Yann Quenet, der mit seinem 4,20 Meter kleinen Bötchen nun schon zum zweiten Mal um die Welt segelt, war Anfang Oktober in Kanada angekommen. Dann verlor sich seine Spur ein wenig. Nun hat er seine Baluchon wieder freigeschaufelt.
Eigentlich ist Yann Quenet ein Mann der Ozeane. Doch diesen Winter tauschte der bretonische Einhandsegler das Salzwasser gegen viel Neuschnee ein und sein vier Meter kurzes Boot „Baluchon“ gegen eine einsame Blockhütte im kanadischen Wald. Ein aktuelles Video zeigt nun: Der Winterschlaf in der Region Abitibi ist vorbei. Während Yann sein Boot buchstäblich aus den Schneemassen freischaufelt, bereitet er einen ganz besonderen Roadtrip vor, um sein Abenteuer fortzusetzen.


Der 57-jährige Franzose zeigt sich in seinem neuesten Video aus der Region Abitibi (Québec) sichtlich beglückt, die Persenning wieder von seiner „Yacht“ ziehen zu können, aber auch gefordert. Nachdem die Temperaturen monatelang kaum über die Frostgrenze kletterten, hat ein plötzlicher Regentag mit positiven Temperaturen das Eis in eine „matschige Suppe“ verwandelt. Doch die Milde war kurz: Bei aktuell -9 °C ist alles zu einer spiegelglatten Fläche gefroren. „Es ist eine echte Schlittschuhbahn“, warnt Yann, während er sich daran macht, Baluchon – was auf Französisch so viel wie „Bündel“ bedeutet – für die nächste Etappe klarzumachen.
Der Standort von Quenet nahe dem 13.000 Einwohner Städtchen Amos in der Region Abitibi-Témiscamingue:
Der Fokus liegt nun nicht mehr auf den Segeln, sondern auf der Mechanik. Ein Radlager am Anhänger ist defekt. „Ein Wunder, dass wir das Rad auf den ersten 1000 Kilometern nicht verloren haben“, gibt er zu. Bevor die geplante Reise über die Rocky Mountains nach Vancouver beginnen kann, muss die Technik stimmen. Es ist der Startschuss für eine 4.000 Kilometer lange Landquerung, die den Franzosen zum Pazifik führen soll.

Rückblick: Ein Herbst voller Planänderungen
Um zu verstehen, wie Quenet in diese verschneite Einöde geriet, muss man zum September zurückkehren. Nach einer mühsamen Passage über den Sankt-Lorenz-Strom, bei der das winzige Boot gegen heftige Strömungen und Gegenwinde ankämpfen musste, erreichte er Mitte September die Stadt Québec.

Ursprünglich war der Plan, den Indian Summer zu nutzen, um direkt zur kanadischen Westküste durchzustarten. Doch Quenet, der sich selbst als „57-Jährigen mit der Mentalität eines Achtjährigen“ beschreibt, ließ sich von der kanadischen Gastfreundschaft und seiner Abenteuerlust umstimmen und entschied sich, den Winter nicht auf der Flucht vor der Kälte, sondern mitten in ihr zu verbringen.
Das „Jack London“-Experiment in Abitibi
Ab Anfang Oktober verwandelte sich der Segler in einen Waldläufer. In der Region Abitibi-Témiscamingue, etwa 30 Kilometer von der Stadt Amos entfernt, bezog er eine einfache Holzhütte eines Freundes aus Montréal, mitten im Wald, ohne Strom. Es war die Erfüllung eines Kindheitstraums: ein Leben nach dem Vorbild von Jack London.

„Es ist ein wunderbares, stilles Land“, sagt er. „Die Landschaften, die Menschen – hier ist alles großartig. Es ist wirklich ein Traumland. Ich hatte schon früher von dieser Region gehört, als ich die Romane von Bernard Clavel gelesen habe, die genau hier spielen. Das hat in mir den Wunsch geweckt, dieses Abenteuer selbst zu erleben. Es ist wirklich ein Land der Abenteuer. Und die Menschen sind unglaublich. Es ist schon verrückt, dass ich überhaupt hier angekommen bin. Das Schicksal hat mich hierhergeführt – und das ist einfach unglaublich.“
Er liebt seine „kleinen Rituale“: Am Kaminfeuer frühstücken, im Schnee spazieren und versuchen, Tiere zu entdecken – auch ohne den geschulten Blick eines Trappers. „Ich sehe nicht viele Tiere, aber viele Spuren. Also stelle ich mir vor, welches Leben sich hier im Wald abspielt.“


In Québec war er herzlich von den Einwohnern empfangen worden, die durch soziale Medien, lokale Presse und Fernsehen von seinem Abenteuer erfahren hatten. „Jeder hat von diesem verrückten Franzosen mit seinem seltsamen Boot gehört. Man hat mir sogar ein Auto und einen Anhänger geliehen, damit ich mein Boot quer durchs Land bis nach British Columbia an den Pazifik bringen kann – im Frühjahr, wenn alles aufgetaut ist. Denn im Winter wird es hier -20 bis -30 Grad kalt!“
Die Monate waren geprägt von einer fast meditativen Stille. Während Baluchon draußen unter einer zwei Meter dicken Schneedecke verschwand, lebte Yann im Rhythmus des Holzofens. Die Bedingungen waren alles andere als luxuriös: Bei Außentemperaturen von bis zu -40 °C sank das Thermometer im Inneren der Hütte oft auf +5 °C oder weniger.

Quenet berichtete von den alltäglichen Tücken des Frosts: Handys, deren Akkus nur direkt am Feuer laden; Wasser, das er aus Schnee schmelzen musste; und die Unmöglichkeit, Aquarellbilder zu malen, weil die Farben auf dem Papier sofort zu Eis gefroren. Doch statt sich zu beklagen, genoss er das bewusste Nichtstun.
Mit „Louise“ Richtung Pazifik
Dass Yann diesen Landweg überhaupt bestreiten kann, verdankt er der enormen Hilfsbereitschaft der Kanadier. Da er mit minimalem Budget reist, schenkten ihm Freunde und Unterstützer (darunter die Pfadfinder von Montréal) einen alten, etwas rostigen Van, den er liebevoll „Louise“ getauft hat, sowie einen passenden Anhänger für sein Boot.

Nun, Mitte März, bereitet er den Aufbruch vor. In etwa zwei bis drei Wochen, wenn die extremsten Winterstürme in den Bergen nachlassen, wird das Gespann aus rostigem Van und Mini-Boot die Reise nach Vancouver antreten. Dort soll Baluchon im Juni wieder zu Wasser gelassen werden.
Yann Quenet empfindet diesen Winter in der Hütte nicht als verlorene Zeit, sondern als spannenden Teil seiner Weltumrundung. Sein Ziel bleibt der Pazifik – Mexiko, Polynesien und schließlich Australien. Doch wie er selbst sagt: „Was sind schon Daten, wenn man das Wertvollste hat, was dem Menschen gegeben wurde: Zeit.“

Er plant, in etwa drei bis vier Jahren wieder in seiner Heimat Saint-Brieuc in der Bretagne anzukommen. Bis dahin bleibt jeder Kilometer – ob auf Wasser oder auf vereistem Asphalt – ein Teil seines großen Traums.
Für alle französischsprachigen SR-Leser: Yann Quenets Videokanal
Tipp: André Mayer

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