Volvo Ocean Race: Überraschungssieger und große Verlierer – Scallywag läuft auf Grund

Von Stars und Sternchen

Die erste Etappe des Volvo Ocean Races ist beendet, und das Ergebnis lässt die Spannung für den Verlauf des Rennens steigen. Vor dem Ziel spielten sich dramatische Szenen ab. Die Tops und Flops.

Am Ende wurde es doch noch einmal spannend. Der Vorsprung von Vestas zu Mapfre schrumpfte in der Flaute vor dem Ziel in kürzester Zeit von 34 auf 10 Meilen. Die Strömung aus dem Tajo schob das dänische Boot zeitweise sogar wieder aus See hinaus.

Die Sieger von Vestas. © esus Renedo/Volvo Ocean Race. 28 October, 2017.

Aber schließlich wurden auch die spanischen Verfolger von den Bedingungen gebremst. Es erging ihnen sogar noch schlimmer. In Sichtweite der Ziellinie blieb der Wind völlig aus, und die Mapfre-Crew musste tatenlos mitansehen, wie sich Dongfeng unaufhaltsam heranschob. Das finale Überholmanöver des ärgsten Konkurrenten schien gelingen zu können, doch schließlich hatte Rasmus ein Einsehen, schickte einen Windhauch und beließ das zweite rote Boot dann doch noch 15 Minuten achteraus.

 

Mapfre liegt wenie Meter vor der Ziellinie und Dongfeng kommt von hinten. © Ainhoa Sanchez/Volvo Ocean Race. 28 October, 2017.

So schob sich das Feld vor der Ziellinie zwar noch einmal dramatisch eng zusammen, aber spektakuläre Überholmanöver gelangen nicht mehr. Die Reihenfolge, die sich im Verlauf der ersten Etappe bildete, hatte Bestand.

Vestas Dominanz

Damit hat der Vestas Skipper mit dem überraschenden Sieg so aufgehört, wie er das vergangene Volvo Ocean Race beendete: an der Spitze. Vor zwei Jahren gewann Charly Enright mit Alvimedica die finale Etappe von Lorient nach Göteborg konnte damit aber nicht mehr als Rang fünf erreichen.

Der entscheidende Ausbruch von Vestas im Mittelmeer unter die spanische Küste.

Nun scheinen er und sein US-Kumpel Mark Towill mit Vestas deutlich besser aufgestellt, aber eine solche Dominanz, mit der sie den Auftakt beherrschten, konnte man nicht erwarten. Ein solch unbehelligter Durchmarsch mag auch in dieser Form nicht passieren. Denn es ist schwer zu glauben, dass Vestas von den beiden Platzhirschen Mapfre und Dongfeng so sehr ignoriert wird, wie nach nicht einmal einen Tag im Rennen.

Zusammen mit dem Underdog AkzoNobel suchte Vestas-Navigator Simon Fisher unter der spanischen Küste Wind und fand ihn auch, während der Rest des Feldes weiter südlich sein Glück versuchte. Mapfre und Dongfeng belauerten sich und lagen schnell 6 Meilen zurück und Vestas konsolidierte den Vorsprung mit zunehmend besseren Windbedingungen. Beide blauen Boote wurden mit mächtig Druck durch die Düse bei Gibraltar beschleunigt und Vestas zeigte danach ein solides Rennen.

Aggressiver Angriff

Mapfre (weiß) startet seinen risikoreichen Angriff im Norden.

Navigator Fisher, der schließlich schon Abu Dhabi zum Sieg bei der vergangen VOR-Auflage geführt hat, behielt die Nerven und ließ sich auch nicht von einem erstaunlich aggressiven und risikoreichen Mapfre-Angriff beirren. Als die große Flaute einsetzte, entfernten sich die Spanier als Zweite weit vom Feld, um Druck nach vorne zu machen.

Das hätte den Sieg bringen aber auch mächtig ins Auge gehen können. Ist das die neue Handschrift von Juan Vila? Der 55-jährige Spanier segelt 15 Jahre nach dem Sieg mit Illbruck und 27 nach seiner ersten von vier Whitbread/Volvo-Regatten um die Welt erstmalig wieder auf dem Navigator-Posten. Dazwischen war er intensiv mit dem America’s Cup beschäftigt, siegte 2007 mit Alinghi und verlor 2010 mit dem schweizer Riesen-Kat. Dann bastelte er im Design Team mit Oracle am zu langsamen Super-AC50-Foiler für Bermuda, war aber zwischenzeitlich 2012 auch schon auf “Banque Populaire” in Rekordzeit um die Welt gerast.

Star-Navigator Juan Vila muss bei Mapfre auch an der Kurbel ran. © Ugo Fonolla/Volvo Ocean Race

Vila ist einer der größten spanischen Segelstars, aber in den neuen Rhythmus der VO65 Einheitsyachten muss er sich noch einfuchsen. Für diese Etappe half schließlich überlegener Speed, der es einfach machte, AkzoNobel nahezu mühelos von hinten aufkommend zu überholen. Auf dem langen Vorwindkurs zur virtuellen Wendemarke blieb Vila vorsichtiger, hielt sich vor dem wohl wichtigsten Gegner Dongfeng und fuhr sicher und unspektakulär Rang zwei ins Ziel.

Vendée Globe Star an Bord

Dongfeng will diese Regatta mit aller Gewalt gewinnen und muss auch deshalb nicht mehr wie beim vergangenen Mal mit Gewalt unerfahrene chinesische Segler integrieren. So hat es nur noch Chen Jinhao ins Team geschafft. Dafür ist mit Jérémy Beyou aber ein weiterer Star der französischen Segelszene zum Team gestoßen. Der Vendée-Globe-Dritte erhöht die Zahl der Franzosen um Skipper Charles Caudrelier auf vier.

Zweikampf zwischen Mapfre (weiß) und Dongfeng (rot) im Mittelmeer.

Dass so etwas nicht immer gut funktioniert zeigt der Rauswurf von Michel Desjoyeaux beim Mapfre nach der ersten Etappe des vergangenen Volvo Ocean Races. Aber für Alarm an Bord  besteht bei Dongfeng kein Anlass. Rang drei ist solide, auch wenn der Auftakt wenig überzeugend verlief.

Nach starkem Start verlor sich Navigator Pascal Bidégorry, ex Skipper des Multi-Riesen und Rekordbrechers “Banque Populaire V”, in den Mittelmeer Halsen-Duellen und im Zweikampf mit Mapfre, passierte Gibraltar als Letzter und schien völlig von der Rolle. Erst kurz vor der Wendemarke Porto Santo half purer Speed beim Loslösen vom Feld und schließlich auch beim Einholen von AkzoNobel auf direktem Kurs. Schließlich machte sich doch die Trainingspartnerschaft mit Mapfre bemerkbar und die Erfahrung mit den besten Trimmeinstellungen aus dem vergangenen Rennen.

Das neue Vorsegel

Dabei ist nicht alles übertragbar. Denn zur erlaubten Segel-Garderobe ist ein neues 171 Quadratmeter großes Vorsegel gekommen. Mit der “J0” wir bei leichtem Wind gekreuzt und bei starkem Wind raumschots gesegelt. Alle Teams müssen lernen, wie genau das 3Di-Segel von North getrimmt und eingesetzt wird.

Den neuen Teams fehlen aber auch Daten zu dem Rest der Segel. Die meisten waren so spät dran mit der Meldung, dass sie die notwendigen Trimmfahrten bei unterschiedlichsten Bedingungen noch gar nicht absolviert haben können. So kommen die teilweise eklatanten Speed-Unterschiede zustande, die bei dieser Etappe bei speziellen Bedingungen aufgetreten sind.

Das hat besonders AkzoNobel erfahren müssen, die eigentlich genug Abstand hatten, um Rang zwei sichern zu können. Aber trotz früher Meldung bestätigen sich nun die Gerüchte, dass die Vorbereitung für das Rennen holprig gewesen sein muss. Das Skandal-Team konnte im Schlepptau von Vestas einen Lucky Punch im Mittelmeer setzen, dann aber mit dem Rumpf-Team nicht den Speed der Konkurrenz halten.

Simeon Tienpont

Simeon Tienpont. © Jesus Renedo/Volvo Ocean Race

AkzoNobel war mit Scallywag die einzige Crew, die nur zu acht segelte. Die Holländer taten dies allerdings ungeplant, da nach dem Abgang von vier Crewmitgliedern ein möglicher Spot frei blieb. In der Woche bis zum nächsten Start werden weitere Crew-Veränderungen erwartet. So ist der Skipper mit Rang vier sicher gut bedient. Aber die Leistung lässt für den Verlauf des Rennens nicht vier erwarten.

Männertörn-Truppe

Deutlich weniger war eigentlich von den Scallywag-Truppe um Skipper David Witty zu erwarten, die das Volvo Ocean Race bisher eher als ausgedehnten Männer-Törn von guten Kumpels zu sehen schienen. Von der überwiegend australischen Crew, die sonst den betagten 100-Fußer “Scallywag” (ex “Ragamuffin”) für das Sydney-Hobart-Race segelt, haben nur drei Segler Volvo Ocean Race Erfahrung.

Scallywag-Skipper David Witty hat Spaß.

Eine Frau wollten sie eigentlich gar nicht mitnehmen und lieber zu acht segeln. Aber dann ging Annemieke Bes bei AkzoNobel genervt von Bord und heuerte bei Scallwag an. Witty ist schon jetzt zum Sympathieträger geworden mit seinen Spaßvogel-Einlagen. Aber auch sportlich konnte das Team Akzente setzen. Lange Zeit hielt es sich auf Rang vier, konnte mächtig Druck auf Dongfeng ausüben, verlor dann aber den Zweikampf.

Die Scallywag-Truppe hat Spaß:

Kurz vor dem Ziel wurde es noch einmal knapp, als das Schiff in der Flaute von der Strömung auf Grund getrieben wurde. Witty ließ aus Rettungswesten eine Auftriebshilfe für den Anker bauen und Vorschiffsmann Luke Parkinson (gewann das VOR mit Abu Dhabi und segelte für Artemis im America’s Cup) schwimmend das Grundeisen ausbringen (Video). Daran zogen sie sich schließlich von den Steinen kamen immer noch eineinhalb Stunden vor Brunel ins Ziel.

Bekking und Burling als große Verlierer

Das gelbe Boot war der große Verlierer. Skipper Bouwe Bekking (55) betont. dass die Stimmung im Team gut sei. “Aber das Ergebnis ist frustrierend.” Besonders im zweiten Teil des Rennens habe der Speed gefehlt. “Im Moment wissen wir nicht, was das Problem ist. Aber dieses Rennen ist noch lang, das Team gut und wir konzentrieren uns darauf, wieder in Form zu kommen.”

Besonders hart muss es für den sieggewohnten Peter Burling gewesen sein. Er hat nach seinem Olympia- und America’s Cup-Sieg das Gefühl verlernt, auf einem langsamen Boot zu sitzen und kann sicher auch darauf verzichten. Aber er macht gute Miene zum bösen Spiel und sagt: “Es war ein großer Spaß. Wir haben einige Sachen wirklich gut gemacht. Aber es war hart, den richtigen Speed zu finden. Das war wirklich schade.”

Eigentlich hat Bekking als Vize-Meister beim vergangenen VOR ein vielversprechendes Team zusammen. Aber schon kurz nach dem Verlassen der Bucht von Alicante fielen die Mitfavoriten auf rätselhafte Weise bis auf den letzten Platz zurück. Sie holten auf mit einem gelungenen Schlag unter Land und gingen sogar in Führung. Aber beim Versuch, den Platz abzusichern, rutschten sie immer weiter achteraus bis auf Rang sieben plötzlich mehr als 40 Meilen zu Vestas fehlten.

Hoffen auf den Lucky Punch

Die Situation wurde im Verlauf kaum besser. Nur mit großer Mühe konnte zuletzt noch das Jugend-/Frauen-Team von Dee Caffari überholt werden das als einziges die Crewzahl von zehn (fünf Frauen, fünf Männer) ausschöpft.

Hoffnung macht die Erfahrung des Franzosen Nicolas Lunven, einem Figaro-Sieger, der zuletzt Mapfre als Navigator gedient hatte. Zusammen mit dem erfahrenen Schweden Martin Strömberg will Dee Caffari das junge Team puschen, aber mehr als der letzte Platz scheint in dieser Konstellation nicht möglich. Allerdings bietet diese Underdog-Position auch Chancen für Geniestreiche. Niemand der Gegner wird sich groß um Turn the Tide kümmern, wenn das Team als der Herde ausschert. Und der Speed scheint nicht so schlecht zu sein, wie man befürchten konnte.

Die erste Etappe hat gezeigt, dass die Hierarchie vielleicht doch nicht so festgemeißelt ist, wie zuvor befürchtet. Das macht Hoffnung auf spannende Verläufe der nächsten Etappen. So ist es Vestas gelungen, den Bonus-Punkt für den Etappensieg zu erlangen. aber Sonntag dem 5.11. wird es sich zeigen, ob dieser Erfolg von Dauer sein kann.

Ergebnisse Volvo Ocean Race 1. Etappe Alicante – Lissabon

1. Vestas 11th Hour Racing — FINISHED — 14:08.45 UTC
2. MAPFRE — FINISHED — 16:42.30 UTC
3. Dongfeng Race Team — FINISHED — 16:57:48 UTC
4. team AkzoNobel — FINISHED — 18:11:56 UTC
5. Sun Hung Kai/Scallywag — FINISHED — 18:57:44 UTC
6. Team Brunel — FINISHED — 20:29:00 UTC
7. Turn the Tide on Plastic – FINISHED – 20:36:52 UTC

Volvo Ocean Race – Standings following Leg 1
1. Vestas 11th Hour Racing — FINISHED — 8 points
2. MAPFRE — FINISHED — 6 points
3. Dongfeng Race Team — FINISHED — 5 points
4. team AkzoNobel — FINISHED — 4 points
5. Sun Hung Kai/Scallywag — FINISHED — 3 points
6. Team Brunel – 2 points
7. Turn the Tide on Plastic – 1 point

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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