Volvo Ocean Race: Das Mann-über-Bord-Manöver – Glücksgriff nach Verzweiflungstat

Wechselbad für Witt

Eine irre Geschichte, die das Scallywag-Team in den vergangenen Wochen beim Volvo Ocean Race im Zeitraffer erlebt hat. Vom gescholtenen, chancenlosen Underdog zum gefeierten Comeback-Team kurz vor dem Super-GAU.

Endlich Wind. Auch bei der Abkürzung für das Scallywag-Team. © Konrad Frost/Volvo Ocean Race

Scallywag-Skipper David Witt erlebt gerade mit seinen Mannen eines der extremsten Wechselbäder, die dieser Sport zu bieten hat. Zurzeit liegt er sensationell in Führung und wagt es kaum, sich darüber zu freuen. Denn in den vergangenen Tagen gab es auch so viele Tiefen, dass er sich nun schon fast in unmittelbarer in Erwartung des nächsten Rückschlags befindet.

Dabei kann eigentlich nichts mehr passieren. Zwar sind noch fast 2000 Meilen zu absolvieren, aber alle Vorhersagen prognostizieren ein stabiles Windfeld bis zum Ziel in Hong Kong und einen Vorsprung von mindestes 40 Meilen für das Heimteam. Zurzeit liegt Scallywag fast 80 Meilen vorne und hat gerade mit 510 Meilen den besten 24-Stunden-Schnitt erreicht.

Lustig aber langsam

Aber diese Situation ist wahrlich unglaublich angesichts der jüngsten Geschichte des bröckelnden Teams. Erst schienen die Scallywags diese Regatta als Möglichkeit für einen spannenden Männertörn misszuverstehen. Witt brüstete sich als einziger der sieben Skipper, keine Frau an Bord nehmen zu wollen unterschätzte aber den technischen Vorteil, mit einer Person mehr – und der für sie mit an Bord genommen Ausrüstung/Verpflegung – auch Gewicht nach Luv stauen zu können.

Wet and wild rast Turn the Tide dem Feld hinterher. © Brian Carlin/Volvo Ocean Race

Dann segelte er auf den ersten Etappen Bord an Bord mit Turn The Tide meist chancenlos hinterher und kreierte eine eigene Form on-Board-Berichterstattung, bei der Witts spezieller Humor zum Tragen kam. Er schien sich mit der besonderen Rolle zu arrangieren: Lustig aber langsam.

Dann unterschätze er die Tücken des Internets und die damit verbundene Öffentlichkeit, die ihm nach einem Video eine erstaunliche Debatte wegen sexueller Belästigung einbrachte und viel Energie kostete. In deren Verlauf verlor er den Navigator Steve Hayles, mit dem er diese Kampagne vorbereitet hatte. Das fragliche Video soll nicht der einzige Grund für die Trennung gewesen sein.

Frau auf der Schlüsselposition

Damit war es mit der schönen Männertörn-Atmosphäre vorbei. Auch der nächste Navigator Antonio Fontes ging nach nur einer Etappe von Bord, und nun nahm der vermeintliche Frauen-Hasser mit Libby Greenhalgh ausgerechnet auf der Schlüsselposition eine Navigatorin an Bord.

Libby Greenhalgh bei der Arbeit. © Konrad Frost/Volvo Ocean Race. 14 January, 2018.

Die Britin, deren einer Bruder Rob bei Mapfre segelt während der andere (Pete) viermal die Extreme Sailing Series gewonnen hat,  hatte schon mit dem SCA-Team das vergangene Volvo Ocean Race absolviert. Dabei waren ihre Möglichkeiten beschränkt, ihre tatsächliche Leistungsfähigkeit im harten Wettbewerb zu zeigen.

Bei der aktuellen Etappe hielt sie an den ersten beiden Tagen, die von kleinräumigen Halsen-Duellen unter der australischen Küste dominiert wurden, das Boot gut im Rennen. Aber am dritten Tag, als die Strömung eine große Rolle spielte, geriet Scallywag mit einem Mittelweg zwischen einer West- und Ost-Option klar ins Hintertreffen und lag plötzlich 60 Meilen hinten. Nach einer Woche summierte sich der Rückstand auf mehr als 100 Meilen.

“Einfach Idioten”

In der Flautenzone der Doldrums gelang das nicht für möglich gehaltene Comeback. Teilweise lag das gesamte Feld in Sichtweite. Aber mit einem West-Schlenker verpassten Witt und Co wieder den Anschluss und verloren in einer Dauer-Flaute.

Der Skipper sagt daraufhin: “Wir haben das selbst zu verantworten. Es ist kein Pech. Wir waren einfach Idioten. Wir haben es nicht verdient, vorne zu sein. Ich habe nun die Sorge, dass man in dieser starken Flotte keine zweite Chance bekommt, wenn man 100 oder zuletzt 30 Meilen aufgeholt und sie wieder verloren hat.”

Er lässt offen, ob er sich über sich selber ärgert oder seine neue Navigatorin. So genervt hat man den Australier jedenfalls zuvor nicht vor der Kamera gesehen. Das Rennen war klar verloren. Der frische Wind kam von Nordosten, und Scallywag dümpelte südwestlich der Flotte.

Verzweiflungstat

In dieser Phase entschied sich das Team zu einer Verzweiflungstat. Schlechter als Letzer konnte man nicht mehr werden. Also einfach direkt auf den Heimathafen zuhalten. Fast alle Routenprogramme rieten von diesem Weg ab, aber Scallywag segelte einfach drauflos.(Scallywag Power-Video)

Es funktionierte: Schnell zeigte sich, dass in der Mitte Turn The Tide, Brunel und erstaunlicherweise auch Mapfre stehen bleiben. Aber dann kam auch die gut 100 Meilen weiter nördlich segelnde Dreier-Gruppe, die sich komfortabel in Führung wähnte nicht mehr an Scallywag heran.

Alex Gough (24) ist froh, wieder an Bord zu sein. Er handelte sich ärgerliche Worte vom Skipper ein.
© Konrad Frost/Volvo Ocean Race

Witt nimmt das Wort vom Glück nicht in den Mund. Er sagt: “Die Entscheidung beruhte auf einer Balance aus Informationen von Wetterdaten und dem, was man direkt voraus sieht.” Und vermutlich kann er selber nicht glauben, wo er sich gerade im Feld befindet.

Witt schimpft nach MOB-Manöver

Aber wie gefährlich es ist, euphorisch zu sein, zeigt der Vorfall vom Wochenende. Der 24-jährige australische Neuling wollte eine verhedderte Leine am Outrigger lösen, kletterte ungesichert bei 20 bis 25 Knoten Speed über die Reling und ging über Bord.

Skipper Witt schimpfte später: “Er hätte mir am Steuer wenigstens Bescheid sagen sollen, was er vorhat.” Er schrieb dann von Bord: “So schnell kann man eine Führung verlieren.” Aber ihm ist auch bewusst, dass noch viel mehr auf dem Spiel stand. So schnell kann man ein Crewmitglied verlieren.

Denn trotz bester Bedingungen bei warmem Wasser und bester Sicht mit hoch stehender Sonne, fehlte nicht viel, dass Gough nicht gefunden worden wäre. Nicht nur, dass er in der Hitze auf Rettungsweste und Lifebelt verzichtete, so wie es alle Crews tun. Er trug auch keinen persönlichen Sender dafür aber schwarze Kleidung, die ihn im tiefblauen Pazifik  fast unsichtbar machte.

300 Meter entfernt

Er konnte schließlich nur entdeckt werden, weil er seinen Arm hoch in die Luft hob. Sieben Minuten dauerte es nur, bis Gough wieder an Bord war. “Aber diese sieben Minuten fühlten sich an wie eine halbe Stunde”, erzählt die Navigatorin. “Und die Hälfte der Zeit konnten wir Alex nicht sehen.

Sie schlief, als der Ruf ertönte, war aus der Koje gesprungen und hatte den MOB-Knopf am Computer gedrückt. “Das war etwa 30 Sekunden vor Rettungshilfen ins Wasser geworfen wurden. Da war Alex etwa 300 Meter entfernt.” Im Moment der Rettung war  Gough schon gut 100 Meter von der Position vertrieben, wo der Alarm ausgelöst wurde.

Mapfre hängt hinterher. © Ugo Fonolla/Volvo Ocean Race

Man mag sich nicht ausdenken, wie es auch hätte ausgehen können. Hilfe war weit entfernt. Der Rest der Flotte segelte 60 bis 180 Meilen achteraus. Und bei einbrechender Dunkelheit wäre der junge Mann, der sich durch drei Sydney-Hobart-Teilnahmen für Witts Team qualifizierte, kaum zu finden gewesen.

Wettkampf um Rang zwei

Aber es ist noch einmal alles gut gegangen. Und nun surft das Scallywag-Team einem rauschenden Sieg entgegen. Ob noch etwas passiert? Was für eine Geschichte, die so wohl nur dieses Rennen schreiben kann.

Sportlich spannend ist es nun im Kampf um Rang zwei. Denn jetzt können Vestas und Dongfeng punkten gegenüber Mapfre. Für die in der Gesamtwertung führenden Spanier wird es mit einem Rückstand von 80 Meilen auf die viertplazierte Dongfeng schwierig, noch etwas zu holen.

Volvo Ocean Race Tracker

Vestas schien aus dem Trio etwas rauszufallen, als sie plötzlich gen Süden halsen mussten. Der Schlenker kam zustande durch eine kleine Insel im Weg. Aber der erzwungene Schlenker hat sich inzwischen als zielführend herausgestellt.

Ooops. Vestas macht auf dem Tracker einen Halsen-Schlenker nach Süden. Das ist der Grund…

Der Kurs zum Etappenziel liegt an.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *