Digger Hamburg: Anlegen der besonderen Art, beobachtet in der dänischen Südsee

Anlegesplattermovie

Digger längsseits am Steg © Stephan Boden

Digger längsseits am Steg © Stephan Boden

Ich fange mal mit Bimmel an. Bei solch einem Plastikhaus, so groß wie die Hafencity, macht es Sinn, bei Hafenmanövern zu stehen. Allein das Steuerrad könnte man auf dem Hamburger Dom als Riesenrad einsetzen. Bimmel aber sitzt. Und hat eine Kippe im Mund. Ein Wunder, dass sie noch brennt, denn er kommt mit Vollgas rein. Die Kippe wäre mir nicht sonderlich aufgefallen, aber als ich Bommel sehe, weiss ich: die haben für ihre Freunde einen besonders coolen Auftritt geplant. Bommel fletzt sich supicool mit Kippe im Mund auf dem Decksaufbau und statt der Vorleine hat sie einen Longdrink  in der Hand. Gespielt lässig winkt sie zu ihren Bekannten herüber. Die lachen. Auftritt gelungen. Irgendwie hat das was von Ballermann. Auch wegen ihrem Stirnband.

In einem Film würde man nun abblenden und die coole Szene wäre im Kasten. Nun ist Anlegen aber kein Film und so läuft das Bild unerbittlich weiter – bis zum bitteren Ende. Und dieses Ende wird bitter und lässt lange auf sich warten.

Bimmel überholt im Hafen noch eine 27 Fuß Yacht bevor er dann bemerkt, dass der Hafen bald zu Ende ist. Also Hebel einmal rüber und auf Vollgas zurück. Bommel sitzt immer noch, nippt cool an ihrem Drink. Die Yacht fährt rückwärts, Vollgas. Bis zur Hafeneinfahrt, dann wieder Vollgas vorwärts. Bommel sitzt noch immer. Bimmel auch. Und Bimmel fährt nun näher an den Dalben vorbei. Er will sich die Situation erst einmal ansehen. Da er nicht steht, muss er nah ran, denn so sieht er ja nix. Kurz neben der Box stoppt Bimmel. Also nicht Bimmel, sondern das Boot. Es sitzt auf. Im Hafen scheint es eine flache Stelle zu geben. Bimmel und Bommel lachen. Nächstes Manöver: Vollgas rückwärts, und dabei wild am Steuerrad drehen. Der Hafen verwandelt sich in ein Wellenbad. Erste Schaulustige stehen an den Stegen. Segler – eben noch im Cockpit in der Sonne liegend – richten sich auf.

Nach einer Weile kommen die beiden frei. Bommel hat immer noch ihr Glas in der Hand, tut sehr unbeteiligt, prostet den Freunden zu. Cool. Bimmel hinten wird etwas rötlicher im Gesicht. Danach wieder Vollgas nach vorn, wobei Bimmel nicht mitbekommt, dass er fast ein Dingi mit Vater und Kind überfährt. Bimmel bleibt sitzen. Er sieht nach vorn einfach nichts. Und Bommel auch nicht, denn sie ist mit Drink und den Freunden am Steg beschäftigt. Es werden weitere Vor-Zurück-Vollgas-Manöver gefahren. Es wird noch mal aufgesetzt.

Ruhige Hafenatmo, wie man es sich wünscht © Stephan Boden

Ruhige Hafenatmo, wie man es sich wünscht © Stephan Boden

Erste Münder auf den anderen Booten öffnen sich.

Endlich versucht Bimmel, das Boot in die Box zu rangieren. Man erkennt es nur daran, dass er immer Blickkontakt mit der Box hält. Sein Manöver ist völlig irre – denn Vollgas bleibt die beliebte Hebelstellung und Wind (etwa 4 Bft.) ist für ihn kein Faktor, den man berechnen sollte. Anscheinend möchte er noch eine Runde fahren, fährt aber mit der Nase nicht im Wind an, sondern so, dass das Boot vorn rumgedrückt wird. (Das Geld für ein Bugstrahlruder fiel wohl den Crewgläsern zum Opfer). Bommel hat die Kippe im Mund, Glas in der einen, Vorleine in der anderen Hand. Lässig wird gedreht bis….KNARTSCH!…das Boot gegen einen Dalben fährt. Bimmel konnte ihn nicht sehen, denn er sitzt immer noch rauchend hinten. Nach diesem Manöver hatte Bommel kein Glas mehr in der Hand. Ich hoffe, sie hat es weg gestellt. Oder es liegt im Wasser. Ich konnte es nicht erkennen. Wenn es über Bord gegangen ist, liegt es sicher nicht mehr im Hafen, denn wegen der hohen Geschwindigkeit dürfte es bis zur nächsten Insel geflogen sein.

Bommel lächelt nicht mehr. Bimmel auch nicht. Er bedient wie wild Steuerrad und Gashebel.

Beim Zurücksetzen (Vollgas) fährt Bimmel wieder auf das Flach und die Yacht sitzt zum Dritten mal fest. Nun dauert es geschlagene 5 Minuten, bis er wieder frei ist. Mittlerweile wurde aus dem Lächeln lautes Rufen mit den Freunden am Steg. Herr Wichtig hat einen guten Einfall: Bimmel soll doch vorn im Hafen längsseits gehen. (Endlich!)

Als der Eimer wieder frei kommt, fährt Bimmel die Kiste tatsächlich zum vorderen Steg, um dort längsseits zu gehen. Mit Vollgas. Wind ist noch immer kein Faktor, der berücksichtigt werden kann. Bei einem Schiff, dessen Spiegel so groß ist wie mein Parasail, ist Wind aber nicht unwichtig. Sitzend (!), mit Vollgas und 15 Knoten Wind im Rücken geht es Richtung Steg. Da die Lenkbewegungen wild sind und man nicht erkennen kann, mit welcher Seite eigentlich angelegt werden soll, läuft Bommel auf dem Vorschiff herum wie ein wildes Huhn. Sie hat einen Fender in der Hand, weiss aber wohl nicht, auf welcher Seite sie ihn anbinden soll. Die Vorleine ist mittlerweile auch vertüdelt. Bommels Bemühungen, weiterhin cool zu wirken, sind den Bach runter gegangen. Bommel ist hektisch. Sie ruft etwas zu Bimmel, der sie sitzend (!) weder hört (Vollgas) noch sieht. Während sie dort also rumläuft macht es ein gewaltiges Geräusch. GFK meets altes Holz. Und zwar mit Vollgas. Jeder in dem Hafen weiß: das war gerade teuer. Vollgas zurück – aufgesetzt. Bimmel stellt sich hin. Kinder werden vom Hafen weg gerufen, Möwen verlassen die Region. Menschen stehen an Deck und haben Angst um ihr Boot. Danebrogs werden eingeholt. Denn Bimmel und Bommel brauchen 3 weitere Versuche, längsseits festzumachen. Immer Vollgas, immer ohne den Wind zu beachten.

Als der Eimer dann nach etwa 30 Minuten (ich übertreibe nicht) fest ist, beginnt im Hafen ein lautes Applaudieren. Normalerweise genießt man Hafenkino ja still. Aber dieser Film hier war wirklich der größte Splattermovie, den man sich vorstellen kann.

20 Minuten später: ich lese. Laute Schreie tönen durch den Hafen. Bimmel und Bommel schreien sich an. Es wäre sicherlich besser gewesen, nach dem Anlegen einen Drink zu servieren und eine Kippe zu rauchen. Nun aber ist es dafür zu spät. Und der Film endet schlecht.

Artikel im Digger Blog

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Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier

21 Kommentare zu „Digger Hamburg: Anlegen der besonderen Art, beobachtet in der dänischen Südsee“

  1. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Pics (besser Vids) or it didn’t happen!

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    • avatar Digger sagt:

      It did happen. Bilder und Videos sowie echte Namen verbieten sich bei sowas für mich. Für sowas gibt’s die BILD Leserreporter.

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      • avatar Super-Spät-Segler sagt:

        Digger, das ist doch nur eine Redewendung, um den Wunsch nach Bildern bzw. Videos auszudrücken und soll nicht unterstellen, daß es nicht passiert ist.

        Ist ja nicht so, daß Du gar keine Bilder veröffentlichst, oder?!

        Musste übrigens sehr grinsen und die onomatopoetischen Meisterwerke “Bimmel” und “Bommel” werden ganz sicher in meinen Wortschatz aufgenommen.

        Danke dafür!

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        • avatar Digger sagt:

          Alles gut, wie immer. Ich bin nur schon ein paar Mal bei solchen Geschichten nach Bildern gefragt worden.
          Und dazu bin ich hier ja wohlwollende Kommentare fast kaum noch gewöhnt. Ich warte schon auf die glorreichen 4.

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          • avatar SR-Fan sagt:

            Na, zumindest ich musste auch schmunzeln und finde den Artikel wirklich gelungen. Sowas muss ja auch mal gesagt werden 😉

            Was mich allerdings wundert ist doch die Überraschung bei den Umherstehenden. Ich dachte das Pärchen ist der Prototyp, der von der Wasserwirtschaft stark umworbenen Kundenklientel. Diese Fraktion des größer, teurer, schneller, stärker soll doch die Rettung des Segelsports sein – zumindest wenn man sie nicht an die Mobos verliert?

            VG

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          • avatar MAUERSEGLER sagt:

            …hier ist noch ein wohlwollender Kommentar. Und zwar an Dich, Digger und die Segelreporter-Crew und Gastautoren. Weiter so! Die portraitierten Bims und Bums sind wahrscheinlich ein Grund für Deinen Gegenentwurf. Die fahren zu Hause zwei SUV´s und haben bis zu diesem Anlegemanöver mal wieder geglaubt, dass Konsum glücklich macht.

            Zur Kommentarkultur hier: jeden x-beliebigen Beitrag in dreifacher Länge und Ping-Pong-Manier “nach zu bereiten” (meist schön anonym), lässt für mich nur den positiven Schluss zu, dass SR mittlerweile eine echte Relevanz hat.

            Siehe regelmäßige Aufreger um (Anti-)Werbung oder aber die in Mode gekommene Niveau-Debatte. Ihr braucht die Taru-Stories ja nicht an zu klicken, wenn das unter Eurem Niveau ist. Ich find´ jedenfalls das ist ein echt schickes Modell (die Brigg, nicht die Olle) 😉

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  2. avatar Sven sagt:

    Wie genial! Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Wirklich schön geschrieben.

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  3. avatar Johnny Rotten sagt:

    Sehr gelacht! Und endlich mal wieder mehr über den Artikel als über die Kommentare;)

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  4. avatar Thomas sagt:

    Die beschriebene Sensibilität mit dem Gashebel nennt man auch digitales Fahren. Gibt’s beim Auto auch 🙂

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  5. avatar Klaus sagt:

    To hus in Hamburg seggt wi: “Wenn Schiet watt ward…”

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  6. avatar Mirko sagt:

    Ähnlich Berichte hat man ja schon öfter gelesen, aber selten habe ich dabei so gut gelacht. Sehr gut, vielen Dank!

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  7. avatar Andreas Ju sagt:

    Herrlich Digger. Auch wir haben auf diesem Sommertörn den Eindruck: Je größer, desto blinder. Bis hin zur vollen Breitseite im Hafen mit einer großen X gegen ein kleines Irgendwas.

    Grüße aus Kerteminde mit der Hoffnung, Bimmel und Bommel nicht zu begegnen.

    Und hoffentlich nie selbst Bimmel und Bommel zusammen mit Bimmeline und Bommeline zu sein. Manchmal laufen die Manöver ja auch ohne Steuerrad, Kippe und Drink nicht optimal, leider.

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  8. avatar Bimmellim sagt:

    Also ich tippe mal auf Hanse, kann mir nicht helfen, aber wette mal auf ein Bierchen beim Fröschen.

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  9. avatar Digger sagt:

    Das es bei mir manchmal auch nicht besser ist, könnt ihr hier nachlesen:http://www.diggerhamburg.com/2013/07/19/mitgebrachte-geschichten-teil-3-anlegen-in-die-laenge-ziehen/

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  10. avatar Ketzer sagt:

    Langweilig, sowas sieht man doch täglich und auch leider meistens, wenn hinten die schwarz-rot-goldene weht. Ich versuche dann unsere immer etwas verschämt hinter’m Flaggenstock zu verstecken.

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  11. avatar Rainer sagt:

    Also bedenkt doch mal das die meisten die euch Stoff für die nachmittägliche Unterhaltung liefern das tun weil sie nicht so viel Übung haben, nicht so gut ausgebildet sind oder einfach einen schlechten Tag haben. Natürlich gibts überhebliche Typen dabei – aber die gibts unter den Könnern genau so. Genießt die Show und helft ihnen wenn sie Hilfe brauchen. Ihr seit ja selber auch froh wenn jemand eure Leinen nimmt oder deutet das längsseits gehen ok ist.

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    • avatar Digger sagt:

      Das solche Segler aber aus einem Land kommen, in dem es zig Scheine zu machen gibt und dann sowas in einem Land passiert, in dem es nichtmal Scheine gibt, ist bedenklich.

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  12. avatar Bommel sagt:

    Hallihallöchen, ich bin Bommel,
    also es ist ja eigentlich ganz anders gewesen. Ich bin nämlich mit Herr Wichtig, also wie soll ich sagen, legiert oder wie das heißt. Aber mein Bimmel wußte da bis zu dem Hafen nix von.
    Und der Cocktail, also der war ein geheimes Zeichen: wenn ich den Cocktail in der Hand halte, sollte daß für meinen süßen Wichtig heißen: „Bimmel habe ich abgefüllt. Der geht gleich nach dem Anlegen auf die Koje und dann können wir…“ Na Ihr wißt schon.
    Und das Bimmel da vorne so eine Schnur braucht, um das Boot anzubinden. Mein Gott, hätte er ja auch ein bischen früher sagen können.
    Angebrüllt haben wir uns gar nicht. Also ich nicht. Nur Bimmel hat rumgeschrien: „Was machst Du mit die Frömmse, ich bin doch sterilisiert!“.

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  13. avatar Bommel sagt:

    Ach und lieber Herr Digger, so ein bischen schummeln Sie ja auch gell. Sie haben gar nicht geklatscht, weil sie alle sich so gefreut haben, daß wir Euch mit unserem tollen Boot besucht haben. Sie haben erst geklatscht, als ich mich nach dem Fan der da lag gebückt habe und dabei mein Bikinioberteil von Gucci an der Wand hängen geblieben ist und aufging. So war das nämlich.

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