Volvo Ocean Race: Das Flauten-Finale und die Reaktionen – Wie Profis mit dem Frust umgehen

Es hilft kein Jammern

Ein Tag nach dem unglaublichen Finale bei der 8. Volvo-Ocean-Race-Etappe wird immer noch gejammert über die vermeintlich ungerechten Wetter-Götter. Dabei hat Brunel einen entscheidenden Fehler begangen.

Bouwe Bekking greift sich ans Käppi und feuert das Teil ins Cockpit. Er erlaubt sich nur einen kurzen Moment der Emotion, dann reißt er sich zusammen, läuft über das Boot, verteilt Handschläge, Umarmungen, Küsschen und schluckt den Frust herunter.

Das unglaubliche Finale:

Die entscheidende Schlussphase in der Live-Übertragung:

Er erlaubt sich keinen Ärger in Bezug auf die Wettfahrtleitung, Organisatoren und Routenplaner. So skurril dieser Zieleinlauf gewesen sein mag angesichts einer zuvor abgesegelten 5000 Meilen-Strecke, so relativ normal war er dann auch wieder. Auch Bekking wird in seiner Karriere so etwas Ähnliches schon hundertmal erlebt haben. So ist der Segelsport.

Viele finden genau das daran gut. Während ein Normalo-Sprinter gegen Usain Bolt niemals eine Chance hätte, kann ein Normalo-Segler bei einer Regatta antreten und darauf hoffen, dass er durch Glück einmal gegen einen der Champs gewinnt.

Da hatte Brunel das rote Boot noch unter Kontrolle. © Jesus Renedo / VOR

Aber das passiert dann erstaunlicherweise doch nur sehr, sehr selten. Denn das vermeintlich größte Glück haben dann doch (fast) immer die besten Segler. Sie hadern nicht mit dem Schicksal, sie konzentrieren sich und erledigen ihren Job.

Bekking mag sich geärgert haben. Aber vermutlich mehr über die Entscheidung der letzten Wende wenige Meter vor dem Ziel. Während sein Team den Gegner auf den letzten Meilen in der Newport-Bucht im Sund mustergültig kontrollierte – per AIS waren die Manöver trotz Nebel gut auf dem Bord-Bildschirm zu erkennen – ließ es bei den letzten drei Wenden von dieser Taktik ab.

Der finale Zweikampf im Nebel. © Jesus Renedo / VOR

Zu gut schienen die Schläge unter Land zu funktionieren. Die geringere Gegenströmung war der Bringer. Brunel setzte sich etwas ab. Aber dadurch ließ Bekking einen gefährlichen Split zu Mapfre zu. Fernandez konnte nicht wissen, dass auf der Backbord-Seite mehr Wind weht. Er konnte nur alles daran setzen, sich eine Möglichkeit zu erarbeiten und Querabstand zu bekommen.

Ein gefasster Bouwe Bekking. © Jesus Renedo / VOR

Bekking ließ das zu, und besonders die letzte Wende geriet taktisch zu kurz. Zwei Bootslängen weiter, und die Spanier wären erneut unter Kontrolle gewesen. Übermüdung und Erschöpfung mögen zur Fehleinschätzung der Lage beigetragen haben. Aber Mapfre hat sich die Möglichkeit redlich erkämpft.

Der entscheidende Fehler von Brunel. Anstatt sich genau zwischen Marke (links) und Gegner zu legen, also weiter links zu positionieren, unterwenden sie Mapfre und lassen viel Platz…

…Mapfre bekommt frischen Wind aus der Luv-Position und zieht vorbei…

…Am Ende fehlten nur wenig Bootslängen.

Bekking antwortet dann auch wie ein Profi. Er sei “ein wenig enttäuscht”. Aber “wir sind eine sehr gute Etappe gesegelt und können mit unserer Leistung sehr zufrieden sein.” Es werde etwas brauchen über dieses Finish hinwegzukommen, aber man habe bei den vergangenen Etappen gezeigt, wofür man stehe.

“Dieses Rennen ist längst noch nicht zu Ende”

Auch Dongfeng-Skipper Charles Caudrelier, den es auf den letzten Metern am schlimmsten erwischt hat, indem er von Rang eins auf vier zurückgereicht wurde, will sich gar nicht erst lange mit vermeintlichen Ungerechtigkeiten beschäftigen.

Bei solchen Bedingungen mag man das Rennen nicht mehr ernst nehmen, aber sie gehören dazu. © Jesus Renedo / VOR

Er konnte seine Enttäuschung nicht verbergen, da sich 15 Meilen vor dem Ziel ein vermeintlich komfortabler Vorsprung in der Gesamtwertung nun in einen Drei-Punkte-Rückstand zu Mapfre verwandelt hat. Aber er gibt sich sofort kämpferisch: “Dieses Rennen ist längst noch nicht zu Ende. Die nächste Etappe zählt doppelt.” Er muss nur einen Platz vor den Spaniern sein, und kann den am Ende vergebenen Bonuspunkt für die schnellste Gesamtzeit schon insgeheim dazu rechnen. Dann liegen die beiden Boote wieder gleichauf.

Naturschauspiel. Die Newport-Bridge verschwunden im Nebel. © Jesus Renedo / VOR

“Wir haben hier von einem Sieg geträumt, und ich glaube sehr gut gesegelt bis zu diesem Morgen. Da weiß ich nicht, was passiert ist. Wir waren sehr langsam, und wahrscheinlich hatten wir Plastik am Ruder oder vielleicht auch am Kiel – wir hätten es früher überprüfen sollen.”

Aber damit will er sich gar nicht lange aufhalten. “Natürlich ist das ein harter Moment für unser Team. Aber der Gedanke daran macht mich ärgerlich. Und ich will bei der nächsten Etappe besser sein. Ich habe mich schon auf die Zukunft fokussiert und werde mich nicht mit Gedanken an diese Niederlage aufhalten. Ich verspreche: Dongfeng wird wieder einen fantastischen Job machen.”

Caffari ist frustriert

Bei Dee Caffari hört sich das dann alles doch etwas anders an. Auch sie gehört zu den großen Verlierern des Etappen-Finales, weil am Ende sogar noch AkzoNobel durchrutschte und sie wieder nur auf dem vorletzten Platz lag.

“Es ist wirklich frustrierend”, sagt die Turn The Tide Skipperin und beharrt darauf: “Das Team hat wirklich eine exzellente Etappe gesegelt.” Aber hat es das wirklich? Tatsächlich, der Leistungssprung des Teams, das als einziges zu zehnt und mit 50prozentigem Frauen-Anteil segelt, ist erstaunlich. Der Speed reichte aus, um sogar einige Führungsmeilen zu absolvieren nach einer starken strategischen Entscheidung.

Aber im Finale und beim Zweikampf mit AkzoNobel zeigte sich dann doch, dass eben noch vieles fehlt im Vergleich zu den Besten. Und gerade bei einem solchen Flauten-Finish sowie beim Umgang mit dem Frust-Erlebnis zeigt sich dieser Unterschied besonders.

Die irren Kurse in der Bucht vor Newport zeugen von der dramatischen Geschichte im Nebel.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Das Flauten-Finale und die Reaktionen – Wie Profis mit dem Frust umgehen“

  1. avatar eku sagt:

    Sorry, aber ich denke der “Fehler” (Wenn man es denn überhaupt so nennen kann) ist zwei Wenden früher passiert.
    Bei der im 1.Bild dargestellten Wende musste Brunel quasi schon wenden, weil Mapfre Vorfahrt hatte.
    Mit diesen Booten und bei dem bisschen Luftbewegung wäre das mE zu riskant gewesen weiter Kurs zu halten.
    2 Wenden vorher trifft das schon eher zu: Mapfre fährt länger westwärts – evtl sogar mit der Absicht sich eine bzw 2 Wenden zu ersparen. Dadurch kommt dann wenig später die Vorfahrtssituation zustande.

    Andererseits habe mir gerade das Tracker Replay nochmals angesehen: Es scheint so, als wollte Brunel durch eine schnelle Wende richtung Küste, die Mapfe nicht mitmacht, einen Vorteil gewinnen. Hätte natürlich auch klappen können, aber bei den Windbedingungen auf ein paar 100 metern 2 zusätzliche Wenden zu riskieren ..? Sie hätten das auch ausreitzen können: entweder bis Mapfe wendet und dann hinter Ihnen durchgehen muss, oder bis Sie selbst wissen, dass Mapfre gleich danach wenden muss wg Wassertiefe.

    Ist natürlich immer noch Glück bei, aber genau in dieser Situation hat das mE auch was mit Können zu tun. Hinterhersegeln wäre für Mapfre sicherlich keine Option gewesen.
    Ob Brunel da zu hohes Risiko gegangen ist? Keine Ahnung

    PS: Bin nicht besonders “Regelfest”, wenn es um Regatten geht und schnell gehen muss – evtl sehe ich da ja auch etwas völlig verkehrt.

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    • avatar eku sagt:

      Man sollte, vor allem wenn man eigentlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist keine Kommentare verschicken!
      Alles Bullshit was ich geschrieben habe – bitte einfach ignorieren – löschen geht ja nicht!

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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