Volvo Ocean Race: Held oder Trottel? Mapfre Navigator setzt alles auf eine Karte

Um Kopf und Kragen

Kurz nach mit der Strandung von Vestas ist Mapfre beim Volvo Ocean Race auf einen extremen Ost-Kurs abgebogen. Es könnte einer der haarsträubendsten Strategie-Fehler der Volvo-Etappe werden.

Jean Luc Nélias

Selbstbewusst oder durchgeknallt. Nélias bereitet den Ausbruch nach Osten vor.© Francisco Vignale/MAPFRE/Volvo Ocean Race

Was ist nur in Jean Luc Nélias gefahren? Da ersetzt der Sieger-Navigator des vergangenen Volvo Ocean Races vielbeachtet seinen Vorgänger bei Mapfre Nicolas Lunven nach dem letzten Platz der ersten Etappe, und liefert ein ganz starkes Rennen ab. Und plötzlich lässt er die Spitzengruppe alleine.

Die strategische Extrem-Entscheidung, ist neben den dramatischen Entwicklungen auf dem Riff vor Mauritius fast zur Nebensache geworden. Aber Nélias scheint sich gerade mit Mapfre um Kopf und Kragen zu navigieren.

Nun werden solche extremen möglicherweise rennentscheindenden Kursänderungen nicht alleine vom Navigator festgelegt. Aber vielleicht wollten die in der Feld-Taktik erfahrenen 49er Weltmeister Martinez und Fernandez ihrem neuen Navi bewusst den Rücken stärken.

Jean Luc Nélias

Jean Luc Nélias beim Power Nap. Schwierige Zeiten für den Mapfre Navigator. © Francisco Vignale/MAPFRE/Volvo Ocean Race

Wie auch immer das Spiel mit dem großen Risiko ausgeht, es könnte ein Hinweis darauf sein, wie wenig das spanische Team noch gefestigt ist. Die späte Meldung zum Rennen und geringe Zeit der Vorbereitung mag sich in solchen Harakiri-Entscheidungen äußern.

Martinez hatte sich noch kurz zuvor sehr erfreut über die knappe erste Phase der Regatta geäußert. Durch die engen Zweikämpfe in Sichtweite könnten sie viel über die Segelkombinationen und Leistungsfähigkeit des eigenen Schiffes lernen.

Umso mehr wunderte es, dass sie aus der führenden Position abdrehen und alles auf eine Karte setzen. Natürlich steht das Team nach dem letzten Platz in der ersten Etappe unter Druck. Aber es lief doch. Es waren die besten Chancen für eine starkes Comeback gegeben.

Kurz nachdem Vestas auf das Riff gelaufen ist, bricht Mapfre aus der Führungsposition nach Osten aus.

Kurz nachdem Vestas auf das Riff gelaufen ist, bricht Mapfre aus der Führungsposition nach Osten aus.

Nun ist ein Querabstand von 135 Meilen entstanden und Mapfre ist auf seiner Suche nach dem besseren Wind im Osten noch nicht besonders gut voran gekommen. Das Manöver kann sich noch auszahlen, aber zurzeit befinden sich die Spanier in einer sehr gefährlichen Lage.

“Die Option, nach Osten zu segeln macht uns schon große Sorgen”, schreibt Francisco Vignale von Bord. “Die Flotte zieht gen Norden davon und wir bewegen uns kaum. Aber es wichtig, dass wir die Ruhe bewahren. Diese Flauten sind sehr schwierig für den Kopf. Das ist sehr nervig aber auch interessant, weil man anfängt, über alles nachzudenken.”

Bei Abu Dhabi heißt es: “Wir waren schon sehr geschockt, als Mapfre nach Osten wendete. Wir können nur denken, dass sie auf frischeren Wind im Osten hoffen. Aber wir sind sehr optimistisch, dass bei uns der Wind auch einsetzt.”

Es sieht rechts gefährlich aus für Mapfre. Aber vielleicht werden sie noch zu Helden.

Es sieht rechts gefährlich aus für Mapfre. Aber vielleicht werden sie noch zu Helden.

Nélias hat sich und sein Team schon einmal beim vergangenen Volvo Ocean Race in eine ähnliche Lage gebracht, als er bei der ersten Etappe ohne Not einen Extremschlag wagte und schließlich zweieinhalb Tage hinter den ersten beiden Booten ins Ziel kam. Glücklicherweise reichte das trotzdem zu Rang drei, weil drei Boote ausfielen.

Auch diesmal kann er zum Trottel werden. Denn selbst die zuletzt aussichtslos zurückliegenden Frauen sind im Begriff wieder aufzuschließen. Vielleicht schaffen sie es wieder, sich die Spanier kurz vor dem Ziel zu schnappen. Vielleicht wird der Navigator aber auch noch zum größten Helden.

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Held oder Trottel? Mapfre Navigator setzt alles auf eine Karte“

  1. avatar Max sagt:

    Trottel? Allen Ernstes? Am Ende des Tages ist das Jean-Luc und bei seinem Segel-Hintergrund ist nicht wirklich verwunderlich, dass er für extremere Optionen als die andere Navigatoren offen ist. Sich von den anderen Booten zu lösen kann Optionen eröffnen die am Ende den entscheidenden Vorteil bringen. Wie in der 2. Etappe vom letzten Volvo, da hat Groupamas move funktioniert.

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  2. avatar steehl sagt:

    Endlich! Endlich gibt’s mal einen Offshore-Racing typischen Move. Dieses bekriegen in Sichtweite mag ja ganz interessant in Bezug auf Leistungsdichte etc sein, aber die Musik beim Hochseerennen ist doch, dass ganz unterschiedliche Wege gegangen werden und sich Tage später erst zeigt, wer Recht (und Glück) hatte. Ich wünsche MAPFRE alles Gute bei diesem Vorhaben, wenn Sie als erster in den Golf fahren, wird das hoffentlich wohltuende Wirkung auf das taktische Verhalten in den nächsten Etappen haben.

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  3. avatar Highlander sagt:

    es schaut gut aus für Team MAPFRE, momentan segeln sie fast mit doppelter Geschwindigkeit als die führenden Boote, und haben in den letzten 6 Stunden 30 SM aufgeholt.
    Ob es ausreicht, um rechts aussen vorbeizuziehen werden die nächsten Stunden zeigen…
    trotzdem haben sie mit dieser Aktion Ihre führende Position erstmal hergeschenkt, mit dem Risiko erneut hinterher als Deppen dazustehen.. diese Aktion kann ich nicht nachvollziehen, da sie bisher auf der 2. Etappe die anderen Boote auch im direkten Vergleich im Griff hatten…

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  4. avatar Wilfried sagt:

    Wenn man den Windkarten traut sind SCA und Alvi auf jeden Fall falsch aber wer weiß. Für die Taktiker ist das zwar sehr herausfordernd aber der Öffentlichkeit kann man so keine interessanten Bilder zeigen. Das ständige durchqueren der doldrums ist mehr als Sonnenschutzmittelcontest geeignet. Zum Glück muss man sich im virtuellen Race nur zwei mal am Tag den Kopf zerbrechen und nicht ständig.

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  5. avatar dubblebubble sagt:

    “..zum Glück muss man sich im virtuellen Race nur zwei mal am Tag den Kopf zerbrechen und nicht ständig…”

    Wenn Dir deine Platzierung wurst ist, ja…

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