Knarrblog Rolex Baltic Week: So war der Titelkampf auf „Trivia“

Mann über Bord

Harter Luvkampf bei über 20 Knoten. Der Baum von “Trivia” schleift im Wasser als “Vanity” und “Anitra” hochkommen. © Tanja Weichenhain

Vize-Weltmeister, na ja. Hört sich nicht so schlecht an. Aber wenn von zehn Yachten eigentlich nur fünf Gegner einigermaßen auf Augenhöhe segeln – warum ist es dann eigentlich eine WM? – dann relativiert sich die Leistung. Es zählt nur der Titel. Das war das Ziel. Am letzten Tag verpeilt.

Zwei Laufsiege, und alles wäre gut gewesen. Ein aufregender vierter Renntag versetzte uns in die Lage, es aus eigener Kraft schaffen zu können. Zwei Läufe. Den ersten um eine halbe Länge gegen „Vanity“ verloren, den zweiten mit genau diesem Abstand gewonnen.

Der Amerikaner David war an Bord. Ein Kenner der Zwölfer-Szene, der sich für einen Eigner um den Nachbau eines „Trivia“-Schwesterschiffes kümmert und diese Schiffe im Rennbetrieb sehen wollte. Er strahlt über das ganze Gesicht. Glück gehabt. Er hat zwei irre Rennen bei 20 Knoten Druck gesehen.

Zweimal entschied die letzte Vorwind-Strecke. Mit Zwölfern kann  man bei Rückenwind exzellent angreifen. Tiefer Kurs, große Abdeckung. „Vanity“ halst, wir wollen in Luv mit. Aber die Schot hat sich um die Spibaumnock gedreht. Passiert sonst nie. Rollo muss in luftiger Höhe zum Stangenende klettern. Chance vertan.

Beim zweiten Mal gehen wir wieder einige Längen hinter den Dänen um die letzte Luvtonne. Wir halsen schnell nach der Tonne, rauschen mit einer Böe heran und vorbei. „Vanity“ schwenkt zu spät auf unseren Kurs ein.

Sie kommen von Lee. Auf der Bugspitze schreit der russische Miteigner, der zuletzt das russische Volvo Ocean Race Team mit dem österreichischen Skipper Andreas Hanakamp auf halbem Weg um die Welt geschickt hatte, bevor das Geld ausging.

Er schreit: „Overlap“, während ich auf dem Achterdeck das Gegenteil anzeige. Ein Dejavu Erlebnis. Zwei Tage zuvor war es mir nicht gelungen, im Protestraum die Jury von der gebrochenen Überlappung und fehlenden Luvrechten zu überzeugen.

Diesmal sind wir gewappnet. Es wird gefilmt und fotografiert. Irgendwann bleibt auch der rufende Russe ruhig. Seine Schreie wandern achteraus.

Dann der letzte Renntag, das erste Rennen. Es geht um den Gesamtsieg. Die linke Seite ist traditionell besser. Uns gelingt der beste Start der Woche. Mit Speed an der Linie, frei raus, „Sphinx“ und „Vanity“ etwas versetzt in Luv. Wir sollten sie abklemmen können.

Aber es funktioniert nicht. Die Anliegelinie nähert sich, wir sind blockiert. Ein kleiner Hoffnungsschimmer als „Vanity“ wendet und „Sphinx“ mitgeht. Ein zweites Leben. In starker Position dürfen wir zur Marke stechen. Aber der Wind dreht etwas rechts. „Sphinx“ klemmt uns ab, wir versacken im Verkehr, das Rennen ist gelaufen, der Titelkampf vorbei.

Das letzte Lauf ist bedeutungslos. Nur noch Silber retten. Wieder schlechte Chancenverwertung und plötzlich „Mann über Bord!“ Ich greife noch zu, die orange Weste ist sofort aufgeblasen, aber bei acht Knoten am Wind ist nichts zu machen. Der Mann rutscht durch die Finger.

Wir drehen einen Kreis. Blöderweise wird er von einem Motorboot aufgesammelt, bevor wir ihn erwischen. Das ist „Hilfe von außen“ und verboten. Die Kollegen von der „Sphinx“ wollen zurecht protestieren. Aber der DQ würde am Endergebnis nichts ändern.

Es bleibt eine spannende Woche mit großem Sport bei starkem Wind. Der Zweikampf mit „Vanity“ ging verloren. Das bessere Team hat gewonnen. Immerhin haben wir auf hohem Niveau dagegen gehalten.

Diese Oldtimer-Zwölfer sind anstrengend zu segeln. Es muss viel passen, bis die 16 Menschen an Bord zusammen funktionieren. Es geht am Ende genauso um Winddreher, gute Starts und fehlerfreie Manöver wie bei anderen Schiffen. Aber man vergisst manchmal, wie hübsch das von außen aussieht.

Erst beim Einlaufen, wenn die Menschen am Steg mit großen, bewundernden Augen herüber sehen, wird einem bewusst, welche Augenweide diese Schiffe sind. Umso besser, dass sie nicht in irgendeinem Museum verrotten, sondern das tun, wofür sie gebaut wurden: Das Segeln harter Regatten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog Rolex Baltic Week: So war der Titelkampf auf „Trivia““

  1. avatar Spahl sagt:

    Dieser Bericht, wie viele andere auch direkt von der Bahn, ist mal wieder Spitze!
    Klar, offen, spannend als wäre man direkt mit a/B

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

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