Knarrblog: Schweden – Sommertörn bei Tjörn – Endlich mal wieder Ankern

Der Junge will spielen...

Es gibt wohl keinen nervigeren Weckton als das rasselnde Röhren eines Bugstrahlruders. Warum kann nicht mal jemand etwas dagegen erfinden?  Andererseits, irgendwie gehört es in unserem Urlaub auch dazu.

Im Kyrkesund zieht das schwedische Leben nahe vorbei. © SegelReporter

Wenn wir den Tag begrüßen, ist der Hafen leer, der Bettenwechsel eingeleitet. Die neuen Gastlieger schnappen sich schon vor Mittag die besten Plätze, lassen die Bugstrahlruder aufheulen und gehen mit quietschenden Fendern längsseits.

Ich werde mich nie an diesen Rhythmus gewöhnen. Er fühlt sich so gar nicht nach Urlaub an. Stress beim Run um den Top Spot: Der Bug gerade zum Wind, nahe am Klo, viel Platz zum Manövrieren. Auch in Schweden ist es so. Wir schlagen wohl einfach aus der Art.

Dagegen hilft Ankern. Idealtypisch das Synonym für Freiheit. Das Gegenteil vom Päckchenliegen, der Inbegriff von Abstand. Dabei genieße ich das Abenteuer-Gefühl, mal ganz ohne Handbuch-Tipps nur nach der Wetterkarte den besten Platz zu suchen. In den Schären gibt es genügend Möglichkeiten. Ostwind ist angesagt, also Schutz im Osten hilfreich.

Eigentlich ein großer Spaß, der bei der Skipperin aber selten echtes Entzücken erzeugen will – um es vorsichtig auszudrücken. Sie weiß ja, was kommt, muss das nicht haben und verdreht – zumindest innerlich – das eine oder andere Auge. Sie sagt, ich würde dann immer diesen irren Blick aufsetzen, wenn die Suche losgeht.

Dabei hat sie diese Geschichten im Hinterkopf wie damals in Kroatien, als wir nachts im Päckchen am schleifenden Anker durch das Mittelmeer trieben und von einem Fischer per Scheinwerfer geweckt wurden. Oder als bei Korsika plötzlich diese fiese Dünung anrollte, und die Gläser in den Schapps splittern ließ, oder diese Nummer mit dem Heckanker an der Schäre oder, oder, oder…

Hier ist’s schön Schatz, oder?

Papperlapapp. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern. Aber sie schläft irgendewie vor Anker nicht gut. Da können noch so viele Alarme geschaltet werden. Doch der Junge darf spielen. Wir klappern ein paar Buchten im Norden von Tjörn ab. Hier ist’s doch schön, Schatz. Oder doch lieber da drüben?

Ich habe den Verdacht, dass es ihr egal ist. Hauptsache, dieses Spielchen ist bald vorbei. Der kleine Naturhafen Kalkerön wäre doch cool schatz, aber er ist nach Osten offen. Das kann doof werden, wenn man per Heckanker am Felsen liegt. – Na klar, Jaja, mach du mal…

Es beginnt, wieder zu nieseln. Ich muss mich langsam entscheiden. Die Liebste sucht schon heimlich auf der Karte nach dem nächsten Hafen. Also das Grundeisen ins Wasser. Den Bügelanker mit dem schönen, schweren Kettenvorlauf. Hält nicht beim Test im Rückwärtsgang. Beim Aufholen saue ich mich mit dem Schlamm ein. Tolle Idee!

Vielleicht doch am Ufer festmachen? Da steckt sogar ein Nagel im Felsen. Von wegen. Optische Täuschung. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um die Notdurft einer offenbar besonders stattlichen Möwe.

Okay, ein Versuch noch mit dem Danforth-Anker. Der muss doch halten im Matsch. Es ist ja auch wirklich windstill. Passt. Hinten noch das schwere Bügelteil ins Wasser, um das Schwojen abzustellen, und prompt liegen wie in Abrahams Schoß. In der Abdeckung ist das Wasser spiegelglatt. 

Toll Schatz. Nicht wahr? Ich meine, ein gewisses Aufatmen zu vernehmen. Hat die Aufregung endich ein Ende. Ich habe meinen Spaß am einsamen Plätzchen, aber sie bereitet sich auf eine unruhige Nacht vor. Ich kann noch so viele Alarme einstellen, sie wird doch immer mal wieder aufschrecken.

Aber alles geht gut. Nur das versprochene Cockpit-Frühstück fällt aus. Dauerregen prasselt auf die Vorschiff-Luke. Umdrehen, weiterschlafen. Immerhin sind hier keine Brüllruder-Geräusche zu erwarten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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