Volvo Ocean Race: Vestas Skipper Nicholson über die dramatische Nacht im brechenden Boot

Wie konnte das passieren?

Interview mit Vestas Skipper Chris Nicholson:

Nach dem unfassbaren Auflaufen von Vestas beim Volvo Ocean Race auf dem Atoll vor Mauritius ist immer noch nicht klar, wie das passieren konnte. Skipper Chris Nicholson nimmt Stellung.

In der Nachbetrachtung des Vestas Unglücks wird nach wie vor die entscheidende Frage umgangen. Wie konnte das passieren? Navigator Wouter Verbraak wird aus der Schusslinie genommen. Dabei ist längst nicht klar, ob der navigatorische Fehler alleine ihm anzulasten ist.

Nicholson

Vestas Skipper Chris Nicholson erlebt eine schwere Zeit nach der Strandung mit Vestas. © Brian Carlin/Team Vestas Wind/Volvo Ocean Race

Im Interview mit dem Volvo Ocean Race Hauptquartier beschreibt Skipper Chris Nicholson die Schäden am Schiff. “Es ist nach dem harten Schlag erheblich beschädigt. Erstaunlich, dass es noch in einem Stück ist”. Vestas ist mit 19 Knoten Speed auf den Felsen gerast. Die Ruder sind heraus gebrochen, und Wasser drang in das Achterschiff ein. Der Kiel hatte sich zwischen den Steinen verkeilt.

Die Bombe brach ab

So verschlimmerte sich die Lage immer weiter, weil die Yacht von der Brandung  höher auf das Riff gespült wurde. Ein sicheres Verlassen des Schiffes war aber nicht möglich. “Etwa zwei Stunden vor Tagesanbruch brach die Bombe ab”, erzählt Nicholson. “Das Schiff holte weit über und dabei wurde  wahrscheinlich die Struktur des Heck schwer beschädigt. Dann begann auch noch das Deck zu knicken und das Schiff krängte weiter. So entschied ich, das Boot zu verlassen.”

Vestas aufgelaufen

Hoch und trocken. Vestas gibt ein trauriges Bild ab. © Amory Ross/Team Alvimedica/Volvo Ocean Race

Was muss das für eine Nacht gewesen sein?! Sieben Stunden saß die Crew in dem knirschenden, auseinanderbrechenden Schiff auf dem Felsen und wartete auf das Tageslicht. Und dann bestiegen sie doch die Rettungsinsel. 15 bis 20 Mal war der Skipper mit seinen Mannen den Vorgang des Verlassens der Yacht durchgegangen. Nie wollte er das in der Dunkelheit tun, und nun war er doch dazu gezwungen.

Das Manöver funktionierte. Dei Crew rettete sich zu einer trockenen Stelle. Sie holte Ausrüstung von Bord und sicherte unter anderem das Hydraulik-Öl, um keine Gefahr für die Umwelt zu werden.  Dann wurden sie von Einheimischen abgeholt und zu einem bewohnten Teil des Atolls gebracht.

20 Stunden Trip nach Mauritius

Am Dienstag hofft Nicholson, den 20 Stunden Trip nach Mauritius organisiert zu bekommen. Dort sei schon Shore Crew Manager Neil Cox vor Ort und versuche die Bergungsoperation für das Boot zu regeln. Die Zeit drängt. Die Schäden an dem VO65 werden durch die schlagenden Wellen immer größer.

Über die Gründe für das Auflaufen sagte Nicholson nichts. Vestas Chief Marketing Officer Morten Albæk erklärt: “Wir untersuchen den Unfall gerade und können noch nichts sagen. Aber trotzdem hoffen wir natürlich, irgendwie im Rennen verbleiben zu können.”

Die Kollegen der anderen Schiffe äußern sich verständnisvoll. Abu Dhabi Skipper Ian Walker sagt: “Als wir da vorbei kamen haben wir auch gesagt, dass es sehr einfach ist, die Felsen in der Nacht zu treffen. Gott sei Dank passierten wir das Hindernis bei Tag. Es ist sehr schwierig, es auf der elektronischen Seekarte zu identifizieren.”

Wouter Verbraak ist einer der besten Navigatoren der Welt. Er kennt sich mit den Grenzen der elektronischen Navigation aus, wie kaum ein anderer. Umso rätselhafter ist der Vorfall. Aufklärung könnte sich aus den Video-Aufnahmen von Bord ergeben. Aber viel Material soll beim überstürzten Verlassen des Schiffes vernichtet worden sein.

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Carsten Kemmling

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20 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Vestas Skipper Nicholson über die dramatische Nacht im brechenden Boot“

  1. avatar AbuDhabi must win the race! sagt:

    Wisst ihr wie man sich hier richtig viele Dislikes einhandeln kann.
    Man sagt einfach der Navigator wars 😀
    Bin ich eigentlich der einzige der sich fragt, wie man ein abgerissenes Heck repariert?
    Also Dranspaxen werden die das sicher nicht.

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    • avatar Luke sagt:

      mit Spax geht’s nicht… da brauchst du schon Gaffer-Tape!

      aber Spaß beiseite: Mich wundert ja schon, dass die Navigationsprogramme nicht selbstständig vor dem offensichtlichen Kollisionskurs mit der Untiefe warnen können. Immerhin sind die Riffe in den elektronischen Vektorkarten ja enthalten…

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      • avatar MNQ sagt:

        Ich hab mich schon öfter gewundert, dass mein eigenes Navi-System (Raymarine) beim Rauszoomen nicht immer die GERINGSTE Tiefe anzeigt, sondern manchmal die allgemeine Tiefe, bei der dann ein paar Flachs “unter den Tisch fallen” bzw. “das Boot trocken fällt”. Machen das alle Systeme so? Wäre ja sinnvoll, da eher pessimistische Angaben zu machen.

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      • avatar eku sagt:

        Können Sie! Muss bloß eingestellt sein.
        Die können vor so viel warnen und dabei richtig Radau machen, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht – deshalb werden die Alarme eben manchmal nicht eingeschaltet.
        Es gibt auch einen großen Unterschied zwischen “richtigen” Navigationsprogrammen und dem, was die div Chartplotter so hergeben. Das ist eigentlich nicht zu vergleichen auch nicht mit den EI..Anwendungen

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  2. avatar Projektleiter Alex sagt:

    Boris Herrmann hat da einige der Möglichkeiten gelistet:
    http://www.yacht.de/sport/volvo_ocean_race/boris-herrmann-zur-vestas-havarie/a94207.html

    Aber noch spannender ist für mich die Frage, kommt Vestas noch einmal zurück in das Rennen?
    Da scheint ja doch mehr kaputt zu sein und weiter zu kaputt zu gehen, bis ein Bergungsteam vor Ort ist.

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    • avatar hanswurst sagt:

      Da die nach Aussage von Nicho schon das Tauwerk und die Kabel ziehen würde ich sagen die retten so viel Hardware wie möglich und der Rest ist für die Tonne. Selbst wenn eine Reparatur möglich wäre, wer will den Bus denn noch fahren, eine Frage die spätestens vor der nächste Edition zu stellen ist

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    • avatar Hurghamann sagt:

      Ich wage mal die Prognose, dass Vestas nur zurückkommen kann falls irgendwo noch ein VO65 Rumpf verfügbar ist.
      Selbst wenn das Boot noch nicht völlig zerstört sein sollte, wird die Bergung, Transport und Reparatur soviel Zeit in Anspruch nehmen das die ungefähr in Lissabon wieder ins Rennen einsteigen können – das lohnt dann auch nicht mehr

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  3. avatar Heinrich sagt:

    Von mir aus, leihe ich dem Team Vestas mein Heck. Aber nur bis zum Saisonanfang und nur wenn Sie es nicht auch kaputt machen!

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    • avatar Schlauschnacker sagt:

      ,,we probably lost the back of the Boat” heißt jetzt nicht das das Heck abgerissen ist sondern eher das das Boot die Längsstruktur verloren hat und durchbricht wie es Berni Stamm passiert ist. Du müsstest also eher deinen ganzen Rumpf verleihen. Also wenn du noch irgendwo nen VO65 Rumpf im Schuppen hast bist du gerad nen ziemlich begehrter Typ.
      So denn.

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  4. avatar AbuDhabi must win the race! sagt:

    Klasse Heinrich, jetzt wissen alle das du ein Boot hast!!

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    • avatar AbuDhabi must win the race! sagt:

      Heckleihen…ich verstehe die Welt nicht mehr.
      Wenn Heinrich Vestas das Heck leiht,
      dann ist das wie als würde Angela Merkel Heidi Klum den Ar..h leihen 😀

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  5. avatar Hannes sagt:

    Wieviele Rümpfe wurden eigentlich gebaut? War da nich noch einer übrig? Das wäre doch mal ein Paradebeispiel um alle Vorteile einer Einheitsklasse aufzuzeigen.

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    • avatar C.H. sagt:

      Ich glaube, der “übrige” ist genau der von Vestas, den die sich kurz vor Start vermutlich günstig geschossen haben.

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    • avatar Chris sagt:

      Eben, Hannes!
      Hab ich mich auch gefragt. Wenn man viel Hardware retten könnte, das Rig scheint ja auch (noch) intakt zu sein, sollte doch mit nem neuen Rumpf und ein bisschen bootsbauerischem Erfindungsreichtum ein anständiges Schiffchen zusammengebastelt werden können.
      Ich persönlich hoffe nur, dass das nicht das Aus für das ehemalige SR- Lieblingsteam ist (jetzt hat SCA ja die Führung in der Abstimmung übernommen).
      Grüße aus dem Süden
      Chris

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  6. avatar dubblebubble sagt:

    Ich fürchte man wird sich seitens Vestas auf Computer und Elektronikfehler berufen müssen um das Gesicht zu wahren. Da kann sich dann jeder selbst seinen Reim darauf machen.

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  7. avatar Sven 14Footer sagt:

    Im Vorletzten Rennen wurde der Ericcson 3 in Taiwan (während der Etappe nicht in einem Etappenhafen) eine neue Bugsektion verpasst. Die haben dann die Etappe noch beendet und das rechtzeitig vor dem nächsten Start.
    Gut ein Heck mit Ruder ist sicherlich komplexer als eine Bugsektion aber machbar ist heute Vieles. Das auch kurzfristig. Etappe Nr. 3 wird wohl nicht machbar sein, aber danach erwarte ich Vestas wieder an der Startlinie.

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    • avatar Hannes sagt:

      Wenn das schon soweit ist das die Kielbombe abgebrochen ist möchte ich nicht wissen wie der Rest aussieht. Vestas wird nicht mit diesem Boot zurückkommen! Allein schon die Bergung ,,am Stück” sprengt wahrscheinlich das Budget.

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  8. avatar Schnappi sagt:

    Da MUSS wohl mit nem neuen Rumpf und mächtig Druck rangegangen werden …

    ^^

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  9. avatar Maxi sagt:

    Als Bootsbauer sage ich das das Boot schon reparierbar ist.Selbst ein so großer Schaden ist durch aus zu bewerkstelligen. Dadurch das für alle Bauteile Formen zur Verfügung stehen kann man selbst größere Sektionen relativ schnell reproduzieren.
    Die alles entscheidende Frage ist wie schnell die das Boot von dem Riff runterbekommen, und ob Sie weiter machen wollen. Wenn ja wäre zu überlegen wo man das Boot reparieren lässt. Geht man nach Neusseland oder Brasilien oder USA damit man schonmal auf dem Richtigen Kontinent oder Teil der Welt ist um wieder einsteigen zu können.

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