Weymouth Weltcup: Philipp Buhls Final Thriller – neue deutsche Siegermentalität

Buhl bleibt cool

Philipp Buhl hat beim ISAF Weltcup auf dem Olympiarevier 2012 vor Weymouth in einem extrem spannenden Medalrace die Goldmedaille geholt.

Philipp Buhl

Philipp Buhl feiert mit seinem Coach Thomas Piesker. © on Edition 2015

War es das? Beim Zieldurchgang ist sich Buhl noch nicht sicher. Zu eng war der Einlauf. Und was hat der Kroate hinten gemacht? Lag er weit genug zurück?

Dann geht der Daumen von Coach Thomas Piesker auf dem Motorboot hoch. Buhl strahlt. Der geschlagene Aussie mit dem blauen Leibchen segelt vorbei und klatscht ihn ab. Buhl reißt die Arme in die Luft.

Wieder einmal. Dem Sonthofener Philipp Buhl ist im vorolympischen Jahr 2015 nach Miami und Palma der dritte große internationalen Sieg geglückt. Fast im Alleingang sorgt er dafür, dass die Farben schwarzrotgold im internationalen Segelsport für eine neue Siegermentalität stehen.

Deutschlandflagge rausgekramt

Er umarmt den Coach, kramt kopfüber in den Tiefen des Motorbootes herum und zupft eine Deutschland-Flagge heraus. Die gehört für den Lasersegler inzwischen zum Standard-Equipment. Wer weiß, wann die nächste Feierstunde fällig ist.

So einen Segler hatte der deutsche Segelsport schon lange nicht mehr. Einen, dem beim  dramatischen Weltcup-Finale in England nicht die Nerven versagen. Einen, der die direkten Konkurrenten nieder ringt, wenn es spitz auf Knopf geht.

Die Entscheidung in England fällt erst an der letzten Leetonne vor dem Anlieger ins Ziel (Live Replay). Bei neun Knoten Wind hat Buhl einen starken Vorwindkurs hingelegt und ist als Vierter arg auf den vor ihm liegenden Neuseeländer und Australier aufgefahren.

Dabei sitzt ihm der junge 19-jährige Aussie Matthew Wearn im Nacken. Der versucht Buhl von hinten abzudecken und zu bremsen. Denn sollte der Deutsche noch ein Boot überholen, wäre Wearn in der Gesamtwertung geschlagen.

Philipp Buhl

Die letzte Leetonne. Buhl schiebt sich knapp in der Außenkurve an dem Australier Burton vorbei.

Buhl bleibt cool. Er zieht an dem Weltranglisten-Ersten Tom Burton vorbei. Aber reicht es, um die Innenposition an der letzten Marke zu bekommen? Mit zwei perfekten Rollhalsen beschleunigt er noch einmal bei der Rundung in der Außenkurve und zieht in Lee am Kontrahenten vorbei. Der bleibt vor seinem australischen Team Kollegen und spielt damit unglücklich das Zünglein an der Waage zu Gunsten von Buhl.

Der ist als Dritter in das Medalrace gegangen und hat schon auf der Startkreuz  das Duell mit dem führenden Kroaten Tonci Stipanović gewonnen (Start des Medalraces Live-Übertragung). Beide segeln einsam auf die rechte Seite aber nur Buhl kommt durch. Mit besserem Speed bricht er in Lee durch und zwingt den Gegner zur Wende. Davon erholt sich Stipanović nicht mehr und wird schließlich siebter. Das ist Bronze für den Olympia-Vierten.

Philipp Buhl

Der letzte Anlieger zum Ziel. Buhl hat es geschafft ein Boot zwischen sich und den Australier Wearn auf Rang 5 zu bringen. Das ist der Gesamtsieg.

Dabei ist das Aushängeschild der deutschen Segel-Nationalmannschaft überaus mühsam in die Rennwoche gestartet. Gegen die 40 besten Lasersegler der Welt von denen aus der Spitze nur Robert Scheidt und die starken Niederländer fehlen, leistet er sich schon im zweiten Rennen als 28. seinen Streicher.

Extremschlag im Strömungsrevier

Obwohl auf Platz acht die erste Luvtonne gerundet geht erst die Vorwindstrecke in die Hose und dann der Extremschlag der zweiten Kreuz auf die rechte Seite. Er hat das schwierige Strömungsrevier noch nicht richtig gelesen

Aber Buhl steckt das weg, startet eine solide Serie mit 3/(28)/7/3/7/10/3/3 und siegt schließlich in der Gesamtwertung, ohne ein Rennen gewonnen zu haben. Ein starker Coup. Er bringt den Respekt der Konkurrenz – die halbe Miete für die angepeilte Medaille in Rio.

Das Ergebnis zeigt, wie selbstsicher der Bayer mit seinem Trainer Thomas Piesker inzwischen auch in der Vorbereitung geworden ist. Im Gegensatz zur Konkurrenz ließ er die Vorbereitungsregatta in Medemblik aus, gewann parallel die schwach besetzte YES Regatta in Kiel mit ausschließlich ersten Plätzen, trainierte vor Schilksee alleine, sah sich ein wenig die Bundesliga-Rennen in Kiel an und war offensichtlich bestens in Form für England. 3000 Euro ist ein Weltcup-Sieg inzwischen wert.

Deutsche 470er in Lauerstellung

Vom Rest der deutschen Olympia-Elite nutzte nur noch die 470er-Klasse den Ausflug nach England für einen Leistungstest auf höchstem Niveau. Von den drei deutschen Spitzenbooten konnte dabei besonders Ferdinand Gerz und Oliver Szymanski punkten. Als 11. verpassten sie allerdings knapp das Medalrace. Ihr großes Potenzial zeigte sich bei einem Tagessieg.

Die Autenrieth Brüder segelten im Bereich der Top Ten, verpassten aber durch einen Frühstart ein besseres Ergebnis und landeten auf Rang 14. Jasper Wagner und
Dustin Baldewein wurden 18. Nach wie vor befinden sich die deutsche 470er Teams in Lauerstellung. Sie kommen immer näher an die besten heran.

Beim Weltcup in Weymouth waren nicht alle Klassen wie angestrebt mit den besten Seglern der Welt besetzt. Das Konzept scheint noch nicht zu funktionieren. Aber die Serien der Superstars hielten. So holte Finnsegler Giles Scott, seinen elften Sieg in Folge. Die letzte Niederlage des America’s Cup Profis im Team von Ben Ainslie erfolgte im April 2013.

Noch beeindruckender ist die Serie im 49er von Peter Burling und Blair Tuke. Die Neuseeländer reihten gleich 13 Siege aneinander. Sie starteten zwar ungewohnt schwach in den Wettkampf, und die Rückkehrer Nathan Outteridge/Iain Jensen lagen zwischenzeitlich vorne. Aber den Olympiasiegern ging später die Luft aus und sie wurden Sechste.

Ergebnisse Weymouth World Cup 2015

Medal Races im Tracker Replay

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „Weymouth Weltcup: Philipp Buhls Final Thriller – neue deutsche Siegermentalität“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Respekt!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

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