Volvo Ocean Race: Dreifach-Gleichstand – Wie Brunel die wundersame Auferstehung gelang

So sehen Sieger aus

Das unglaubliche Szenario beim Volvo Ocean Race ist tatsächlich eingetreten. Vor dem Finale liegen die ersten drei Boote punktgleich beieinander. Wie Bekking das Comeback schaffte.

Die letzte Marke vor dem Ziel. Abfallen und Gas geben. © Jesus Renedo / Volvo Ocean Rac

Sieht so ein Sieger aus? Die dünne Haube ist schief über die linke Augenbraue gerutscht, am Hals schiebt die Ölzeug-Manschette ein Doppelkinn hoch, und die Augen glänzen bei einbrechender Dunkelheit im Kamera-Licht wie bei einem Alien. Bouwe Bekking hat gerade den womöglich größten Sieg seiner langen Karriere gefeiert, aber er wirkt abwesend, derangiert und so gar nicht beeindruckt.

Extrem-Interview mit Blair Tuke vier Stunden vor dem Ziel

Ja, so sehen Sieger aus. Wenn sie vier Tage und fünf Stunden fast gar nicht geschlafen haben, wenn sie in dieser Zeit eine kaum zu begreifende Renndramaturgie erleben durften, und wenn sie als Profi eine Körpersprache zeigen wollen, die aussagen soll: War doch klar! Hat jemand gezweifelt?

Niemand gibt einen Pfifferling für Bekking

Alle haben gezweifelt. Da kann Bekking das Rad auch nach der Ziellinie noch so fest in der Hand halten. Niemand hat nach sechs Etappen noch einen Pfifferling auf ihn und sein Team gesetzt. Aussichtslos rangierte er auf dem vorletzten Platz. Zu spät hatte der Holländer, der in zwei Tagen 55 Jahre alt wird, mit seinen Bemühungen für eine achte Volvo-Ocean-Race-Teilnahme Erfolg.

Bekking Interview in der Live-Übertragung:

Brannte er noch wirklich noch für dieses Rennen, bei dem er zweimal Zweiter wurde? War er beim Managen des J-Class-Projekts mit “Lionheart” im Umfeld der Schönen und Reichen satt und faul geworden? Reichte ihm die Rolle des Steuerberaters für eine fette Börse beim legendären ersten Treffen der sieben Superyachten in Bermuda? 

Dieses Engagement schloss er mit einem Sieg ab, aber es beschäftigte ihn lange. Zu lange für eine ernsthafte Volvo Ocean Race-Vorbereitung. Bekking schien die Um-die-Welt-Regatta, die ihn groß gemacht hat, abzuschenken. Erst vier Monate vor dem Start meldete er mit Brunel als siebtes und letztes Team.

Nur zwei mit Erfahrung

Der Holländer, der inzwischen in Dänemark lebt, weiß, dass eine solch kurze Vorbereitung bei einer Einheitsklasse nicht reicht, um den Rennsieg anzupeilen, auch wenn er das dem Sponsor nicht gesagt haben wird. Vorteile können sich nicht durch ein überlegenes Design manifestieren. Sie reultieren aus langwierigen Trimmfahrten und Crew-Tests bei möglichst vielen verschiedenen Bedingungen.

Freude nach dem Etappensieg bei Brunel. © Jesus Renedo / Volvo Ocean Race

Zwar konnte Bekking hoffen, von den Erfahrungen des vergangenen Rennens mit den selben Booten zu profitieren, aber diese Basis hatten die beiden Top-Teams Mapfre und Dongfeng eben auch. Und die trainierten sogar noch zusammen.

Auch rekrutierte er nur zwei Segler aus der vergangenen Kampagne: Den erfahrenen Navigator Andrew Cape (siebtes Volvo Race) und den jungen Belgier Louis Balcaen. Der Holländer musste seine Crew aus den Restbeständen des Volvo-Ocean-Race-Marktes zusammenstellen.

Bekking und Cape haben zwar mehr Runden um den Erdball gedreht als alle anderen Konkurrenten, und das mag auf eine große Erfahrung im Team deuten. Dafür gehören fünf ziemlich Hochsee-unerfahrene U-30 Segler zur Crew. Allerdings stechen zwei Namen imposant hervor. Zum einen Kyle Langford, America’s Cup Sieger mit Oracle als Wing-Trimmer in San Francisco (auch in Bermuda) und Peter Burling, Cup- und Olympiasieger. Aber wie sollten diese Jungspunde bei einem Offshore-Rennen helfen?

Burling als Medien-Coup

Der Zugang von Burling, dem Weltsegler des Jahres, war ein hübscher Medien-Coup. Allerdings schien er wenig geplant und eher aus einer Laune heraus entstanden zu sein. Eigentlich wollte das Team New Zealand ein eigenes Boot besetzen, aber die Pläne scheiterten. Kumpel Blair Tuke hatte schon länger bei Mapfre unterschrieben, und Burling schien nicht einfach zuhause rumsitzen zu wollen. Also tat er sich mit Bekking zusammen.

Justine Mettraux auf Dongfeng iumspült von Wasser. © Martin Keruzore / Volvo Ocean Race

Es passierte, was passieren musste. Das gelbe Boot segelte auf den ersten Etappen hoffnungslos hinterher. Es fehlte einfach die Geschwindigkeit. Einige neue Segel im Vergleich zur vergangenen Volvo-Auflage erforderten neue Trimm-Einstellungen. Und als der Speed einigermaßen auf Augenhöhe mit der Konkurrenz war, kamen strategische Fehler dazu.

Ausgerechnet auf Burlings Heim-Etappe nach Auckland kam Brunel nach gutem Start auf dem letzten Platz ins Ziel. Und nachdem Burling und Kyle Langford schon bei der fünften Etappe nicht mehr an Bord waren, hätte nun viele dafür Verständnis gehabt, wenn sie sich den Rest der Weltumseglung auf dem lahmenden Dampfer nicht mehr angetan hätten.

Burling als Inport-Steuer gelassen

Aber mit einer solchen Einstellung schafft man es nicht an die Spitze seiner Sportart. Die beiden Stars blieben an Bord, und Bekking merkte später an, dass auch er etwas umdenken musste. Ein Ergebnis: Fortan ließ er Burling bei den Inport-Races ans Steuer. Das bewirkte zwar keine deutliche Leistungsverbesserung, war aber möglicherweise teamintern ein wichtiges Zeichen – wenn auch nur eine Motivationsspritze.

Der Skipper spricht öfter darüber, wie er seinen neueseeländischen Heißsporn zurückpfeifen muss, wenn die Bedingungen wirklich hart werden. “Bei ihm geht es immer darum, auf der roten Linie zu segeln”, sagt Bekking der New York Times. “Und das ist der Unterschied zu uns. Denn wenn wir an der roten Linie sind, und da draußen im offenen Ozean etwas bricht, dann verliert man schrecklich viel. Ich glaube, wir mussten ihm ein paar Mal zu dieser Balance bringen. ‘Nimm mal den Fuß vom Gas. Wir müssen überleben’.”

© Jesus Renedo / Volvo Ocean Rac

Der Neuseeländer hat inzwischen bestätigt, dass es für ihn und einige der jungen Kollegen eine Zeitlang gedauert hat, sich zu finden. “Vermutlich, das halbe Rennen. Wir verstehen nun besser, warum das Boot läuft oder nicht.” Das Gefühl sei wichtig. Die Zahlen seien gerade in den nördlichen Gefilden nicht mehr so entscheidend, denn die kalte Wasser-Temperatur mache einen großen Unterschied. Die erhobenen Leistungsdaten stimmen nicht mehr. “Wir stressen uns nicht mehr wegen der kleinen Dinge, und wissen besser, wann wir wirklich etwas verändern müssen, um schneller zu werden.”

Überraschender Speed-Boost

Ob das der Unterschied ist, der dieses unglaubliche Überholmanöver vor Norwegens Küste erlaubte? “Sie haben irgendetwas gefunden, das sie schnell gemacht hat”, sagt Mapfre Skipper Fernandez anerkennend. “Wir dachten, den härtesten Teil der Etappe vor der schottischen Küste überstanden zu haben und führten, aber dann konnten wir Brunel auf dem spitzen Reach nicht halten. Sie haben sich bei den vergangenen Etappen enorm gesteigert, aber wir waren von so einem Speed-Unterschied sehr überrascht.”

Wie kann das sein nach neun harten Etappen auf denen sich der Kreis um die Welt schon geschlossen hat? Brunel segelte in zweieinhalb Tagen von Platz fünf auf eins vor. In diesem Zeitraum erfolgte kein einziges Manöver. Alle Boote segelten auf einer Linie. Es gab keine Chance, einen Winddreher schlau zu nutzen. Nur der schiere Speed war entscheidend.

Zehn  Meilen machte das gelbe Boot gut. Und besonders der spitze Kurs bei über 40 Knoten Wind war offenbar so speziell, dass gerade Mapfre wie auch Dongfeng, die bisher Schnellsten bei solchen Bedingungen, nicht von ihren bisherigen Erfahrungen profitieren konnten.

Sie haben nicht speziell in der vergleichsweise flachen Nordsee-Welle trainiert, da diese Voraussetzungen nur für einen Bruchteil der Gesamtstrecke relevant sind. So waren die Limits nicht ausgereizt.

Bekking führt einen weiteren Punkt an: die Segel. Schon der Speed-Boost beim  Sieg zur siebten Etappe soll laut Skipper mit dem Wechsel zum neueren Groß – der jedem Team erlaubt ist – zusammengehangen haben. Nun führt er ein brandneues Vorsegel an, dass sie offenbar bis zu diesem Moment zurückgehalten haben.

Unglaubliches Serie 1/2/1/1 

Auf die Frage, wie sich das Überholmanöver angefühlt habe sagt Bekking: “Zuerst haben wir Dongfeng überholt und vielleicht die große Fock viel zu lange oben gelassen. Aber wir waren schnell und haben den Wechsel auf dem Vordeck dann bei 30 Knoten Wind ausgeführt – das ist vielleicht nicht das Angenehmste – Aber dann fuhren wir auch mit der kleinen Fock sehr schnell. Bis 30 Knoten segelten wir noch mit vollem Groß, dann begannen wir langsam, die Reffs einzubinden, denn als wir Mapfre passierten wehte es mit 40 Knoten. Wir waren einfach schneller. Wahrscheinlich hat es geholfen, dass die Fock nahezu brandneu war. Beim Onedesign-Segeln sind frische Früchte schnell.”

Brunel hat jetzt nach den Etappenplätzen 6/4/4/5/6 die unglaubliche Serie von 1/2/1/1 hingelet und 45 von möglichen 47 Punkten gesammelt. Damit sind die ersten drei Boote punktgleich, denn Dongfeng erhält noch einen Zusatzpunkt.

“Für die Fans wird das eine aufregende letzte Etappe”, sagt Charles Caudrelier, der große Verlierer auf der Göteborg-Strecke. “Und für uns wird es auch spannend. Wir werden alles geben und werden versuchen, unseren ersten Etappensieg einzufahren. Aber eigentlich müssen wir nur vor den anderen beiden sein. Wir können das schaffen!”

Für Bekking ist noch nichts gewonnen. Das mag seine Zurückhaltung nach dem Zieldurchgang erklären. Er muss den Sack noch zumachen. Aber bei der letzten 700-Meilen Kurz-Etappe nach Den Haag dürfte der neue Starkwind-Speed in der Ostsee nicht besonders helfen. Es wäre schon ein großer Zufall, wenn es noch einmal so dicke kommt. Aber das Team ist jetzt mächtig auf dem Vormarsch. Viele werden auf Bekking wetten. Und verdient hätte er es allemal

Die 11. Etappe nach Den Haag muss entscheiden. 700 Meilen durch Ost- und Nordsee.

 

Volvo Ocean Race Leg 10 – Results

1. Team Brunel –  4 days, 5 hours, 12 minutes, 1 second
2. MAPFRE –  4 days, 5 hours, 13 minutes, 56 seconds
3. team AkzoNobel – 4 days, 5 hours, 32 minutes, 53 seconds
4. Dongfeng Race Team – 4 days, 5 hours, 45 minutes, 52 seconds
5. Turn the Tide on Plastic – 4 days, 6 hours, 02 minutes, 00 seconds
6. Vestas 11th Hour Racing – 4 days, 6 hours, 26 minutes, 40 seconds
7. SHK / Scallywag – Racing – 4 days, 8 hours, 25 minutes, 03 seconds

Volvo Ocean Race Points Table after Leg 10

1. MAPFRE – 65 points
2. Team Brunel – 65 points
3. Dongfeng Race Team – 64 points *
4. team AkzoNobel – 53 points
5. Vestas 11th Hour Racing – 38 points
6. SHK / Scallywag – 30 points
7. Turn the Tide on Plastic – 29 points

* Es gibt einen zusätzlichen Punkt für die beste Gesamtzeit um die Welt. Zurzeit liegt Dongfeng in dieser Wertung nahezu uneinholbar vorne

**Bei Gleichstand in der Gesamtwertung zählt die In-Port Serie. Da liegt Mapfre klar vor Dongfeng und Brunel

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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