Bei Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h auf engstem Raum entscheiden beim SailGP Bruchteile von Sekunden über Kollisionen. Im Germany SailGP Team ist Anna Barth als Strategin für das Risikomanagement verantwortlich. Sie arbeitet in einem Umfeld ohne Fehlertoleranz.
Es geht um diesen zweiten Start am zweiten Tag in Perth. Erik Heil versucht einen sogenannten Slingshot-Start mit hoher Geschwindigkeit auf Foils hinter den Booten durch, die relativ langsam zur Linie hochpressen und versuchen, ihre Position an der Linie zu verteidigen. Hinter den Brasilianern geht eine Lücke auf, aber dafür müsste er früher abfallen. Brasilien mag langsamer sein als antizipiert. Anna Barth versucht, im Heck des Luvrumpfes sitzend und nach Lee peilend, diesen Moment für Erik Heil zu kommunizieren. Im letzten Moment entscheidet sie, dass es nicht passt: „Come up, come up!“

Heil reißt das Steuer hoch und der F50 bremst in einer Gischtwolke. Dieser Start mag daneben gegangen sein, aber das Boot ist noch heil. Eine Sequenz, die zeigt, wie wichtig die Verantwortung der Strategin ist und wie sehr der Steuermann ihr vertrauen muss.
Hier noch einmal die ganze Sequenz:
Wie schnell das schiefgehen kann, zeigt auch der Fall von Barths Kollegin. Die Französin Manon Audinet saß bei dem Crash in Auckland im Heck des Leerumpfes, der schließlich komplett zerstört wurde. Sie flog beim Aufprall nach vorne gegen das Steuerrad, zerbrach es und zog sich so schwere Prellungen im Bauchraum zu, dass sie eine Woche im Krankenhaus verbringen musste.

Barth hat auch schon Kollisionen erlebt, etwa vor einem Jahr an gleicher Stelle in Sydney, wo am Wochenende das dritte Saison-Event stattfindet. Nach zwei Kollisionen bekam ihr Team schon beim Training extrem viele Strafpunkte aufgebrummt, die schließlich eine schwere Bürde für die gesamte Saison darstellten.

Seitdem haben Erik Heil und Anna Barth, das zweite Augenpaar neben dem Skipper, ihre Kommunikation deutlich verbessert. Jedenfalls blieben die großen Dramen aus. Das soll sich nun auch in Sydney nicht ändern.
Die Hamburgerin kam 2023 kurz nach dem Abitur ins Team, was ungewöhnlich früh für die „Formel 1 des Segelns“ ist. Parallel zum SailGP verfolgt sie ihre Olympia-Karriere im 49erFX. Nach Platz 10 bei der WM 2025 zusammen mit Emma Kohlhoff gehört sie zum Perspektivkader des DSV und kämpft um eine Fahrkarte nach Los Angeles 2028. Seit Januar gehört auch Kohlhoff als Verstärkung zum deutschen SailGP-Team – ebenso wie Moth- und Switch-Weltmeisterin Victoria Schultheis.

Im F50 ist Sicht ein relativer Begriff. Während der „Driver“ das Boot steuert und unmittelbare Manöver fährt, hält die Strategin das Gesamtbild zusammen. Barth analysiert Windverschiebungen, Startphasen, Überlappungen und Abstände. Sie entscheidet, wann ein Risiko kalkulierbar ist und wann nicht. Ihre Calls sind präzise und endgültig. In einem Kursraum, in dem 13 Teams dicht nebeneinander „foilen“, kann eine falsche Priorisierung Strafpunkte, den Verlust des Rennens oder eine Kollision bedeuten.
Anna Barth zu ihrer Rolle: „Es wird oft unterschätzt, wie kognitiv und intensiv die Strategie ist. SailGP ist wie Hochgeschwindigkeits-Schach auf dem Wasser. Ich muss permanent verarbeiten, was gerade auf dem Boot passiert, und Szenarien absehen, die in der nächsten Runde oder an der nächsten Tonne erwartet werden können. Ich habe die Kommunikation über das, was gerade passiert, via Intercom im Ohr, muss gedanklich aber schon bei unserem nächsten Schachzug sein.“

Seit 2021 beschleunigt das SailGP Women’s Pathway Program die Integration weiblicher Athletinnen. Vorgeschrieben ist, dass bei jedem Rennen mindestens eine Frau an Bord jedes Teams sein muss. Langfristiges Ziel ist es, auch mehr Frauen in Driver-Positionen zu entwickeln, so wie es die Doppelolympiasiegerin im 49erFX Martine Grael bei den Brasilianern schon vormacht.
Anna Barth zur Sichtbarkeit von Frauen im Hochleistungssport: „Ich finde Sichtbarkeit wichtig, weil sie Vorbilder schafft. Ich würde mich aber freuen, wenn langfristig nicht mehr ‚The female sailor‘ als etwas Besonderes hervorgehoben wird, sondern dass es zur Normalität wird, Frauen und Männer zusammen in Segelteams zu sehen und ihr Dasein geschlechtsunabhängig bewertet wird.“

Der Saisonstart war intensiv. Nach der Kollision zwischen dem neuseeländischen Team, den Black Foils, und dem französischen Team France in Auckland rückte nicht nur das Ergebnis in den Fokus, sondern die Frage nach dem kalkulierbaren Risiko. Während von außen Bilder dominierten, begann intern die Analyse. Der SailGP bietet wenig Trainingszeit auf den F50s. Die Rennen sind Bühne und Lernraum zugleich.
Anna Barth zur Kollision in Auckland: „Ich habe die beiden Boote ineinander rasen sehen, da war mir schon klar, dass wir dieses Rennen wahrscheinlich nicht zu Ende segeln. Die beiden Boote steckten ineinander und lagen mitten im Kurs. Die Priorität war, die Segler beider Teams in Sicherheit zu bringen. Uns allen ist noch mal bewusster geworden, welches Risiko dieser Sport mit sich bringt. Wir wollen die Limits pushen, aber es gibt Grenzen, die wir nicht überschreiten sollten.“

Dieses Wochenende kehrt der KPMG Sydney Sail Grand Prix in den Hafen von Sydney zurück. Für Barth ist dieser kein neutraler Austragungsort. Anna Barth: „Ich verbinde Sydney mit Höhen und Tiefen. In Saison 4 haben wir hier zum ersten Mal ein Rennen gewonnen, in Saison 5 hatten wir zwei Kollisionen an einem Tag. Ich fühle mich dieses Jahr gut vorbereitet, weil ich den Kurs schon im 49erFX gesegelt bin und Emma Kohlhoff und ich ein Trainingslager mit der australischen Nationalmannschaft absolviert haben. Elemente wie Shark Island in der Kursmitte machen die Strategie interessant, weil man sich früh für eine Seite entscheiden muss. Danach gibt es kein Zurück.“
Rennzeiten für Deutschland
Race Day 1: Samstag, 28. Februar → 07:30–09:00 Uhr
Race Day 2: Sonntag, 1. März → 07:30–09:00 Uhr
Live laufen die Rennen ausschließlich über den SailGP YouTube Kanal. Eine Zusammenfassung mit Kristin Recke ist im Anschluss in der ZDF Mediathek abrufbar.
Die Übertragung:
Mit Infos vom Germany SailGP Team

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