Frau Guhr on Tour: ARC-Bericht von der Mitte des Atlantiks

"Würgendes Brüllen"

Die Crew der "La Medianoche" vor dem Atlantik-Abenteuer. © Marina Könitzer

Die Crew der “La Medianoche” vor dem Atlantik-Abenteuer. © Marina Könitzersmall

Wer hätte das gedacht? Wir sind seit mehr als einer Woche unterwegs und hatten bisher keine Verschnaufpause. Ich bin null zum Schreiben gekommen. Seit dem Start wehts permanent mit 20-30, in Schauerbön bis 38 Knoten. Die konfuse Welle schüttelt uns gehörig durch und von smooth sailing keine Spur.

Der Seegang forderte nicht nur Opfer von Teilen der Crew in Form von blassgrünen Gesichtern, Appetitlosigkeit und würgendem Brüllen, sondern testet auch das Material . Am 2. Tag kam die Genua von oben und ich durfte mit gehörigem Schunkelfaktor 25 Meter über dem Meerespiegel das Fall einsammeln.

Eine Reffleine hat mitten in der Nacht den Geist aufgegeben, der Generator schreit bei dem Seegang Temperaturalarm und der Watermaker zieht ebenfalls Luft weil ihm die Welle nicht gefällt! Alles ist nass und salzig. Wir haben die Mahlzeiten in den Salon verlagert, weil uns im Cockpit die Gischt das Essen versalzen hat.

Aber gekocht und gegessen wird hier an Bord besser als bei Muttern. Frischer Obstsalat, selbstgebackenes Brot, heute gibt es Homemade Pizza. Uns geht es blendend.
Der Autopilot heisst momentan Andrea, die kaum vom Ruder wegzubekommen ist und dabei ein fettes Dauergrinsen im Gesicht hat.

Sie stellte auch gleich nach unserem Start den Speedrekord des Schiffes ein! Neue Benchmark: 18,8 Knoten auf der Welle abwärts. Sobald der AP neu verkabelt ist und wieder mitspielt, wird Andrea aber mal eine Pause machen müssen.

Bereits nach einer Woche haben wir die Mitte des Atlantiks erreicht und feiern Bergfest. Jucheee! 1400 Meilen hinter uns liegt Las Palmas  – und 1400 Meilen vor uns St. Lucia. Der fette nördliche Passat, der in diesem Jahr weht, hat uns schnell hierher gebracht. Etmale um die 200 sind für uns Zucker, schliesslich ist das hier ein echter Cruiser Kat.

Die Stimmung an Bord ist dementsprechend optimistisch. Bisher sind wir fast auf dem Grosskreis gefahren. Nun aber müssen wir doch den Dive down machen, denn eine tropische Störung sitzt im Weg. Jede Menge Schauer- und Gewitterböen, eingebettet in eine häßliche Flautenzone prophezeit uns Meeno Schrader von Wetterwelt. Täglich scharren wir uns um das Routing, das er mittags schickt, und besprechen den Kurs.

Jeder an Bord hat seine eigenen Spielecke: Peter ist eigentlich nie ohne Spannungsmessgerät und Kabelschuh anzutreffen, Christian brutzelt Sternekochverdächtig, wenn ihm nicht gerade flau im Magen ist. Josef sorgt für die Anpassung des Wachplans und die tägliche Riggkontrolle, Steffen refft ein und aus und ich brauche mich eigentlich nur zurücklehnen und geniessen… naja… fast…

Angelika ist für alle Arten von Teezeremonie und Frischobstzubereitung zuständig und zudem für jede Menge komödiantischer Einlagen. Gestern hat sie mehrere von uns nach dem Umgang mit fliegenden Fischen gefragt. Was machst Du wenn Dir einer vor die Füsse klatscht? Hebst Du den auf? Ziehts Du dazu Handschuhe an? Heute Nacht sprang ihr dann prompt einer direkt auf den Schoss. Laut kreischend packte sie das glibschige Vieh und warf es mit dem Kommentar “der arme Fisch” beherzt zurück in die See.

Ob wir irgendwann doch noch die Angelleine auswerfen, bleibt zu bezweifeln. Momentan zumindest sind wir eindeutig zu schnell um Fische fangen zu können. Manfred Kerstan, der mit seiner Swan 62 Albatros in diesem Jahr seine 20. ARC fährt, schrieb uns heute per email: “Wenn ich zurückdenke – so guten Wind hatten wir nur zur ersten ARC 1986. Hoffentlich bleibt das so.”  Na denn, bis bald in St. Lucia!

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4 Kommentare zu „Frau Guhr on Tour: ARC-Bericht von der Mitte des Atlantiks“

  1. avatar AC320 sagt:

    Ein Bild vom Boot – in Gänze – wäre auch mal nett 😉

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  2. avatar Clödö sagt:

    Hej! Wie schön vom ersten Teil Eures Atlantikrittes zu lesen, wir “verfolgen” Euch ja die ganze Zeit im Netz… Wünschen Euch weiter so viel Spass, guten Wind, fliegende Fische und gutes Essen!! Seid umarmt von Clödö & Staffan aus Schweden

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  3. avatar NAMBAWAN sagt:

    Ja das scheint heuer kein so entspanntes Passatsegeln über den großen Teich zu sein 😉
    Freue mich schon, wenn wir einmal mit unserer Nambawan dabei sind!

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