Kajakmaran-Mann: Unter dramatischen Umständen nimmt Gabriel die Hürde von Arcachon

"Überall Brandung..."

Achtung Schießgebiet!

Und los gehts. In nur 6 Minuten habe ich halb Europa in Bewegung. Sie alle machen sich wirklich Sorgen und ich bin heilfroh, dass sie alle für mich da sind, wenn ich sie brauche. Zeitgleich kommt wie aus dem Nichts plötzlich ein schneller Katamaran von der Seeseite. Die Marine hat ihn über Funk kontaktiert. Er war mir am nächsten.

Die Männer sind überaus freundlich und befehlen mir, 1,5 Meilen zurückzugehen. Ich bin in einer aktiven Schusszone der Marine. Scheiße!!! So schnell wie ich kann, bekommt Tinuca in Spanien Entwarnung, um die Telefonkette zu stoppen. Auch das klappt.

Zusammen gehen wir auf Ruheposition in 1,5 Meilen Entfernung. Nach nur 15 Minuten geben die Männer grünes Licht. Ich kann weiter und bedanke mich artig. Hoffentlich kriege ich diesmal nicht einen auf den Sack in Arcachon, denn mittlerweile bin ich ja fast schon Bestandteil der Schießgebiete in Europa.

Der Tag ist weiterhin ruhig.  Mein Blick wird sorgenvoller, als ich schließlich um 19 Uhr 30 die erste Ansteuerungstonne von Arcachon erreiche. Der Himmel wird schwarz. Nicht einfach nur SCHWARZ… was da gerade über mir entsteht, ist eins der schwersten Gewitter, die ich in meinem Leben bisher gesehen habe. Warum mir das nun gerade an einer der berüchtigsten und gefährlichsten Ansteuerungen Europas passieren muss ist mir ein Rätsel, aber es nützt nichts. Da muß ich jetzt durch!!!

Brandung in der Einfahrt

Die Wolkenwand formiert sich. Es geht gleich los. Aus welcher Richtung die starken Böen kommen werden, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausmachen. Es ist um mich herum. Was ich sehe ist Brandung in der Einfahrt und ich bin geschockt. Da soll ich hindurch??? Ich habe die betonnte Einfahrt in meinem Fernglas. Um Himmels Willen…da ist überall Brandung, mensch. Ach du Scheiße… ach du Scheiße!!! Ok… alles festmachen, was an Deck liegt. Jetzt muß ich schnell sein. Keine Fehler machen.

Die Abdeckhaube für den Außenborder stopfe ich in meine Jacke. Wenn ich in einer brechenden Welle in den Surf muß, werde ich den AB mit schnellen Griffen vorher einpacken, damit er mir nicht absäuft. Für einen Augenblick wird er auf Kühlung verzichten können. Wir werden sehen… los geht’s! Ich habe Glück, die ersten Böen erreichen mich aus West und ich werde über das mittlerweile mit drei Knoten Geschwindigkeit auslaufende Wasser von Arcachon gedrückt.

Der Himmel ist schwarz, vor mir taucht die berüchtigte gelbe Gewitterwand auf. In ihr steckt der Regen und die Gewalt. Der Wind wird stärker und stärker. Im ZickZack Kurs geht es zwischen den Brandungen hindurch. Mit bis zu 10 Knoten über Grund, trotz 3 Knoten Gegenströmung. Die Stagverankerung des vorderen Mastes reißt. Ich war nicht schnell genug mit dem Achterstag, der Kram bleibt stehen, ich kann nicht mehr aufstehen um irgendetwas zu regeln. Was jetzt fliegt, das fliegt.

Es regnet Fußbälle

Der Außenborder ist schon lange aus. Er hatte kein Benzin mehr und war hochgeschlagen. Ich kann nichts mehr sehen… es regnet Fußbälle… die Luft ist von einem dichten, gelben Schleier durchzogen… muß die Tonnen im Auge und das Boot auf Kurs halten. Die Einfahrt zieht sich, aber plötzlich merke ich, dass es überstanden ist. Die See wird ruhiger, ich bin über den Knackpunkt hinweg. Erst um 21 Uhr bin ich im Innenbereich des Bassins. Die Sicht ist so schlecht, dass ich den Hafen nicht mehr finden würde.

Erst als die Brandung ruhiger wird, fahre ich auf einen Strand auf und weiß, dass ich trotz Müdigkeit nicht schlafen gehen kann. Ich sehe die Hochwassermarke am Beton vor dem Strand. Das Wasser wird mit Atlantikschwell wiederkehren in der Nacht und mein Boot vernichten, wenn ich nicht aufpasse. Ich bin durchnässt, wechsele als erstes meine Kleidung und prügele mir eine halbe Flasche Wein in den Kopf. Das tut gut!!!

Mit Zwiebelklamotten am Körper, liege ich im viel zu engen Cockpit der Kajaks und habe die Plastikplane über dem Kopf. Nur eine Stunde schlafen… bitte nur eine Stunde. Nach wenigen Stunden ist das Wasser plötzlich wieder da. Das Geräusch der Wellen macht mich wach. Mein ganzer Körper schmerzt und zittert.

Das Boot schlägt sofort quer. Die Wellen sind höher als gedacht, obwohl es ruhig ist. Alles ist wieder nass.  Mit einem starken Schub gehe ich in das Dunkel der Nacht. Ich kann eine Mooringboje ausmachen. Wieder Klamottenwechsel und ab unter die Plane. In ein paar Stunden wird es hell, dann entere ich den Hafen von Arcachon.

Ich habe da draußen an der Küste Dinge gesehen, die ich nicht nocheinmal sehen muss. Selbst wenn Du mir Tausend Euro in die Hand drückst. Wenn Du drinnen steckst, dann steckst Du eben drinnen.

Dienstag,  25.06.2013 Saint Malo / FRA

Sandbank ist ein mir sehr vertrautes Wort. Für mich bedeutete es Meer… Ruhe… Zuflucht… Muscheln… Kindheit… Sand zwischen den Zehen. Es hat sich verändert. Auf unheimliche Art und Weise, hat diese Vertrautheit in meinen Gedanken neue Bilder hinzubekommen. Wenn ich jetzt “Sandbank” denke oder sage, geht mein Blick ruckartig und sorgenvoll Richtung Horizont. Komme ihr niemals zu nahe, denn dann bist Du verloren. Die Sandbank vor Royan hat mich geprüft und ein Hochseeschlepper hat mich dabei beobachtet, um zu sehen, ob ich es schaffe.

Andreas Gabriel

Dieter aus Saint Nazaire. Er ist 71 und will noch zu den Cook Islands mit seiner MY © AG

Nachdem Dieter der Heilbronner mein Boot in Saint Nazaire mit seinem 30 Tonnen Motorboot in einem U-Boot Bunker fast geschrottet hätte und meine Tour somit beendet wäre, habe ich den Kanal von Arzal nach Saint Malo befahren. Einfach nur etwas Urlaub machen. Einfach nur etwas Urlaub machen? Wenn ich Euch das alles erzähle, fallt ihr auf den Rücken. Diese Tour ist jeden Tag neu.

Ich bin unterwegs nach Hause!!!

Andreas Gabriel

Ach was soll’s… früher oder später fahre ich ja doch durch das Eidersperrwerk. © AG

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de

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