Volvo Ocean Race: Wie Mapfre den Sieg verschenkt – Langes Zögern bringt die Entscheidung

Hätte, hätte, Fahrradkette

Wie Mapfre das Volvo Ocean Race verloren hat. Ein Wetterexperte zeigt auf, dass die Routenwahl auf der letzen Etappe für die Spanier nicht so entscheidend war, sondern wie sie zustande gekommen ist.

Fernandez und Bekking

Fernandez und Bekking, zwei Verlierer unter sich, die dennoch viel geleistet haben. © Maria Muina I MAPFRE

Es ist nach wie vor kaum zu glauben, dass das spanische Favoriten-Team dieses Volvo Ocean Race nicht gewinnen konnte. Mapfre lag bei dem 45.000-Meilen-Marathon schon so komfortabel in Führung, dass dieses Rennen drohte, langweilig zu werden.

Dann kam der Rückschlag durch eine berstende Mastspur vor dem Kap Hoorn. Fortan musste der Voliekstrecker so dicht gezogen werden, dass in der Folge das Großsegel überlastet wurde, und schließlich riss. Xabi Fernandez hatte noch Glück im Unglück, weil er durch die Ausfälle von Scallywag und Vestas dennoch punkten konnte, und nach dem wundersamen Flauten-Finish-Sieg in Newport schien der Weg zur Krönung wieder deutlich voraus zu liegen. Aber die Atlantik-Etappe lief überhaupt nicht gut. Mapfre schaffte es wieder nicht, den Sack zuzumachen.

Ob das schließlich an den Nerven gezehrt hat? Ging irgendwo auf dem Weg um die Welt der Glauben an den Sieg, das Selbstbewusstsein verloren? Das lässt jedenfalls der Verlauf der letzten Etappe vermuten, die in ihrer Dramaturgie annähernd die Höhen und Tiefen der gesamten Regatta für Mapfre nachzeichnet.

Nie haben die Spanier so gepatzt bei einem Start, der viel wichtiger war als die anderen zuvor. Sie gingen mit Abstand als Letzte über die Linie. In solchen Situationen setzt sich schon mal im Kopf fest, dass möglicherweise diesmal nicht alles so dominant verläuft, wie es angesichts der Leistungsfähigkeit der Crew müsste.

Xabi Fernandez

Mapfre-Skipper Xabi Fernandez gibt sich gelöst trotz der hartenb Niederlage. © Ainhoa Sanchez/Volvo Ocean Race

Aber dann gelingt es Fernandez und Co doch noch, im Klein-Klein auf der Ostsee den gewohnten Führungsanspruch durchzusetzen. Dongfeng ist geschlagen. Wenn Mapfre ebenfalls den schmnalen Korridor unter Land wählt, bleibt Caudrelier fast keine Chance für ein Überholmanöver.

Die Konkurrenz teilt sich auf

Doch die Konstellation ist fies. Für ein in Führung liegendes Boot, ist es immer das Schlimmste wenn sich die Konkurrenz dahinter aufteilt. Gegen wen soll man absichern? Eigentlich war Mapfre gerade in diesem Strategie-Spiel der Risiko-Abwägung bisher immer sehr stark. Besonders in der kleinen Onedesign-Flotte kommt dem Abdecken und Weg-Blockieren eine große Bedeutung zu. Navigator Juan Vila ist als America’s Cup-Gewinner (2007 mit Alinghi) in dieser Denke besser geschult, als alle Kollegen. Diesmal resultiert daraus jedoch eine Schwäche.

Der späte Moment, als Mapfre (weiß) abbiegt, und die Kontrolle von Dongfeng (rot) aufgibt.

Mapfre gibt das Rennen aus der Hand. Dongfeng siegt nicht, weil das Team eine großartige Wetter-Entscheidung getroffen hat, sondern weil der Gegner einen großen Fehler macht: Er zögert zu lange. Aus der spät nach Osten abknickenden Kurslinie der Spanier mag man ableiten, wie oft Vila neue Berechnungen durch den Computer gejagt hat. Welche Option – West oder Ost – würde schneller sein. Aber alle Routing-Optionen liegen im Endergebnis nahezu gleichauf.

Der Volvo-Ocean-Race-Wetterexperte Mark Chisnell erklärt: “Genau für solche Situationen sind Routing-Programme eigentlich gemacht. Aber sie basieren eben auf Vorhersagen. Und in diesem Fall war für beide Optionen immer ein knappes Ergebnis prognostiziert mit nur wenigen Minuten Unterschied.”

Welchen Gegner kontrollieren?

So geht es für Mapfre auch darum, wen es für den stärkeren Gegner hält, den man kontrollieren will . Nach dem Lauf, den Brunel auf den vergangenen Etappen gezeigt hatte, und dem direkten Überholmanöver, das Bekking auf dem vergangenen Abschnitt gelungen war, scheint die Antwort klar.

Der maximale Split zu Dongfeng ist erreicht, aber Brunel und AkzoNobel rutschen Mapfre in Luv durch. Der späte Schlenker hat sechs Meilen gekostet, die später fehlen.

Aber der Holländer entschied sich nicht aus eigenen Stücken für den Split nach Osten. Er lag hinten und musste angreifen. Es war an der Zeit, ein Risiko in Kauf zu nehmen, wenn er noch eine Chance haben wollte. Dongfeng dagegen folgte der Prognose und dem Plan, den schon die Analysen an Land gebracht hatten.

Mapfre bog im letzten Moment doch noch nach Osten ab. Und es ist eine besondere Wende des Schicksals, dass nicht die Entscheidung als solche falsch war, sondern nur der späte Zeitpunkt.

Chisnells Berechnungen haben ergeben, dass der später Schlenker sechs Meilen gekostet hat. Durch den spitzeren Winkel segelte das Fernandez-Team langsamer als AkzoNobel und Brunel und musste beide passieren lassen. Das ist extrem frustrierend gewesen, denn als führendes Boot sollte man nach der schwierigen Entscheidung wenigstens eine Gruppe anführen. Aber nun ziehen sogar beide Seiten vorbei.

Der Wind dreht zu stark nach links

Umso bemerkenswerter ist es, dass Mapfre noch einmal Brunel überholen kann und damit das Rennen wieder unter Kontrolle bekommt. Und auch nach der scharfen Kurve Richtung Ziel sieht es noch gut aus für das rote Boot. Bei einer Windrichtung von 340 bis 350 Grad sollte der Kurs zur letzten Wendemarke unter Land nahezu zum Anlieger werden. Aber der Wind dreht gut 20 Grad nach links und der schnelle direkte Kurs wird zum platten Vorwind-Gang. Er beinhaltet für Mapfre insgesamt neun Halsen, die einen VO65 auch nicht gerade beschleunigen. Das Duell mit Brunel kostet.

Mapfre hat links wieder die Führung übernommen, und die Aussichten für einen nahezu direkten Kurs zur Marke sind bestens.

Fernandez schiebt den Fehler nicht auf eine falsche Wetter-Prognose. “Wenn der Wind um 20 Grad anders weht als vorhergesagt, heißt das nicht, dass der Wetterbericht nicht stimmt. Denn so genau sind sie nie. Trotzdem sind sie entscheidend, wenn es am Ende um die Differenz von wenigen Meilen geht. Aber dieser Fall ist nicht zu vergleichen mit den Vorhersagen in den Doldrums und im Pazifik. Da kann man ihnen wirklich überhaupt nicht trauen.”

Aber der Wind dreht 20 bis 30 Grad weiter nach links als vorhergesagt. Mapfre halst neunmal und verliert.

Am Ende ist es für den Skipper aber besonders ärgerlich, dass die Winddrehung eigentlich gar nicht so sehr für die Niederlage verantwortlich war, sondern das lange Zögern. Wäre das Mapfre-Team früher auf die Ost-Route eingeschwenkt und hätte sich den sechs-Meilen-Verlust gespart, wäre es vor Dongfeng ins Ziel gekommen. Deren Vorsprung im Ziel betrug schließlich vier Meilen.

Aber so funktioniert der Segelsport nicht. Hätte, hätte, Fahrradkette – im Nachhinein lässt sich immer gut analysieren, wie man besser entscheiden könnte. Die Situationen sind aber so unterschiedlich, dass es schwer ist, schablonenartig zu denken. Eine Mini-Entscheidung gab den Ausschlag, und die ging im Fall von Mapfre daneben.

Xabi Fernandez wird sich ärgern, aber er kennt das Spiel, und genau das macht es aus. Er lässt sich nach dem Ziel keinen großen Frust anmerken. “Ich würde sofort am Tag danach bei einem neuen Volvo Ocean Race mitmachen. Und ich werde es definitiv noch einmal versuchen. Ich weiß nicht wann und mit wem, aber dennoch, ich versuche es noch einmal.”

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

2 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Wie Mapfre den Sieg verschenkt – Langes Zögern bringt die Entscheidung“

  1. avatar Peter Klingmüller sagt:

    Wie Tim Kröger sagte:Abgerechnet wird im Ziel.Schon lange war ich nicht mehr so fasziniert vom Volvo Ocean Race-vielleicht weil Teile des Reviers bekannt und weil der Faktor Mensch und die Erfahrung zu navigieren eine -in diesem Fall über den Sieg-entscheidende Rolle spielt!!!
    Hatte leider keine Zeit ,wäre aber gern am Ziel und mit jungem Matjes und Bier dabei gewesen-alles lecker!

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Tom sagt:

    Osten, Oosten, oder doch Westen? … hmm … wahrscheinlich eine Himmelrichtungslegasthenie oder -anomalie in der Nordsee … 😉

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *