Volvo Ocean Race: AkzoNobel auf der Ziellinie – Mapfre und Dongfeng Vergleich der Systeme

Zünglein an der Waage

Die dritte Etappe des Volvo Ocean Races ist nahezu beendet mit dem Zieldurchgang von AkzoNobel. Chris Nicholson nimmt die Schuld für den Schaden auf sich. Mapfre ist das Team der Stunde.

AkzoNobel bleibt auf den letzten Meilen zum Volvo-Ocean-Race-Ziel nichts erspart. Flaute verzögert den endgültigen Abschluss dieser Etappe in Melbourne. Das blaue Boot ist um vier Tage abgehängt worden, nachdem es durch einen Schaden an der Mastspur einige Tage nur mit halber Kraft segeln konnte. Es wurde dann von einem Hochdruckgebiet geschluckt und verlor deutlich den Anschluss.

AkzoNobel , Volvo Ocean Race

AkzoNobel wird immerhin nett in Australien empfangen. © James Blake/Volvo Ocean Race

Während der Däne Nicolai Sehested nach seinem Riff-Drama im vergangenen Volvo Ocean Race mit Vestas nun auf dem holländischen Boot weitere harte Stunden erlebt, bekundet er, dass diese Etappe von Kapstadt nach Melbourne zu einer der größten Herausforderungen zählt.

Dabei gehe es weniger um physische als psychische Aspekte. “Das war wirklich hart für das Team”, sagt Sehested. “Aber vermutlich brauchten wir das, um zu lernen und besser und stärker zu werden. Ich denke, wir kommen jetzt gut klar mit dem Gegenwind, den wir in dieser Kampagne bekommen habe. Es gibt keine Probleme im Team.”

Wie die 32 Meter hohen VO65 unter der 29 Meter-Brücke in Melbourne durch passen:

Ein Zeichen dafür sind die bemerkenswerten Worte von Wachführer Chris Nicholson, dem in letzter Minute bei AkzoNobel eingestiegenen ehemaligen Volvo-Skipper. Er nimmt die Schuld auf sich. “Wir hatten eine schreckliche Halse, für die ich wohl mehr verantwortlich bin, als alle anderen. Das hat uns diese Etappe gekostet.”

Zuvor war der einzige Neubau der VO65-Flotte stark gestartet, hatte nach zwei Tagen kurz in Führung gelegen und vor dem großen Sturm einen Podium-Platz angepeilt. Aber nach dem Schaden, als in einer Halse Latten brachen und sich die Mastspur vom Rohr löste, konnte ein Tag lang das Großsegel nicht mehr gesetzt werden. Die Flotte zog davon, und das Wetter schloss ein Comeback aus.

AkzoNobel , Volvo Ocean Race

AkzoNobel-Skipper Simeon Tienpont hatte bisher eine harte Zeit. © James Blake/Volvo Ocean Race

Wenn AkzoNobel diese brutale Erfahrung tatsächlich gestärkt übersteht und alle provisorisch reparierten Schäden bei dem Pit-Stop in Melbourne in der kurzen Zeit bis zum nächsten Start nach Hong Kong am 2. Januar zufriedenstellend beheben kann, dann mag das Team vielleicht doch noch eine wichtige Rolle spielen. Nach dem chaotischen Bild, das die Kampagne bisher in der Öffentlichkeit abgegeben hat, könnte ein funktionierendes AkzoNobel-Team noch im Verlauf des Rennens das Zünglein an der Waage spielen im Zweikampf an der Spitze.

Wenn die ständigen Crewwechsel ein Ende haben und sich der prominente spanische Einhandsegler Alex Pella (45) nahtlos in das Team einfügte – er wurde gegen den Holländer Peter Van Niekerk ausgetauscht – dann hat das Skandal-Team um Skipper Tientpont vielleicht doch noch das Potenzial für Überraschungserfolge.

Es droht Langeweile

Das Rennen ist davon abhängig, denn an der Spitze droht Langeweile. Der überlegene Sieg von Mapfre hat eine Dominanz gezeigt, die der Spannung in dieser Regatta abträglich ist. Denn das Dongfeng-Team, der vermeintlich einzige Konkurrent auf Augenhöhe, hat gezeigt, dass die Leistung im Vergleich zu den Spaniern nicht ausreicht.

Tamara Echegoyen, Volvo Ocean Race

Tamara Echegoyen, spanische Match Race Olympiasiegerin und 49er FX Weltmeisterin. © Jen Edney / Volvo Ocean Race

80 Prozent der Etappe hatte die neunköpfige Crew mit den sechs französischen Einhand-Spezialisten, in Führung gelegen, bis ein erneuter schwerer taktischer Fehler das Überholmanöver von Mapfre zuließ. Dongfeng hatte ohne Not die südliche Position mit dem stärkeren Wind nahe der Eisgrenze aufgegeben und dem Gegner die Initiative überlassen. Die Spanier konsolidierten schließlich ihre Führung durch eine beispiellose Halsen-Offensive, die von den Franzosen nicht gekontert wurde. Die Gründe dafür lässt Skipper Caudrelier bis heute offen. Konnte oder wollte er seiner Crew die extreme Belastung nicht zumuten?

Dass Dongfeng am Ende durch einen Schaden an der Kiel-Hydraulik gebremst wurde, ist nur eine Fußnote dieser Etappen-Geschichte. Einfluss auf die Entscheidung des Duells hatte das Problem nicht.

Beim Spiel mit den Kindern den Rücken verknackst

Caudrelier hatte viel von dieser Power-Etappe erwartet. Dafür habe sein Team hart gearbeitet, und gerade bei den Extrembedingungen sei Dongfeng nun extrem schnell. Eine Phase auf der zweiten Etappe hatte diese Einschätzung bestätigt. Deshalb wiegt diese Niederlage für ihn umso schwerer.

War der Crewwechsel in letzer Minute verantwortlich? Der französische Einhandsegler Fabien Delahaye (33) musste kurzfristig für Daryl Wislang (36) einspringen. Der Neuseeländer hatte sich beim morgendlichen Spiel mit den Kindern den Rücken verknackst. Er war vom Skipper als “einer meine besten Steuermänner” bezeichnet worden und bringt viel Wissen über die VO65 mit nach seinem Volvo-Sieg 2015 mit Abu Dhabi.

Volvo Ocean Race

Der erschöpfter AkzoNobel-Navigator Jules Salter muss Überstunden machen. © James Blake/Volvo Ocean Race

Delahaye hat immerhin das Solitare du Figaro-Einhand-Rennen gewonnen und arbeitete als Performance Analyst für Dongfeng. Aber das Team tauschte damit gleich auf drei Positionen. Der Platz des Chinesen Jinhao Chen wurde von Xue Liu eingenommen und Kevin Escoffier kam für Jérémy Beyou an Bord. Beyou ist immerhin der Vendée Globe Dritte und ein echter Promi. Sein Wechsel nach der suboptimalen zweiten Etappe wurde nahezu heimlich vollzogen. Dabei wäre er eigentlich ein logischer Ersatz für den verletzten Wislang gewesen. Auf der vierten Etappe ist Beyou allerdings wieder dabei.

Mapfre Team aus sechs Nationen

Bei Mapfre gab es im Verlgeich zur zweiten Etappe jedenfalls nur einen Crew-Tausch. Antonio “Ñeti” Cuervas-Mons überließ das Vorschiff dem neuseeländischen U-30-Segler Louis Sinclair, Sieger 2015 mit Abu Dhabi.

Das Duell zwischen Mapfre und Dongfeng ist ein Kampf der unterschiedlichen Systeme. Und vielleicht lässt sich am Ende die immer wieder gestellte Frage beantworten: Wer ist der beste Segler der Welt?

Das internationale Mapfre Team mit Seglern aus neun Nationen ist geprägt von einem Hintergrund, der eher im Olympia- und America’s Cup-Umfeld liegt und spiegelt damit die Stärken von Skipper Xabi Fernandez wider, dem 49er-Olympiasieger. Die Franzosen schöpfen ihre Stärke dagegen aus den Einhand-Offshore-Karrieren. Am Ende wird sich zeigen, welche seglerische Basis für das Volvo Ocean Race am effektivsten ist. Zurzeit hat Mapfre klare Vorteile.

Können sich Boote zwischen Dongfeng und Mapfre drängen?

Entscheidend für die Spannung in dieser Regatta ist die Frage, ob Vestas oder Brunel das Duo an der Spitze bedrängen kann, und ob AkzoNobel langsam in das Rennen findet. Wenn dem nicht so ist, hat Mapfre schon jetzt einen beruhigen sechs-Punkte-Puffer zu Dongfeng.

Damit könnte Fernandez die Strategie verfolgen, einfach geduldig beim Gegner zu bleiben. Hauptsache, es rutschen keine Boote dazwischen. Turn The Tide und Scallywag sind offensichtlich nicht dazu in der Lage, vorne mitzuspielen. Aber die anderen drei könnten den spanischen Punkte-Schnitt schwer belasten, wenn sie zwischen ein plötzlich siegendes Dongfeng-Team und Mapfre rutschen könnte. Dafür müssten die Franzosen aber ihre taktische Fehlerquote entscheidend senken.

Die Tabelle nach drei Etappen. Ein Punkt für AkzoNobel fehlt noch.

 

 

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: AkzoNobel auf der Ziellinie – Mapfre und Dongfeng Vergleich der Systeme“

  1. avatar Thomas sagt:

    bin zwar nur jollensegler aber ein bullenstander wäre wohl auch für Akzo nicht schlecht gewesen , oder?

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    • avatar Johannes Bahnsen sagt:

      Es war eine beabsichtige Halse, die schief ging.
      Das Boot halste zum falschen Zeitpunkt, es befand sich grad nicht im Surf und war zu langsam, der scheinbare Wind zu stark.

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  2. avatar Thomas sagt:

    genau dafür gibt es sowas. Im schlimmsten Fall steht dann das Großsegel mal back.Aber es geht nix kaputt.

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  3. avatar pl_olivier sagt:

    Wie Johannes schreibt, wollten sie halsen. Dann löst man den Bullenstander, sonst ist eine Halse eine ziemliche grosse Herausforderung! 😉
    Sie waren vermutlich einfach 30s zu spät oder 45s zu früh und wie schon geschrieben gerade nicht am surfen.

    Zudem bin ich nicht sicher, was bei den Windstärken und den Segelflächen passiert, wenn das Grosssegel einfach mal Back steht. (schaue mal youtube “chinese gybe volvo ocean race”) Ich könnte mir vorstellen, dass die aufgrund der grossen Kräfte und dem hohen Niveau der Steuerleute keinen Bullenstander setzen.

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    • avatar eku sagt:

      “…wenn das Grosssegel einfach mal Back steht…”
      Video von B.Stamm VG 2012 >> Kiste liegt auf der Seite und es wird kräftig geflucht …
      siehe: https://youtu.be/PCwtQM_bM0s (hoffe der Link stimmt) und da war mE etwas weniger Wind

      Grüße

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      • avatar Thomas sagt:

        der Film zeigt eine Patenthalse, ohne Preventer. https://www.yacht.de/schenk/quest/frage146.html zeigt: kein Bullenstander = schlechte Seemannschaft!

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        • avatar eku sagt:

          der Link steht in meinem Kommentar, weil da quasi das passiert, was mit deinem “Preventer” passieren würde, wenn dieser denn bei der Leinenführung die der Herr S da vorschlägt überhaupt noch eine Wirkung hätte:
          Der Baum bleibt naherzu back stehen, weil er sich am Backstag verhakt.
          Das bewirkt zusammen mit dem in jetzt lee geschwenktem Kiel die stabile nahezu 90° Lage.

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