Bögen bei “Hugo Boss”.

Benchmark “Apivia” © apivia

Thomson scheint mit seine jüngsten Updates eher auf die Erhöhung der Sicherheit als auf maximalen Speed zu zielen. So habe sein Design- und Ingenieurteam viel Zeit damit verbracht, die Kräfte zu verstehen, die zum Kielschaden bei der TJV führten. Sie sind sind sich inzwischen Sicher, dass es sich um eine Wal-Kollision handelte. Deshalb sei nun die Kielstruktur erheblich verstärkt worden, um einen solchen Crash zu überstehen. Das Schiff müsse dadurch zwar nun 60 Kilogramm zusätzliches Gewicht mitschleppen, “wir sind aber der Meinung, dass es sich lohnt”.

“Whale Pinger” vertreibt Wale

Außerdem habe man beim aktuellen 2000-Meilen-Test “ein potentielles strukturelles Problem im Rumpf achtern des Mastbereichs entdeckt”. Im Flugmodus werde diese Fläche härter von den Wellen getroffen, als zuvor gedacht. Auch dort unter den Ballasttanks soll es nun Rumpfverstärkungen von innen geben. “Wir wissen nicht, ob es wirklich zu einem echten Problem wird, aber wir können kein Risiko eingehen.”

Viel Hoffnung setzt Thomson aber darauf, dass es bei der Vendée Globe für ihn gar nicht mehr zu Kollisionen kommt. Container will er mit dem am Mast installierten OSCAR-System orten, und auch gegen die von ihm deutlich größer eingeschätzte Gefahr, auf Wale zu treffen hat nun ein Mittel. Im Kiel wurde ein sogenannter “Whale Pinger” der Firma Future Oceans installiert, der von Fischern benutzt wird, um die Tiere von den Netzen fernzuhalten. Er soll die lebenden Hindernisse frühzeitig durch das Aussenden von hochfrequenten Schallsignalen aus dem Weg räumen.

Längst gehe es nun bei der Vendée-Globe-Vorbereitung nicht mehr darum festzustellen, wie schnell man im Vergleich mit der Konkurrenz ist. Covid-19 habe alle Zeitpläne verändert. “Priorität ist es geworden, Meilen zu sammeln. Es ist zwar nicht gut, ohne Vergleich mit den anderen bei der Vendée zu starten. Aber die Karten liegen ohnehin auf dem Tisch. Die Segel sind bestellt. Und am Boot kann man auch nichts Entscheidendes mehr ändern.  Ich es gewohnt, ein einsamer Wolf zu sein. Das ist kein Problem. Aber vielleicht ist es eher ein Problem für die anderen, die sich fragen, wo ich stehe.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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