Volvo Ocean Race: Brunels krasse Fehlentscheidung – Die letzten Meilen der Entscheidung

"Ein Wort bitte: Enttäuschung!"

Bei Brunel möchte man gerade nicht an Bord sein. Die Crew um Bouwe Bekking ist niedergeschlagen und die Anspannung im Video greifbar. Für die anderen dagegen ist das Finale richtig spannend.

“Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll.” Der Italiener Alberto Bolzan schüttelt den Kopf und macht seiner Enttäuschung Luft. Das hätte er nicht erwartet. Das gelbe Boot schien doch nun endlich auf der richtigen Spur zu sein. Es sah so aus, als wenn Bouwe Bekking, mit 54 Jahren der Volvo Ocean Race-Altmeister, doch noch sein Mojo wiedergefunden hätte.

Brunel ist der große Verlierer der aktuellen Etappe. Peter Burling sehnt sich nach seiner Heimat. © Yann Riou/Volvo Ocean Race

Bekking änderte seine Crew, die zuletzt wieder einen enttäuschenden vorletzten Platz abgeliefert hatte, auf drei Positionen, ging sogar als einziges Team mit nur sieben statt acht oder zehn (Turn The Tide) Seglern an den Start, um auf der notorischen Leichtwind-Etappe Gewicht zu sparen, motivierte den Rückkehrer Peter Burling, indem er ihn die Starts und Inportraces steuern ließ, und es schien zu funktionieren.

Oracle Wing Trimmer Kyle Langford hat gerade nicht viel Spaß an seinem Job auf Brunel. © Yann Riou/Volvo Ocean Race

Brunel startete stark und fand erstmals sogar einen überlegenen Speed-Modus, der einen kleinen Vorsprung auf direktem Kurs ermöglichte. Bisher waren Bekking und Co kaum konkurrenzfähig, nachdem sie spät gemeldet und im Vorfeld nur eine ungenügende Zahl an Trimm-Tests absolviert hatten.

Diesmal konnte die Truppe echte Hoffnung schöpfen, dass vielleicht doch noch etwas möglich ist bei diesem Volvo Ocean Race. Ein Sieg hätte sogar noch den Angriff ganz nach vorne ermöglicht. Schließlich segeln die Spitzenreiter diesmal hinterher.

Die Sonne geht auf für Alberto Bolzan aber für Brunel ist nicht mehr viel zu holen. © Yann Riou/Volvo Ocean Race

Vielleicht war es diese Aussicht, die Bekking und seinen Navigator Andrew Cape dazu veranlassten, zum Ende der Etappe noch einmal alles auf eine Karte zu setzen. Sie waren etwas unglücklich durch die Flaute gekommen, und dann bot sich schließlich die Möglichkeit, auf Platz vier liegend hinter Neukaledonien auf direktem Weg eine Abkürzung zu nehmen.

Schließlich lagen Mapfre und Dongfeng genau im Kielwasser mehr als 40 Meilen zurück. Da schien das Risiko überschaubar. Denn auch Turn The Tide war schon fast 30 Meilen voraus weggefahren.

Brunel hat einen Tag nach dem Start auf gleichem Kurs die Flotte distanziert. Der Speed ist plötzlich da…

…In der Flaute sind die Top Drei noch in der Nähe, aber Bekking setzt alles auf eine Karte, geht in den Stealth Mode (dicke gelbe Linie) und biegt hinter Neukaledonien ab…

… Ruckzuck ist die Spitze weg und die beiden Nachzügler sind dran…

…Brunel bleibt stehen…

…und als das Vorderfeld die Nordspitze von Neuseeland erreicht, hat Brunel auch noch 70 Meilen auf den vorletzten Platz verloren.

“Brutal”, kommentiert Peter Burling die Situation. Solche Niederlagen kennt er schon lange nicht mehr nach den Siegsträhnen im 49er und America’s Cup. “Wir waren sehr überzeugt von unserem Move”, sagt Bekking. “Aber das Wetter hat sich geändert. Das Zentrum des Hochdruckgebietes schob sich genau in unseren Weg. Deshalb mussten wir wieder nach Süden abdrehen. Es ist wirk hart, das der Crew erklären zu müssen. Erst segelt man hoch am Wind, dann ändert man plötzlich wieder seinen Weg um 40 Grad.”

Dabei sind dann gleich auch noch Mapfre und Dongfeng vorbei gesegelt. Schlimmer konnte es kaum kommen.

Das spannende Finale

Dafür haben die anderen Teams ihren Spaß. Für sie ist noch viel zu holen. An der Spitze geht es immer noch um den Etappensieg. Die Positionen werden 200 Meilen vor dem Ziel fortlaufend im Tracker aktualisiert. Und auch die führende AkzoNobel war gezwungen, wieder aus dem Stealth Modus aufzutachen.

Fast 30 Meilen betrug der Vorsprung zu Scallywag vor dem Drücken des Tarn-Knopfes. Aber dann waren es sogar nur noch zwölf Meilen zu Turn The Tide. Dieses Versteckspiel hat bisher noch keinem Team einen Vorteil gebracht. Im Gegenteil: Es scheint Unglück zu bringen.

Jules Salter, Navigator von AkzoNobel hat diesmal viel richtig gemacht. Kann er der Sieg nachhause fahren? © Rich Edwards/Volvo Ocean Race

An der Nordspitze von Neuseeland liegen AkzoNobel und Scallywag plötzlich gleichauf. Strömung und Flaute lassen die letzen Meilen zu einem echten Nervenspiel werden. Und Turn the Tide hat 12 Meilen achteraus auch noch eine Chance.

Dahinter bekämpfen sich Mapfre und Dongfeng nach wie vor bis aufs Messer. Dongfeng hat die Spanier überholen können und lag vor Neuseeland eine Meile voraus. Es wäre ein ganz wichtiger Sieg für Caudrelier, der den Rückstand in der Gesamtwertung auf drei Punkte verkürzen könnte. Am frühen Dienstag-Nachmittag soll die Entscheidung gefallen sein.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Volvo Ocean Race: Brunels krasse Fehlentscheidung – Die letzten Meilen der Entscheidung“

  1. avatar eku sagt:

    mE:
    Pech in der 1. Flautenphase
    Pech in der 2. Flautenphase und danach muss man etwas unternehmen.
    Ich weiß ja nicht genau welche Wettermodelle die zur Verfügung haben, aber es scheint mir, dass sich keiner mehr richtig traut etwas exeptioneles zu machen (außer man hätte ansonsten eh “versch…en”) – evtl weil die Modelle mittlerweile oft recht konform gehen und/oder die Routingprogramme so gut sind, dass die sowieso recht behalten.
    Es sind eigentlich die wenigen Ausnahmen von dieser Konformität, die noch ein wenig Spannung aufkommen lassen.
    Wenn bei einem solchem Rennen 20 sm Differenz (und in den Flauten ja teilweise noch weniger) in der Kurswahl über das Ergebnis entscheiden, hat das mE nichts mehr mit Können (dem Können der Navigatoren) zu tun, sondern nur noch mit Zufall.
    Über die One-Design Methode wurde zudem die Option der konstruktiven Vorteile unter bestimmten Bedingungen heraus genommen.
    Im Gegensatz zu so manchem Journalisten oder Kommentator bin ich ja auch der Meinung, dass die alle verdammt viel vom Segeln verstehen – sonst wären sie nicht da, wo sie sind. Irgendjemand machte Carsten hier letztens den Vorwurf, dass eh nur auf der Alster ordentlich gesegelt wird: So wie ich dieses VO bis jetzt erlebe, ist es aber genau wie bei einer Regatta auf der Alster – viel Glück (bzw “Joss” – siehe Roman “TaiPan”) im Spiel und es werden nicht an einem Tag zB 6 Rennen gefahren, die das Glück statistisch gleichmäßiger verteilen.
    Zumindest gefühlt (dH vorläufig) kann ich sagen: Dieses VO entspricht nicht meinen Erwartungen und Vorstellungen von einer Hochseeregatta. Mir fehlt da das große “Schach”
    Ist aber evtl zwangsläufig im Zuge der Entwicklung der Techniken.

    Grüße eku

    PS: Außerdem fehlen mir die “Bastler” wie AT oder CC oder … die sich trotz aller Widrigkeiten da mit viel Erfindungsreichtum durchbeißen. Das Notrigg von Conrad Colman war einfach sensationell. Auch dafür ist natürlich die One-Designe Nummer nicht gerade förderlich (selbstverständlich andererseits auch sicherer)

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