Volvo Ocean Race: Überholmanöver Meter vor dem Ziel – Mapfre gewinnt die achte Etappe

Brutale Psycho-Show auf den letzten Metern

Unglaublich! Was für ein Finish bei der 8. Volvo Ocean Race Etappe. Mapfre zieht beim letzten Manöver im Nebel noch an Brunel vorbei. Aber ein anderes Team ist noch schlimmer dran.

Der entscheidende Moment. Mapfre zieht im Nebel Meter vor dem Ziel an Brnel vorbei. © Jesus Renedo / VOR

Blair Tuke scheint sich gar nicht richtig freuen zu können. Der Olympia- und America’s Cup-Sieger schreitet vom Vorschiff zum Heck, klatscht kurz den Steuermann ab, und das war’s. Der Neuseeländer hat mit seinem spanischen Team die achte Volvo Ocean Race Etappe auf Platz eins beendet und ist seinem Ziel nun schon sehr nahe gekommen, als erster Segler das Tripel inklusive Volvo-Gesamtsieg klar zu machen. Er müsste hüpfend und jubelnd über das Boot rennen.

Schließlich hat er gerade eines der unglaublichsten Comebacks der Volvo Ocean Race Geschichte erfolgreich abgeschlossen. Vor zwei Tagen lag er mit Mapfre noch auf Rang sechs von sieben Booten, vor einem Tag war es noch Platz fünf mit 50 Meilen Rückstand, und nun gewinnt er dieses Ding!

Brunel hat einen Mann in den Mast geschickt. Aber auch er sieht nichts im Nebel. © Jesus Renedo / VOR

Aber die Freude hält sich in Grenzen. Er ist Profi, längst nicht als Feierbiest bekannt und kann es aber wohl selber kaum glauben, dass er auf den letzten Metern noch im Nebel am gelben Boot vorbei getrieben ist. So will man eigentlich nicht gewinnen. Er mag auch mit seinem Kumpel und 49er-Steuermann Peter Burling fühlen, der drüben auf dem anderen Boot sitzt.

Mapfres Zieleinlauf im Nebel.

Nach einer ganz starken Etappe schien Brunel nichts vom zweiten Sieg hintereinander abhalten zu können und in der Tabelle wäre sogar mit nur noch sieben Punkten Rückstand ein ehrlicher Angriff auf den Gesamtsieg möglich gewesen. Aber nun steht das Team mit leeren Händen da.

Psycho Show

Was war das für eine Quälerei, was für eine brutale Psycho-Show auf den letzten Metern. Eben noch lieferte Brunel die bisher härtesten und vielleicht besten bewegten Video Bilder dieser Etappe, nun treibt das gelbe Boot stundenlang bei spiegelglattem Wasser im Gegenstrom vor der Ziellinie herum. Bekking schafft es einfach nicht, die Ziellinie zu erreichen.

Die Kurse der Boote vor dem Ziel. Die rote Linie von Dongfeng war nach an der gelben und weißen, dann treibt die Strömung das Boot wieder zurück zu Vestas.

Der Holländer könnte drüber lachen oder sein Schicksal verfluchen, denn der schöne Vorsprung ist dahin. Und gut acht Meilen vor dem Ziel segelt sogar Dongfeng vorbei. Der Segelsport zeigt der Öffentlichkeit wieder einmal sein anderes Gesicht. Die harte körperliche Leistung auf offener See steht dem Flautenpoker gegenüber. Scheinbar entscheidet nur noch Glück und Pech über die Resultate. Was für ein komischer Sport.

Die maximale Brutalität dieser Facette erlebt insbesondere Dongfeng. Skipper Charles Caudrelier mag insgeheim vielleicht so etwas befürchtet haben. Seine jüngsten Interviews klangen sehr zurückhaltend. Obwohl ihm der nicht für möglich gehaltenen Rückstand von Mapfre eigentlich perfekt in die Karten zu spielen schien. Er musste gar nicht gewinnen und konnte trotzdem einen echten Bigpoint im Kampf um den Gesamtsieg bei diesem Volvo Ocean Race machen.

Schlimmer konnte es nicht kommen

Caudrelier redete schon früh über den Druck und die Gefahr, alles wieder zu verlieren kurz vor dem Ziel. Wo man Selbstbewusstsein erwartet hätte nach einer starken Etappe klang es nun eher ängstlich. Aber wie alle Segler auf diesem Niveau hat er in seiner Karriere schon die extremsten Szenarien erlebt und weiß, wie schnell etwas Gewonnenes beim Regattasegeln zerrinnen kann. Schließlich ist ihm auf dem Bildschirm früh angezeigt worden, in was für ein Windloch die Flotte in Newport segeln würde. Dazu dann auch noch Gegenströmung – schlimmer konnte es nicht kommen.

Aber dass gerade Dongfeng so extrem leiden muss, war nicht vorherzusehen. Zum Ende der Etappe war das in der Gesamtwertung führende Team sogar an Brunel vorbei gesegelt und schien sich sogar den Bonuspunkt für den Etappensieg holen zu können. Der Vorsprung zu Mapfre wäre auf vier Punkte angewachsen.

7 Meilen vor dem Ziel liegt Dongfeng (rot) noch in Führung.

Aber das Bild ändert sich in wenigen Minuten. Beim Flautenpoker im Gegenstrom muss Dongfeng erst Brunel ziehen lassen, dann Mapfre. Und als wenn das nicht genug wäre, geistert im Nebel auch noch das Heimteam Vestas vorbei.

Glück und Pech?

Alles nur Pech? Die Profi-Segler werden sich gegen diese Feststellung wehren. Diese Momente der höchsten Konzentration bei geringster Bewegung gehören dazu. Auch in der Flaute müssen Entscheidungen getroffen werden. Und gerade die Einfahrt von Newport birgt schwierige Ecken, um die das Wasser herum strömt. Vermutlich konnten Charlie Engright und Mark Towell auf Vestas ihre lokalen Kenntnisse ausspielen.

Andererseits kam der Nebel dazu. Ohne Sicht sind Böen auf dem Wasser nicht zu erkennen. Die Teams segeln im Blindflug, und der Glücksfaktor wird dadurch noch einmal verstärkt. Immerhin kam der marginale Wind aus der Richtung des Ziels, und das erlaubt einem führenden Boot eigentlich effektiver, die Position zu verteidigen. Aber Caudrelier und seiner Crew hat das nicht geholfen. Unglaublich, wie sie immer wieder zurück auf See trieben, während die Konkurrenz davon zog.

Es wird schwer für Dongfeng, sich von diesem Tiefschlag zu erholen. Drei Punkte beträgt jetzt der Rückstand zu Mapfre. Und es ist noch nicht gelungen, eine einzige Etappe zu gewinnen. Vieles scheint sich gegen die Franzosen verschworen zu haben. Allerdings können sie immer noch auf den Bonus-Punkt hoffen, der am Ende für die schnellste Gesamtzeit vergeben wird. Da hat Mapfre nach seinem Kap-Hoorn-Stopp schlechte Karten.

Fies ist diese Etappe am Ende auch für Turn The Tide verlaufen. Das Team von Dee Caffari segelte vielleicht so stark wie noch nie bei diesem Rennen, und am Ende steht es wohl erneut mit leeren Händen dar. Kurz vor der Einfahrt nach Newport zieht noch AkzoNobel vorbei. Und es ist nicht davon auszugehen, dass sich das noch einmal ändert.

Die Gesamtwertung nach acht Etappen. Es fehlt noch ein Punkt für Scallywag.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

5 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Überholmanöver Meter vor dem Ziel – Mapfre gewinnt die achte Etappe“

  1. avatar A. Gommeringer sagt:

    Wer heute nicht live online zugeschaut hat – hey, es war wirklich der Hammer! Nach rund 11.000 Kilometern wird der bis dato Führende bei Nebel, Flaute und Gegenstrom ca. 100 Meter von der letzten Wendemarke überholt. Verglichen mit einem 42-km-Marathon ist das etwa eine Fußlänge, die der Sieger vor dem zweiten im Ziel einläuft. 16 Tage Racing auf dem Meer als Vorbereitung für letzten 500 Meter. Die Kommentatoren der Live-Sendung sprachen vom „River-Sailing“, das immer wichtiger wird. Ob das alle Segler toll finden?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Jonas sagt:

    So ein Zieleinlauf in einem Fluss entwertet die gesamte Leistung von 15 Tagen auf See zu einer Lotterie. Ocean Race…

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

  3. avatar eku sagt:

    Ich muss das erstmal sacken lassen …
    Ich liebe diese Schwachwindtüdelei (wenn das Wetter gut ist) und erinnere mich an zB das letzte SilverRudder wo es ähnlich lief.
    Eigentlich keine Ahnung, was ich denken soll, nur als ich heute Mittag die Liveübertragung sah, konnte ich kaum zusehen ohne zu “pusten” oder am Monitor das Image zu versuchen mit den bekannten Wischern zu bewegen…

    Grundsätzlich denke ich jedoch, dass beide Seiten (die Knüppelei und das super softe getüdel) zum Sport dazu gehören – letztlich ein gravierender Unterschied zu fast allen anderen Sportarten.
    Nicht zuletzt deshalb liebe ich diesen “Sport”

    Ja, da ist dann so manches “ungerecht”, “unsportlich”, etc: Nur was sagen wir alle, wenn der HSV am kommenden Wochenende nicht def absteigt (habe da selbst keine Präferenzen)? Ich denke die Regeln stehen vorher fest und das man sich an die Regeln hält gehört wohl ohne Widerspruch zu jedem Sport.

    Evtl war ja nur die Opfergabe einiger Teams zu klein (Mapfre hat bestimmt nen ganzes Faß Sherry (nicht nur 20L) geopfert – man muss für solche Bedingungen ja auch den Ballast los werden)

    Grüße
    eku

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

  4. avatar Peter Pongratz sagt:

    Ich mag auch Leichtwindsegeln. Unter 4 kn ist es aber nur noch Topfschlagen und hat nichts mehr mit Können zu tun. Das hat dann nichts mehr mit fairen Bedingungen zu tun, da es nicht mehr um taktische Fragen und Bootshandling geht, sondern um reines Glück.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

    • avatar Marc sagt:

      In der Statistik heben sich Glück und Pech irgendwann auf 🙂

      Es ist wie bei jeder Regatta. Die guten und erfolgreichen Segler sind trotzdem vorne.
      Im Fußball ist es wahrscheinlich auch Glück und mal Pech ob der Freistoß oder Schuß rein geht oder an die Latte. Da beschwert sich auch keiner das der Rasen nicht überall 100% gleich ist. So ist das halt auch mit dem Wind, Wellen, Strömung

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *