Kajakmaran-Mann: Samstag 10:30 h geplante Ankunft am Eidersperrwerk

„Es ist vollbracht!“

Kayakmaran-Mann, Gabriel

Manchmal war die Sicht nicht so richtig dolle © gabriel

„Ich Ausnahmetalent, ich!“

Mit meinem Kurs nach Westen, ist der Spuk vorbei und ich bin drüber. Der Wind hat zugelegt auf 4 bis zum Teil 5 gefühlten Beaufort…die Karre geht ab wie ein Ferrari. Spät Nachtmittags kommt die Einfahrt von Cherbourg in Sicht. Erst, als ich die Masten der vielen Segelyachten im Hafen fast auf Griffweite habe, packe ich die Segel ein. Die Gendarmerie ist mit einem Tender bei mir und beobachtet mich. “Eine Fähre wird gleich kommen, Du musst hier verschwinden”, rufen sie zu mir herüber, während ich vom Boot abrutsche und mich nur noch so eben festhalten kann. Sowas Blödes! Ppassiert immer nur, wenn man beobachtet wird. Meine Beine sind nass bis an den Hintern.

Bei meinem Blick nach achtern, fällt mir ein Segelboot auf, das auch in den Hafen kommt. Hinter mir!!! Ich wiederhole: Hinter mir. Die drei “Segelzerrer”…die “Musto-Jungs”, die mich draußen scheinbar versägt haben, stehen mit Daumen nach oben hinter mir an Deck und lachen. Ha ha, ich war schneller. “Ich Ausnahmetalent ich”, geht es mir grinsend durch den Kopf.

Ein Ausnahmetalent…ja so etwas wäre ich gern. Tage später geht diese Wunschtheorie jedoch wieder den Bach hinunter, als ich in Holland Delfzijl mit Kurs Norderney verlasse.

Allein – nicht mehr, nicht weniger © Gabriel

Allein – nicht mehr, nicht weniger © Gabriel

Spannung im Schlick

Meine navigatorische Vorbereitung ist an diesem Morgen eher “maritim insuffizient”. Zielkoordinaten ins GPS eingeben und Abflug…im Wattenmeer natürlich nicht ausreichend. Aber rutscht mein Boot nicht überall drüber? Den Strom wollte ich ausnutzen, doch die Brühe läuft hier von allen Seiten in meine Richtung und es geht nur gegenan. 7 Meilen noch bis Norderney und ich kann kein Fahrwasser erkennen. Auf Höhe Norddeich läuft mir plötzlich der Kram unterm Hintern weg und meine Schwerter schlagen hoch. Grundsicht…Wasser nur Knöcheltief. Mist!!! Segel hoch und mit Wind und Wasser zurücknehmen lassen. Irgendwo vor Norddeich hatte ich vier grüne Tonnen unter Land gesehen…die führen sicher irgendwo hin… Sie führen auf einen Priggenweg unter Land nach Norddeich, das ich an diesem Abend nicht mehr erreichen soll. Gegen den Strom geht es im Priel so lahmarschig voran, dass ich jeder Prigge einen Namen gebe und mit ihr das Diskutieren anfange. Um 18 Uhr muss ich aus dem Boot raus und schieben…um 18 Uhr 30, ist das Wasser schließlich unter mir weg. 2,5 Meilen vor Norddeich. In 500 Metern Entfernung liegt ein Holländer auf dem Schlick. Er hat sich trocken fallen lassen, um seine Ruhe zu genießen. Damit ist jetzt Schluss, denn ich bin auf dem Weg zu ihm. Es gibt Kaffee und eine heiße Suppe, aber man bittet mich nicht an Bord. Ob das mit meinen Füßen zusammenhängt?

350-Kilo-Boot am Gürtel

“Das Wasser kommt bald wieder, Du wirst Norddeich noch im Tageslicht erreichen können”, schätzt der fliegende Landesnachbar. Um 20 Uhr stapfe ich zurück zum Boot. Der ablandige Wind lässt mich Stimmen hören. Im Fernglas erkenne ich ein Freiluftkino und viele Menschen, die sich auf einem Strand aufhalten. Da werde ich bestimmt ein Bier ergattern können, später. Ich stehe neben meinem Boot im Schlick. Es wird dunkler und dunkler. Ich glaube, dass ich es nicht mehr in den Hafen von Norddeich schaffen werde, aber vor der Freilichtbühne am Strand ist so etwas, das aussieht wie eine Slipanlage. Das kann ich ja auch in der finstersten Nacht noch draufzusteuern. Genügend Landmarken also, um mich zu orientieren. Während ich mit Sabrina telefoniere, fängt es begleitet von Starkwind, an zu regnen. Es ist jetzt stockdunkel und eine Stimme ertönt vom Land: “Vielen Dank für Ihren Besuch…”, die Leinwand erlischt. Eine Landmarke weniger…kein Bier…so also der neue Plan. Dafür bin ich jetzt klitschnass, das ist doch auch schon mal was. Um 11 Uhr 45 in der Nacht kommt das Wasser zurück. So langsam, dass meine Geduld ihr Ende recht schnell findet und ich wieder über Bord hüpfe.

Rund Europa, ohne Geld – geht schon, irgendwiet! © gabriel

Rund Europa, ohne Geld – geht schon, irgendwie! © A.Gabriel

In 40 Zentimeter tiefem Wasser, 2,5 Meilen in stockfinsterer Nacht durch das Watt laufen und ein 350 Kilogramm Boot am Gürtel hängen haben. Super…was für ein sinnliches Unterfangen!!! Irgendwann vor dem Strand, der keiner ist, funzelt eine Taschenlampe wild durch die Gegend und ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich hierbei nur um einen Sicherheitsdienst handeln kann, der das Gelände von Freilichtkinobesuchern befreit. Das Wasser ist tiefer geworden…ich schmeiße meine Turbine an und der Mann mit der Lampe scheint schreckhaft. Sein Lichtstrahl sucht das Wasser ab und findet mich schließlich. “Hey ho”, dröhnt meine Stimme aus dem Dunkel der Nacht…”Pommes Majo und 2 Frikadellen bitte.” Der Sicherheitsbeamte erstarrt. Oft schon hatte er in seiner Nachtschicht darüber nachgedacht, wie es wohl sei, wenn plötzlich etwas von der Seeseite auftauchen würde. Nun wusste er es 🙂

Wer wissen möchte, wie es aussieht, wenn Andreas Gabriel bei Tag auf einen zusegelt, der sollte sich den Anblick am Samstag nicht entgehen lassen: Ankunft ca. 10:30 Uhr am Eidersperrwerk, ca. 11.30 h Tönninger Hafen.

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de
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8 Kommentare zu „Kajakmaran-Mann: Samstag 10:30 h geplante Ankunft am Eidersperrwerk“

  1. avatar Lars sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Eine tolle Leistung!

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  2. avatar Digger sagt:

    Welcome back. Ich ziehe vor Dir echt den Hut, Andreas! Und freu mich, wenn mal ein Buch von Dir erscheint. Großartiges Projekt, großartige Sache.

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  3. avatar Matthias sagt:

    super Sache und tolle LEISTUNG ANDREAS!!!…es zeigt doch wieder einmal mehr,dass es nicht unbedingt auf die Seetauglichkeit eines Bootes ankommt sondern vielmehr auf das können und die Erfahrung des Skippers! Es gibt genug Leute die super Yachten segeln und im Hafen noch nicht mal richtig anlegen können.Ein schönes Beispiel ist Diggers Bericht von BIMMEL und Bommel.Nochmals Glückwunsch Andreas und ein Buch wäre echt interessant!

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  4. avatar Blankeneser Hochsee-Segler-Abende sagt:

    Andreas Gabriel, das ist eine Überleistung, die all unseren verschärften Respekt verdient. Ganz ganz toll! Sollte es ein Buch geben: Wir kaufen es auf alle Fälle!

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