Volvo Ocean Race: Wie gewonnen, so zerronnen – Brunel haut es auf die Seite

"Ich flog aus dem Bett"

Die Volvo-Ocean-Race-Crews haben psychologisch besonders harte Moment zu überstehen. Das Feld ist in 48 Stunden komplett durcheinander gewirbelt. Es gibt große Verlierer und Gewinner.

Nur eine Wolke machte den Unterschied. Turn The Tide-Skipperin Dee Caffari mochte es nicht glauben. Gleich vier Boote zogen vorbei. In nur fünf Stunden drehte sich eine 12 Meilen-Führung auf AkzoNobel in einen Rückstand von drei Meilen um und erweiterte sich auf 16 Meilen. Das kurze überraschende Gastspiel an der Spitze ist beendet.

Volvo Ocean Race

Eine der entscheidenden Regenwolken. © Brian Carlin/Volvo Ocean Race

“Das Radar-Bild zeigte uns diese Gewitterzelle mit viel Energie”, schreibt Caffari. “Sie umgab uns fast die ganze Nacht mit Blitzen. Als sie dann über uns hereinbrach, war es irre. Noch mehr Blitze, sintflutartiger Regen und der Wind drehte in allen Stärken in alle Richtungen. Dann wurde das Boot voll getroffen. Alle Systeme fielen aus und mussten neu gestartet werden. Genau das braucht man nicht, wenn ohnehin überall schon Chaos herrscht.

Der Unterschied von fünf Stunden. Turn The Tide (hellblau) liegt klar vorne…

…Dann geht doch im Osten die Post ab und vier Boote ziehen vorbei.

Das Ergebnis dieser verrückten Wolken-Action: Im Ranking rutschten wir vom Hero to Zero. Es gibt wieder etwas Arbeit. Sie sind zwar noch in Sicht, aber leider kontrollieren wir sie nicht mehr.”

Brunel liegt 45 Grad auf der falschen Seite

Die Geschichte von Bouwe Bekking auf Brunel hört sich ähnlich an. “Gemischte Gefühle gerade auf Brunel. Wir hatten gestern einen exzellenten Tag und waren plötzlich wieder in Sichtweite zu den anderen. Aber dann haben wir alles verloren in einem heftigen Gewittersturm.

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Waschtag auf Turn The Tide. © Brian Carlin/Volvo Ocean Race

Ich flog aus dem Bett, als der Wind in der Nacht plötzlich um 90 Grad drehte. Der große Code Zero war auf dem Amwindkurs gesetzt, und er schlug back. Das Großsegel drückte gegen das alte Luv-Backstag und wir krängten mit dem Kiel auf der falschen Seite gut 45 Grad. Es dauerte gut eine Minute, bis der Code Zero eingerollt war und wir das neue Backstag festgesetzt hatten. Danach musste Kyle am Steuer die Orientierung auf dem neuen Kurs finden, und es ging weiter.” Der Vorfall ist im Video zu sehen. Viel schlimmer für Brunel waren aber die folgenden Minuten.

Mapfre lag nur etwa zwei Meilen in Lee zurück, und die Brunel-Crew konnte im Dunkeln die Taschenlampen sehen, mit denen die Segel angeleuchtet wurden. Dann rasten die Spanier mit 15 Knoten Speed von hinten vorbei.

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Vestas und AkzoNobel an der Spitze. Sie haben den frischeren Wind zuerst bekommen. © Amory Ross/Volvo Ocean Race

“Wir hatten dagegen gar keinen Wind mehr. Das ist ein fürchterliches Gefühl. Nach 30 Minuten waren sie außer Sichtweite.” Und nun liegt Mapfre 36 Meilen voraus.

“Wir waren einfach Idioten”

Pech und Glück liegen in dieser Phase des Rennens eng beieinander. Aber Scallywag-Skipper David Witt lässt das nicht gelten. Er ist vollkommen frustriert (Video). Denn auch sein Team lag nach vielen Meilen am Tampen mit bis zu über 100 Meilen Rückstand plötzlich wieder gleichauf mit dem Feld.

Scallywag (grau) und Brunel (gelb) waren wieder dran am Feld, aber dann ging doch im Osten die Post ab.

“Wir haben das selbst zu verantworten. Es ist kein Pech. Wir waren einfach Idioten. Wir haben es nicht verdient, vorne zu sein. Ich habe nun die Sorge, dass man in dieser starken Flotte keine zweite Chance bekommt, wenn man 100 oder zuletzt 30 Meilen aufgeholt und sie wieder verloren hat.”

Das Rennen um den besseren Wind im Norden scheint entschieden. Vestas und AkzoNobel haben es gewonnen. Aber auch Dongfeng lauert nur knapp dahinter. Können die Führungsboote jetzt im frischeren Wind entscheidend davon ziehen? Bleiben sie so weit in Schlagdistanz, dass Mapfre mit seinem Bootspeed noch ein weiteres Comeback gelingt?

Dieses Volvo Ocean Race sorgt für mehr Überraschungen, als man es zuletzt erwarten konnte.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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